Rezension zu meinem Roman "Letter"

von Lars Winsel

 

Jeder Spiegel-Leser weiß, Hannover ist das Letzte. Hermann weiß es auch, und er kommt, schlimmer noch, aus Letter, einem Vorort von Hannover. In Letter kann man nicht erwachsen werden, nur alt. Hier gibt es einfach nichts, nicht einmal Loser. In Letter heißt das Versager und ist auch so gemeint. Von postmodernen Attitüden verstehen die Letteraner nichts. Deshalb muss Hermann zum Studium nach München.

Was Frank Jankowski im Folgenden beschreibt, ist ein Rennen. Raus aus der Provinz, um jeden Preis. Dieses Rennen wird seinen Helden später das Leben kosten, aber anders als geplant.

Nach unerwartet kurzer Zeit scheint sein Ziel in greifbarer Nähe. Er begegnet dem Gegenentwurf zu den rotgefärbten Emanzipationsabziehbildern und kichernden Strickliesen seiner Schulzeit. Einer Frau. Das ist die großbürgerliche Studienkollegin Svetlana. In ihrer Liga enden Familientragödien nicht bei Pro Familia sondern in europäischen Geschichtsbüchern. Talent beweist sich auf natürliche Art in Konzertsälen statt vor dem Grinsen eines Ökö-Rednecks in der großen Pause.

Hermann will Svetlana und er will einen Stammplatz in der Championsleague. Doch die weltläufige Härte Svetlanas ist Hermanns bitterste Lektion. Natürlich wird er sie verlieren, natürlich ist es ungerecht, natürlich macht er sich zum Idioten. Aber er wird die Dinge fortan mit chirurgischer Klarheit sehen. Dieses Talent hat er an ihrer Seite entdeckt. Und außerdem ist er gerade mal 25. Und für den Anfang war das ja nicht schlecht. Also auf in die nächste Stadt, Berlin. Wer will Anfang der 90er schon in der satten bayrischen Provinz versauern?

 

Aber die Wende ist eine miese Zeit für Sieger. Außerdem fehlt Hermann inzwischen die Naivität für Blitzsiege. Die plumpen Glücksritter, das tägliche fiese Kaspertheater aus lahmem, dreistem Betrug - das ganze digitale Biedermeier widert ihn an. Als wäre er Jahr um Jahr sitzen geblieben in der riesigen Klasse eines ungeheuren Dorfgymnasiums.

Den persönlichen Alltag durchläuft Hermann wie in Trance, zeugt ein Kind, setzt seine Beziehung in den Sand, denkt an Svetlana, die Ikone seiner Jugend, verlegt sein Leben mehr und mehr in einen Brief an sie und igelt sich in geschliffenen Sarkasmen ein.

Aber einmal will er beweisen, dass das Leben ein Kunstwerk ist. Ein Gesamtkunstwerk aus Verve, Präzision und Mut. Er wird seine Jugendliebe Svetlana aufspüren, sie entführen und ihr den Brief vorlesen. Der böse Clown inszeniert den elitärsten denkbaren Coup für die auserlesenste Rezipientin. Danach wird er sich das Leben nehmen.

Der Plan gelingt. Svetlana zeigt sich beeindruckt. Ungläubig erfährt Hermann, was es heißt, das Heft in die Hand zu nehmen und zu gewinnen. Mit aller Frechheit, Hingabe und Aufrichtigkeit schafft Hermann das Unmögliche: Ein Mensch hört ihm zu, ist ihm nah, zeigt Respekt. Svetlana ist ein Mensch. Punkt. Und er ist auch einer. Das war's. Fast erscheinen ihm die Geister seiner Jugend lächerlich; er ist erwachsen geworden. Fast. Da greift aus Versehen die Hand Gottes in die Handlung und tötet Svetlana. Das war's. Jetzt weiß er wirklich wie das Leben läuft. Ein extrem komplexes Kunstwerk von einem Witz, mit individualisierter Pointe für jeden. Er hat sein Leben in westlicher Symbolik und Semiotik verfummelt. Sonst nichts. Ein Schwätzer. Er hat aus seiner Zeit nicht mehr gemacht als all die kalten Klumpen, die durch den Weltraum fliegen. Er braucht sich nicht mehr zu töten, denn er hat nie existiert. Hermann ist ein Versager, im letterschen Sinn, denn er hat nie kapiert, dass Provinz nur im eigenen Kopf existiert.