{"id":121,"date":"2001-04-08T22:54:27","date_gmt":"2001-04-08T20:54:27","guid":{"rendered":"http:\/\/frankjankowski.de.w01a8fb4.kasserver.com\/wp_textblog\/?p=121"},"modified":"2024-04-09T08:55:23","modified_gmt":"2024-04-09T06:55:23","slug":"chinous-moira","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/frankjankowski.de\/wp_textblog\/chinous-moira\/","title":{"rendered":"Chinous Moira"},"content":{"rendered":"\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Eine Kurzgeschichte von Frank Jankowski aus dem Jahr 2001 oder so. Und das einzige, was hierbei nicht der hundertprozentigen Wahrheit entspricht, sind die Namen.<\/h3>\n\n\n\n<p>Seine Geburt f\u00e4llt mit der Klimax der Silvesterfeier 1962\/63 zusammen. <br>Bleibt von den berauschten \u00c4rzten und Schwestern der Entbindungsstation unbemerkt.<br>Weshalb kein Geburtsschein ausgestellt und sein Geburtsjahr sp\u00e4ter willk\u00fcrlich festgelegt wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Flucht aus Biafra. 1968. Seine deutsche Mutter weckt den Sechsj\u00e4hrigen mitten in der Nacht, ihn und seine zwei Geschwister &#8211; befiehlt, Schuhe anzuziehen, verabreicht ihm eine Ohrfeige, die einzige, an die<br>Chinou Charles Olaudah W.<br>sich als Erwachsener wird erinnern k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Schuhe! Er ist immer barfu\u00df gegangen, selten in Sandalen. Die Schuhe sind zu klein, er weigert sich, erntet die Backpfeife. <br>Sie besteigen eine Dschunke, vaterlos, schippern den schwarzen Strom flu\u00dfaufw\u00e4rts, nach dem zwei Staaten benannt worden sind. Ein Kanonenboot kommt ihnen entgegen. Sie werden beschossen, halbherzig, mehr zum Spa\u00df, die Sch\u00fcsse erhellen die Nacht wie Blitze. Ein Fl\u00fcchtling der Dschunke f\u00e4llt.<\/p>\n\n\n\n<p>Chinou wird sich sp\u00e4ter an das erstaunlich helle, fluoreszierende, ja leuchtende Blut erinnern, das in jener Nacht aus dem R\u00fccken des Fremden sickert. Am Flugplatz angekommen, hetzen sie \u00fcber eine gro\u00dfe gr\u00fcne Wiese, besteigen ein Propellerflugzeug, fliegen hoch \u00fcber der Heimat, sehen ein bombastisches, \u00fcberirdisches Feuerwerk, von dem die \u00fcbrige Welt keine Notiz nimmt \u2013 die anderen, die nah- und fern\u00f6stlichen Feuerwerke am Jordan und am Mekong sind der Welt n\u00e4her\u2026<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">***<\/p>\n\n\n\n<p>Er besuchte Klasse drei, als ich ihn zum ersten Mal sah. Seine Fremdheit war sichtbar. Meine nicht. Weshalb er mich acht Jahre sp\u00e4ter im ersten Semester Englisch-Leistungskurs auch nicht wiedererkannte. Wo hatte er in der Zwischenzeit gesteckt?<\/p>\n\n\n\n<p>Sein Vater lebt in Nigeria. Man wu\u00dfte nicht, wo das liegt \u2013 ein unpopul\u00e4res Land, ohne Apartheit, ohne Serengeti, ohne Kriege nach au\u00dfen, ohne Fremdenverkehr nach innen. Popul\u00e4r war nur der Bundesstaat, in dem er zur Welt gekommen war.<\/p>\n\n\n\n<p>Biafra. Das Bild seines vermeintlichen Spielkameraden ist das erste Pressefoto, an das ich mich erinnere: Das Biafrakind. Schwarz-wei\u00df. Grobk\u00f6rnig. Harter Kontrast. Effektvoll. <br>Das Biafrakind blickt mich wohlwollend an, g\u00fctig, aber sein Ausdruck ist spiegellos, als h\u00e4tte es den inneren Frieden schon gefunden. Der prall aufgepustete Bauch: Eine Wucherung in den Unterhautgewebsspalten, ein \u00d6dem, die Folge von Hypoprotein\u00e4mie, Eiwei\u00dfmangel im Blut. Der medizinische Befund lautet \u201ePr\u00e4mortales Hungerstadium nach unzureichender exogener Nahrungszufuhr\u201c&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Was, um Himmels Willen, versteht der Mediziner unter endogener Nahrungszufuhr?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">***<\/p>\n\n\n\n<p>Am Gymnasium ist Chinou Charles Olaudah der st\u00e4rkste, sportlichste und beliebteste Sch\u00fcler. Und sein Englisch ist das beste von allen. Wenn er im Winter auf seinem Bett einen Floh findet, nimmt er ihn unter seine Decke.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine menschliche, herzliche Gr\u00f6\u00dfe.<\/p>\n\n\n\n<p>Seine vollkommene Selbstlosigkeit und Opferbereitschaft werden ihn scheitern lassen, das entspricht einer gewissen Folgerichtigkeit. \u2013 In Chinous Begleitung ist man \u00fcberall gerne gesehen \u2013 in Diskotheken, Billardsalons, im Bundesleistungszentrum, auf dem Sch\u00fctzenfest. Wenn Chinou Geld hat, haben auch seine Begleiter Geld.<\/p>\n\n\n\n<p>Spendabel als verteile er Werbegeschenke. Mit ihm zusammen ist alles selbstverst\u00e4ndlich und einfach. Chinou nennt jeden &#8218;Freund&#8216;. Niemand wei\u00df, welchen Stellenwert man in seinem Leben einnimmt, ob man einer von hundert oder einer von zwanzig ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Oder einer von dreien. Ich lernte, damit zu leben, fand mich damit ab, wie auch mit seinem Geheimnis.<br>Das Moira hie\u00df.<br>Er redete nie mehr als drei Worte \u00fcber sie, wich meinen Fragen aus. Nur einmal, ein einziges, sehr betrunkenes Mal pries er ihre Einzigartigkeit, ihre Sch\u00f6nheit und St\u00e4rke. Ihre Gewandtheit. Niemals zuvor oder danach sprach er in solchen Farben, mit dieser Stimme von einer Frau.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie war seine gro\u00dfe Liebe. Und der Name pr\u00e4gte sich ein. Als Sinnbild weiblicher Verlockung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">***<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Sportsmann. Ein Sportgeist.<br>&#8218;Sport&#8216;: aus dem altfranz\u00f6sischen &#8217;se desporter&#8216;, m\u00fcndet ins englische &#8218;disport&#8216;: &#8218;Zerstreuung&#8216;, &#8218;Vergn\u00fcgung&#8216;.<br>F\u00fcr Chi-Boy, wie seine Freunde ihn nannten, ist es mehr als das: Sport ist seine Bestimmung, seine Religion. Er ist ihr Erfinder, ihr Beherrscher, und der Sprungturm des Stadionschwimmbads ist sein Thron. Er klettert auf die Zehnmeter-Plattform, dr\u00fcckt sich in den Handstand, wippt kerzengerade nach hinten in den freien Fall, schraubt sich um beide Achsen in die Tiefe und taucht exakt vertikal ins Wasser ein&#8230; Er habe das im Fernsehen gesehen und selbst einmal ausprobieren wollen.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Turnhalle stellt er sich unter den Basketballkorb, b\u00fcndelt seine Atmung, federt vom Boden ab, erreicht tats\u00e4chlich mit der Fu\u00dfspitze den Metallring, an dem der Korb befestigt ist, und l\u00e4\u00dft diesen sekundenlang erzittern. Meister des Viet-Wo-Dao.<br>Chi-Boy ist der Star des Gymnasiums. Die st\u00e4dtischen T\u00fcrsteher machen Diener vor ihm. Die furchtlosesten und aggressivsten Schl\u00e4ger erweisen ihm stets ein L\u00e4cheln.<\/p>\n\n\n\n<p>Chi-Boy war unverletzbar, unber\u00fchrbar, w\u00e4re das auch ohne die vietnamesische Stra\u00dfenkampfkunst gewesen, konnte jedem davonlaufen, bis weit \u00fcber Niedersachsens Grenzen hinaus, jedem. Post-SV und die anderen ma\u00dfgeblichen Leichtathletik-Vereine machten ihm Geschenke, auf da\u00df er bei den gro\u00dfen Meisterschaften in ihren Farben arbeite \u2013 ohne Training. Sein Training waren die Meisterschaften. Chi-Boy trainierte nicht, Chi-Boy hatte Spa\u00df. Medaillen, Urkunden, Preise, Schulterklopfen. Chi-Boy hob nichts davon auf, sammelte nichts. Jeder Mensch sammelt irgendetwas, und sei es Geld oder Briefe. Chi-Boy nicht. Er besa\u00df nichts, behielt nichts, konnte jederzeit, jeden Augenblick fortziehen. Seine gesamte Habe pa\u00dfte in die Innentaschen seines ockerfarbenen Lederjackets. Dieses Jacket war das einzige, was er nicht kampflos aufgegeben h\u00e4tte, es war sein Gro\u00dfod, sein Zauberschutz, sein magisches Zeichen, seine Hinterlassenschaft, seine einzige Abh\u00e4ngigkeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Moira hatte es ihm geschenkt.<\/p>\n\n\n\n<p>H\u00e4tte ihn jemand gef\u00f6rdert, h\u00e4tte ihn jemand gezwungen, von der athletischen Kunst Profession zu machen, wandelte er heute durch die Sportpresse.<\/p>\n\n\n\n<p>Jedenfalls nicht durch den Innenhof einer Irrenanstalt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">***<\/p>\n\n\n\n<p>Der einzige jedoch, der \u2013 au\u00dfer Moira nat\u00fcrlich \u2013 \u00fcber die Macht verf\u00fcgte, Chinou zu etwas zu zwingen, war der Multimillion\u00e4r T.T., lang gesprochen, Tie-Tie, blo\u00df nicht kurz, sein Vater, der ihn zwingt, in Oxford Jura zu studieren. Um das Familien-Imperium zu verteidigen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich lernte T.T. auf der Fahrt von Enugu nach Jos kennen. Eine Tagesreise im wei\u00df gepanzerten Lincoln. Vor und hinter uns fuhren je zwei teuer bewaffnete Leibw\u00e4chter in einem wei\u00dfem Toyota und einem wei\u00dfen Peugeot.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf den einsamen \u00dcberlandpisten, die sich schnurgerade durch Nigerias Tropen ziehen, zeugen unz\u00e4hlige Bombenkrater von dem B\u00fcrgerkrieg, dem Chinou entflohen war. Manche L\u00f6cher so gro\u00df und so tief wie die Swimmingpools der Costa Blanca.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich bat, den Convoy anhalten zu lassen, um Bananen zu kaufen. T.T. lie\u00df das nicht zu. Kaufte bei der n\u00e4chsten Gelegenheit eigenh\u00e4ndig ein B\u00fcndel giftgr\u00fcner Bananen. Als ich ihn davor bewahren wollte, wies er mich zurecht: Er lebe seit sechzig Jahren in diesem Land, m\u00fcsse sich mit Bananen folglich besser auskennen. Nachdem er den ersten Bissen angeekelt ausgespuckt hatte, blickte er mich an, wie ein Fechtmeister seinen Sch\u00fcler anblickt, zum ersten Mal von ihm getroffen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich war \u00fcber die Bitterkeit dieses Obstes erstaunter als irgendjemand sonst, so \u00fcberw\u00e4ltigend hatte die Autorit\u00e4t dieses Mannes auf mich gewirkt, der Chinous Vater war.<\/p>\n\n\n\n<p>Zuhause erfuhr ich aus dem Lexikon, dass dieser ingwerartige Bedecktsamer erst im Mittelalter von S\u00fcdostasien \u00fcber Indien in den arabischen Raum gelangt war, und Arabische H\u00e4ndler sie dann nach Afrika und Europa importiert hatten.<\/p>\n\n\n\n<p>Autorit\u00e4t, diese zwingende Macht des \u00dcberlegenen, ist etwas Angeborenes, man verliert sie nicht. Chinous Vater verlor sie nicht einmal in Badehose, in der Thermalquelle zu Jos. Sein ganzer K\u00f6rper war so wei\u00df wie mein eigener. Kichernde und wiehernde Paviane versammelten sich auf den Uferfelsen. Der Chief von Enugu sah aus, als h\u00e4tte er in Domestos gebadet und dabei nur Kopf und H\u00e4nde herausgehalten. Aber jede Komik, jede L\u00e4cherlichkeit dieses Anblicks erstickte im steinernen Vakuum seiner Autorit\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">***<\/p>\n\n\n\n<p>Kurz nach unserer Nigeria-Reise wurde Chinou zum ersten Mal eingeliefert. Das hei\u00dft, ich dachte, es sei das erste Mal gewesen. Tagelang hatte er sich nicht gemeldet. Ich erfuhr es von seiner Mutter.<\/p>\n\n\n\n<p>Und dann. Stand er vor mir. In einem zu gro\u00dfen Jogginganzug, aus dem seine schlanken sehnigen Fesseln verloren herausragten. An den F\u00fc\u00dfen abgetragene Anstaltspantoffeln. Seine sanften, klaren Z\u00fcge waren erblichen und verkniffen. Starrer Blick aus m\u00fchselig halbge\u00f6ffneten Augen. Die Arme aus irgendeinem Grund angehoben &#8211; vielleicht, um das Gleichgewicht zu halten oder auf die Umarmung vorbereitet zu sein. Er nuschelte meinen Namen mit Ausrufezeichen, ohne seine vertrockneten, aufgesprungenen d\u00fcnnen blassen Lippen zu bewegen. Schlurfte schwerf\u00e4llig auf mich zu, der ich erschrocken dastand, bl\u00f6de stammelnd. Chinou sp\u00fcrte die Angst. Umarmte mich. Nicht ich war es, der Beistand brauchte&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Ich roch den toxischen Atem. Der Druck seiner Umarmung nahm stetig zu. Ein knarrender Schraubstock. Schon konnte ich nicht mehr atmen. F\u00fcrchtete zu ersticken. F\u00fcrchtete Rippenbr\u00fcche. Setzte seiner Umarmung meine Umarmung entgegen. Dr\u00fcckte aus Leibeskr\u00e4ften zu. Es war ein Kampf. Ein Existenzkampf.<\/p>\n\n\n\n<p>Als mir das bewu\u00dft wurde, im selben Moment, lie\u00df der Koloss nach. Hob mich an, als sei ich ein Kind. Hatte nicht gegen mich gek\u00e4mpft, sondern gegen einen D\u00e4mon.<\/p>\n\n\n\n<p>Ausl\u00f6ser der Psychose ist ein Joint gewesen. Den Moira gedreht hatte. Vorletztes Mal, letztes Mal und auch dieses Mal.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn ein Bewu\u00dftsein so weit gespannt ist wie das seinige, bringt ein Kr\u00fcmel THC es leicht zur Explosion. <br>Oder Implosion. Das ist nichts Besonderes. Besonders ist nur die Renitenz eines verbrannten Kindes, sich vor dieser Erkenntnis zu verschlie\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir spazierten durch den Innenhof der Nervenklinik. Chinou berichtete langsam, stichwortartig.<br>Da\u00df er sechs N\u00e4chte nicht geschlafen habe.<br>Da\u00df er sich f\u00fcr Gottes Sohn gehalten habe. F\u00fcr den Erl\u00f6ser.<br>Da\u00df er eine Handvoll Polizisten, die ihn hatten dingfest machen wollen, verletzt habe.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich war irgendwie stolz auf ihn. <\/p>\n\n\n\n<p>Er irgendwie nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Hinter den beiden Schlitzen, die von seinen geschwollenen Lidern standhaft offen gehalten wurden, blitzte etwas Gewaltt\u00e4tiges auf &#8211; ich erlebte auch das zum ersten Mal. Es gibt Situationen, da kann er es nicht leiden, festgehalten zu werden.<br>Da l\u00e4sst man ihn am besten einfach machen&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Er hatte seinen BMW 850 CSI, diesen damals schnittigsten Protz auf R\u00e4dern, gegen eine Laterne gelenkt. Am Steuerrad eingeschlafen, mitten in der Stadt, mitten am Tag, w\u00e4hrend der Fahrt.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcnf, sechs uniformierte M\u00e4nner \u00fcberw\u00e4ltigen ihn, bringen ihn her.<\/p>\n\n\n\n<p>Man m\u00e4stet ihn. Mit Valium und Haloperidol. Legt ihn lahm. Das Bild eines benommen sich umschauenden m\u00e4chtigen Toros, dem sie die Klinge in den Nacken durch den halben Torso ins Herz gespie\u00dft haben. Poetisch, nicht?<\/p>\n\n\n\n<p>Der Torso des Toros?&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich wieder drau\u00dfen war, hinter den beiden Automatikt\u00fcren aus Panzerglas, im Treppenhaus, setzte ich mich auf die Stufen und zweifelte.<\/p>\n\n\n\n<p>Sonderbare Zweifel:<br>Woher wu\u00dfte er eigentlich pl\u00f6tzlich wieder so genau?<br>Und die anderen: da\u00df er nicht der Erl\u00f6ser ist?<\/p>\n\n\n\n<p>Sechs Tage und N\u00e4chte ohne Schlaf&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Ich selbst, wenn ich eine Nacht auslasse (eine Nacht) schweben mein Ich und mein Es den gesamten n\u00e4chsten Tag kopfsch\u00fcttelnd um mich herum. Ich habe das einige Male erlebt. Zwei N\u00e4chte ohne Schlaf habe ich noch nicht erlebt. Drei N\u00e4chte? Die Tr\u00e4ume eines Untoten stelle ich mir fr\u00f6hlicher vor. Vier N\u00e4chte. Das Grauen. Eine Tortur, die bei mir bleibende St\u00f6rungen auf allen Ebenen des K\u00f6rpers und Geistes nach sich z\u00f6ge \u2013 und wahrscheinlich den Verlust der Seele.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Rest, die f\u00fcnfte, sechste Nacht, liegt jenseits.<br>Meiner Fantasie&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">***<\/p>\n\n\n\n<p>Zwei Jahre sp\u00e4ter verbrachten wir eine Woche im Londoner Appartement seines Vaters. Zum Abendessen hatte er eine alte Bekannte eingeladen. Ngozi. Igbo, wie er selbst. Eine aufgeweckte, energische Frau. Mit einem Sexappeal, aus dem man m\u00fchelos zwei h\u00e4tte machen k\u00f6nnen. Ihren Lebensunterhalt verdiente sie als Ledermodendesignerin. Die beiden waren sich auf geschwisterliche, jedenfalls besondere Art vertraut.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir verbrachten einen guten, sch\u00f6nen Abend zu dritt.<\/p>\n\n\n\n<p>Als sie vor dem Zubettgehen Chinou, den Gl\u00fccklichen, fragte, ob sie bei ihm schlafen d\u00fcrfe, murmelte der zu meiner allergr\u00f6\u00dften Verbl\u00fcffung, sie m\u00f6ge eines der drei freien Schlafzimmer nehmen, h\u00e4ndigte ihr einen vakanten Schlafanzug aus, sagte Gutnacht und legte sich hin.<\/p>\n\n\n\n<p>Ngozi zog sich um, setzte sich zu mir auf die Empire-Chaiselonge und bat mich, den Fernseher einzuschalten \u2013 mal sehen, was Umaru Dikko macht, der den Nigerianern zw\u00f6lfeinhalb Milliarden Dollar geklaut hatte, und deshalb aus seiner Londoner Villa gekidnappt worden war. Ein j\u00e4mmerlicher Coup: Ex-Mossad-Agenten \u00fcberfallen den Milliard\u00e4r am hellichten Tag vor seiner Villa, pumpen ihm Pentathol in die Vene und pferchen ihn zusammen mit dem An\u00e4sthesisten in eine Kiste, um ihn als Diplomatengep\u00e4ck mit einer leeren Frachtmaschine der Nigerian Airways direkt nach Lagos zu schaffen\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Ngozi schlief ein, ehe ich auch nur einen Nachrichtensender geortet hatte. Ihre vollendeten vollmilchschokoladenbraunen F\u00fc\u00dfe, deren Sohlen genauso hell waren, wie T.T.s Bauch, gerieten (wohl aus Versehen) auf meinen Scho\u00df. So brennend die Verlockung auch war, sie zu ber\u00fchren, zu streicheln, ich traute mich nicht, spielte einfach nicht in ihrer Liga. Nach einer ganzen Weile der Huldigung ihrer sich hebenden und senkenden Brust und ihres restlichen sch\u00f6nen und \u00fcbrigens auch \u00fcberaus wohlriechenden K\u00f6rpers, fasste ich mir ein Herz, hob ihre Fesseln behutsam an, wollte mich davonstehlen, schlafen legen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Sie erhob sich ebenfalls, begleitete mich wie einen langj\u00e4hrigen Geliebten\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Am n\u00e4chsten Morgen war Chinous Laune, im Gegensatz zu meiner, eine schlechte. Und das war, wenn man die Ma\u00dfst\u00e4be der Wahrscheinlichkeitsrechnung anlegt, etwas sehr Unwahrscheinliches. Ich vermutete die Ursache in der ungenierten n\u00e4chtlichen Ruhest\u00f6rung durch unseren lauten Gast.<br>Der nun singend das onyxgekachelte Bad kultivierte.<\/p>\n\n\n\n<p>-\u201eGeile Frau!\u201c grinste ich aufmunternd, anerkennend, dankend.<br>-\u201eDas? Das ist &#8217;ne Schlampe.\u201c Chinou stand auf.<br>-\u201eHm.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Dann pochte er laut gegen die Badezimmert\u00fcr und rief grimmig:<br>-\u201eEy, Moira, what&#8217;s up?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Moira?! \u2013 Wieso Moira?&#8230;<br>-\u201eIch denke, sie hei\u00dft Ngozi!?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>-\u201eJa, auch.\u201c<br>-\u201eUnd wieso\u2026?!\u201c \u2013 Ich musste schlucken. \u201eDoch nicht etwa DIE Moira!?\u201c<br>-\u201eWelche sonst?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">***<\/p>\n\n\n\n<p>Kein Epilog. Alles gesagt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Kurzgeschichte von Frank Jankowski aus dem Jahr 2001 oder so. 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