{"id":129,"date":"1990-04-09T08:39:52","date_gmt":"1990-04-09T06:39:52","guid":{"rendered":"http:\/\/frankjankowski.de.w01a8fb4.kasserver.com\/wp_textblog\/?p=129"},"modified":"2020-04-23T13:23:23","modified_gmt":"2020-04-23T11:23:23","slug":"gogol","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/frankjankowski.de\/wp_textblog\/gogol\/","title":{"rendered":"Turgenjew \u00fcber Gogol"},"content":{"rendered":"\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Eine h\u00f6chst aufschlussreiche biographische Skizze von Ivan Turgenev aus dem Jahre 1868.<\/h3>\n\n\n\n<p>Aus dem Russischen exklusiv \u00fcbertragen von Frank Jankowski &#8211; Stand: 1990<\/p>\n\n\n\n<p>Der verstorbene Michail Semjonovitsch Schtschepkin f\u00fchrte mich bei Gogol ein. Ich erinnere mich an den Tag unseres Besuchs: Es war der 20. Oktober 1851. Gogol lebte damals in Moskau, bei dem Grafen Tolstoj, in der Nikitskijstra\u00dfe, im Hause Talyzins. Wir erschienen um ein Uhr nachmittags. Er empfing uns recht famili\u00e4r. Nachdem wir eingetreten waren, erblickte ich Gogol, wie er mit einer Feder in der Hand vor seinem kleinen Kontor stand. Er trug einen dunklen \u00dcberrock, eine gr\u00fcne Samtweste und braune Pantalons. <br>Eine Woche zuvor hatte ich ihn im Theater bei der Revizor-Auff\u00fchrung gesehen. Er sa\u00df in einer Loge der Beletage direkt neben der T\u00fcr, und w\u00e4hrend er den Kopf zwischen den Schultern zweier korpulenter Damen herausstreckte, die ihm als Schutz vor der Neugier des Publikums dienten, verfolgte er mit nerv\u00f6ser Unruhe das B\u00fchnengeschehen.<br>F., der unmittelbar neben mir sa\u00df, hatte mich auf ihn aufmerksam gemacht. Ich drehte mich schnell nach ihm um, um einen Blick auf ihn zu werfen; offenbar hatte er meine Bewegung jedoch bemerkt und wich zur\u00fcck in die Ecke. Mich hatte die Ver\u00e4nderung verbl\u00fcfft, die seit 1841 mit ihm vorgegangen war. Ich war ihm damals zwei, drei Male bei Avdotja Petrovna Je-na begegnet. Zu dieser Zeit war er untersetzt, kompakt und gedrungen. Nun erwies er sich als ein magerer und abgezehrter Mensch, der bereits auf seinen Lebensabend zusteuert. Irgendein bedr\u00fcckender Schmerz, eine Sorge, eine Art trauriger Unruhe hatte sich des pausenlos beobachtenden Ausdrucks seines Gesichts bem\u00e4chtigt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">***<\/p>\n\n\n\n<p>Als er Schtschepkin und mich erblickte, kam er uns sogleich mit fr\u00f6hlichem Blick entgegen, und w\u00e4hrend er mir die Hand sch\u00fcttelte, sagte er: &#8222;Unsere Bekanntschaft war l\u00e4ngst \u00fcberf\u00e4llig&#8220;.<br>Wir a\u00dfen. Ich hatte neben ihm auf dem breiten Divan platzgenommen; Michail Semjonovitsch sa\u00df direkt neben ihm in einem Sessel. Ich betrachtete seine Z\u00fcge etwas eindringlicher. Sein hellblondes Haar, das wie bei den Kosacken gerade von den Schl\u00e4fen herunterfiel, hatte noch die Farbe der Jugend bewahrt, doch es lichtete sich bereits merklich. Wie eh und je verstr\u00f6mte seine sanft fliehende, glatte, wei\u00dfe Stirn Esprit. Um seine kleinen braunen Augen huschte von Zeit zu Zeit ein Anflug von Fr\u00f6hlichkeit echte Fr\u00f6hlichkeit, nicht etwa Spott; aber ansonsten machten sie einen m\u00fcden Eindruck. Die lange, spitz zulaufende Nase verlieh Gogols Physiognomie etwas Spitzb\u00fcbisches, Ausgefuchstes; in ihren unbestimmten Umrissen schlummerte so zumindest schien es mir die dunkle Seite seines Charakters: W\u00e4hrend er redete verbogen sie sich auf unangenehme Weise und entbl\u00f6\u00dftem eine Reihe schlechter Z\u00e4hne; sein kleines Kinn ging in das breite Halstuch aus schwarzem Samt \u00fcber. In Gogols Haltung und in seinem Gebaren lag weniger etwas Professorales, als vielmehr etwas Lehrerhaftes, etwas, da\u00df an die Lehrkr\u00e4fte an den Instituten und Gymnasien der Provinz erinnerte.<br>&#8218;Was bist du nur f\u00fcr ein intelligentes und seltsames und krankes Wesen&#8216;, dachte ich unwillk\u00fcrlich, w\u00e4hrend ich ihn betrachtete. Ich entsinne mich, zusammen mit Michail Semjonovitsch zu ihm gefahren zu sein, wie zu einem au\u00dfergew\u00f6hnlichen, genialen Mann, der nicht mehr ganz richtig im Kopf ist&#8230;<br>Ganz Moskau dachte so \u00fcber ihn. Michail Semjonovitsch hatte mich gewarnt, ihn auf die Fortsetzung der &lt;Toten Seelen&gt; anzusprechen, auf jenen zweiten Teil, an dem er sich schon so lange und hartn\u00e4ckig abgem\u00fcht hatte, und den er bekanntlich kurz vor seinem Tode verbrennen sollte; er m\u00f6ge diese Art von Gespr\u00e4chen nicht.<br>Den &lt;Briefwechsel mit Freunden&gt; h\u00e4tte ich schon von mir aus nicht zur Sprache gebracht, da ich \u00fcber ihn nichts Gutes h\u00e4tte sagen k\u00f6nnen. Im \u00fcbrigen war ich auch gar nicht auf irgendeine Diskussion vorbereitet, sondern hatte lediglich Lust versp\u00fcrt, mich mit einem Mann zu treffen, dessen Werk ich beinahe auswendig kannte. F\u00fcr die jungen Leute von heute ist es schwierig, jenen Zauber nachzuvollziehen, der damals seinen Namen umgab. Heutzutage gibt es ja auch niemanden, auf den sich die allgemeine Aufmerksamkeit so massiv konzentriert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">***<\/p>\n\n\n\n<p>Schtschepkin hatte mich schon im Vorfeld dar\u00fcber in Kenntnis gesetzt, da\u00df Gogol nicht gerade sehr redselig sei; in Wirklichkeit verhielt es sich anders. Gogol redete viel und lebhaft, wobei er jedes Wort gemessen ausstie\u00df und betonte, was nicht nur nicht unnat\u00fcrlich anmutete, sondern, im Gegenteil, seiner Sprechweise eine angenehme Gewichtigkeit und Eindr\u00fccklichkeit verlieh. Er sprach auf dem &#8218;o&#8216; &#8211; andere, f\u00fcr das russische Ohr weniger liebenswerte Eigenheiten das kleinrussischen Dialekts, waren mir nicht aufgefallen. Alle seine Worte wurden korrekt und sprachgewandt, geschmackvoll und treffsicher gesetzt. Der Eindruck der M\u00fcdigkeit, der kr\u00e4nkelnden, nerv\u00f6sen Unruhe, den er anf\u00e4nglich auf mich erweckte, war verschwunden. Er sprach \u00fcber die Bedeutung der Literatur, \u00fcber die Berufung des Schriftstellers; lie\u00df ein paar feine und wahre Bemerkungen \u00fcber den eigentlichen Arbeitsproze\u00df fallen, \u00fcber die, wenn man so sagen darf, Physiognomie des Schaffens an sich; und all dies mittels einer bildhaften, originellen Sprache &#8211; und das, so war mein Eindruck, ohne sich auch nur im Geringsten vorbereitet zu haben, wie es ja bei &#8218;Ber\u00fchmtheiten&#8216; fast immer der Fall ist.<br>Erst als er auf die Zensur zu sprechen kam, indem er sie fast r\u00fchmte, beinahe als ein Mittel heiligte, das dem Schriftsteller eine Routine verschaffe, seine F\u00e4higkeit, sein geistiges Kind zu verteidigen sowie Geduld und eine Menge anderer christlicher und weltlicher Tugenden zu f\u00f6rdern, erst da wurde mir klar, da\u00df er aus einem stereotypen Arsenal sch\u00f6pfte. Aber auf diese Art und Weise die Notwendigkeit der Zensur beweisen zu wollen, bedeutete das nicht auch, die Gerissenheit und Verschlagenheit der Sklaverei zu bef\u00fcrworten, um nicht zu sagen: zu loben?<br>Ich toleriere ja noch das italienische Gedicht \u00abWir sind Sklaven, ja aber Sklaven, die ewiglich entr\u00fcstet sind!\u00bb; aber eine scheinheilige Rechtfertigung und Verkl\u00e4rung der Sklaverei?.. nein! Besser gar nicht erst dr\u00fcber reden. In \u00e4hnlichen Stellungnahmen und Beurteilungen Gogols schlug sich der Einflu\u00df jenes brisanten H\u00f6henflugs nieder, dem ein Gro\u00dfteil des &lt;Briefwechsels&gt; gewidmet war: Von dorther kam auch dieser modrige, fade Geruch. Und \u00fcberhaupt wurde mir recht bald bewu\u00dft, da\u00df zwischen Gogols und meiner Weltanschauung ganze Welten lagen. Wir ha\u00dften nicht das gleiche und liebten nicht das gleiche; trotzdem erschien mir das alles in jenen Augenblicken unwichtig. Ein gro\u00dfer Dichter, ein gro\u00dfer K\u00fcnstler sa\u00df mir gegen\u00fcber und ich sah ihn an und h\u00f6rte ihm and\u00e4chtig zu, auch wenn ich nicht seiner Meinung war.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"867\" height=\"1024\" src=\"http:\/\/frankjankowski.de\/wp_textblog\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/turgenev-867x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-133\" srcset=\"https:\/\/frankjankowski.de\/wp_textblog\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/turgenev-867x1024.jpg 867w, https:\/\/frankjankowski.de\/wp_textblog\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/turgenev-254x300.jpg 254w, https:\/\/frankjankowski.de\/wp_textblog\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/turgenev-768x907.jpg 768w, https:\/\/frankjankowski.de\/wp_textblog\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/turgenev.jpg 1239w\" sizes=\"auto, (max-width: 867px) 100vw, 867px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">***<\/p>\n\n\n\n<p>Gogol wu\u00dfte wahrscheinlich von meinen Beziehungen zu Bjelinskij und Iskiander. \u00dcber den ersten der beiden, \u00fcber dessen Brief an ihn, verlor er kein Sterbensw\u00f6rtchen: Mit diesem Namen h\u00e4tte er sich die Zunge verbrannt. Allerdings war zu jener Zeit gerade Iskanders Artikel in einer ausl\u00e4ndischen Ausgabe erschienen, in welchem er Gogol wegen des ber\u00fcchtigten &lt;Briefwechsels&gt; Vorw\u00fcrfe gemachte hatte, da dieser von seinen fr\u00fcheren \u00dcberzeugungen Abstand genommen habe. Gogol fing selbst an, \u00fcber diesen Artikel zu reden. Aus den Briefen, die erst nach seinem Tode ver\u00f6ffentlicht wurden (Oh! Was f\u00fcr einen gro\u00dfen Dienst h\u00e4tte ihm doch sein Verleger erweisen k\u00f6nnen, wenn er ganze zwei Drittel ausgenommen h\u00e4tte, oder zumindest wenigstens diejenigen, die an jene weltlichen Damen gerichtet waren &#8230; ein widerlicheres Gemisch aus Stolz und Nachstellerei, Scheinheiligkeit und Eitelkeit, prophetischen und schmarotzerhaften Tons ist in der Literatur nicht zu finden!) Aus diesen Briefen also wissen wir, welch unheilbare Wunde dieses ganze Fiasko in Gogols Herz gerissen hatte dieses Fiasko, das man als eine der wenigen tr\u00f6stlichen Erscheinungen der damaligen gesellschaftlichen Meinung begr\u00fc\u00dfen mu\u00df. Und ich und der verstorbene Schtschepkin wurden an jenem Tag unseres Besuchs Zeugen, wie sehr ihn seine Wunde noch schmerzte. Pl\u00f6tzlich sich ver\u00e4ndernd, begann Gogol mit gehetzter Stimme, uns davon zu \u00fcberzeugen, da\u00df er nicht verstehen k\u00f6nne, warum manche Leute in seinen fr\u00fcheren Werken irgendeine Gegens\u00e4tzlichkeit sahen, irgend etwas, das er sp\u00e4ter dann anders gemacht haben solle, und da\u00df er sich schlie\u00dflich stets an immer dieselben religi\u00f6sen und beh\u00fcteten Grunds\u00e4tze gehalten habe; zum Beweis wollte er uns einige Stellen aus einem seiner schon vor langer Zeit erschienen B\u00fccher vorlesen&#8230; W\u00e4hrend Gogol diese Worte ausstie\u00df, sprang er mit beinahe jugendlicher Lebhaftigkeit vom Divan auf und rannte ins Nebenzimmer. Michail Semjonytsch zog nur mitleidig die Augenbrauen hoch und erhob seinen Zeigefinger. &#8222;So habe ich ihn noch nie zuvor erlebt&#8220;, fl\u00fcsterte er mir zu&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">***<\/p>\n\n\n\n<p>Gogol kam mit den &lt;Arabesken&gt; zur\u00fcck und beeilte sich, uns aufs Geratewohl ein paar Stellen aus einem dieser kindisch aufgeblasenen und anstrengend leeren Aufs\u00e4tze, von denen der ganze Sammelband voll war, vorzulesen.<br>Soweit ich mich erinnere, ging es um die Notwendigkeit einer strengen Ordnung, eines bedingungslosen Gehorsams gegen\u00fcber den Machthabern und dergleichen. &#8222;Bitte, da sehen sie es ja selbst&#8220; bekr\u00e4ftigte Gogol, &#8222;ich habe auch fr\u00fcher schon genau das gleiche gedacht, genau dieselben \u00dcberzeugungen vertreten wie heute!.. In welchem Aufsatz soll ich denn einen R\u00fcckzieher gemacht haben? Weshalb tadelt man mich denn blo\u00df?.. Mich!&#8220; Und das sagte der Autor des &lt;Revizors&gt;, einer der kritischsten Kom\u00f6dien, die jemals auf die B\u00fchne gebracht wurden. Schtschepkin und ich sagten kein Wort. Schlie\u00dflich warf Gogol das Buch auf den Tisch und fuhr fort, \u00fcber die Kunst zu sprechen, \u00fcber das Theater; er erl\u00e4uterte uns, da\u00df er mit der schauspielerischen Darstellung unzufrieden geworden sei, da\u00df die Schauspieler &#8222;den Ton verloren hatten&#8220; und da\u00df er bereit sei, ihnen das gesamte St\u00fcck vom Anfang bis zum Ende vorzutragen. Schtschepkin nahm ihn sofort beim Wort und verabredete Ort und Zeitpunkt der Lesung. Irgendeine alte Gutsbesitzerin kam zu Besuch; sie hatte ihm \/spezielle\/ Oblaten mitgebracht. Wir verabschiedeten uns.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">***<\/p>\n\n\n\n<p>Ein paar Tage sp\u00e4ter4 fand in einem Saal des Hauses, wo Gogol wohnte, die Lesung das &lt;Revizors&gt; statt. Ich hatte um Erlaubnis gebeten, an dieser Lesung teilnehmen zu d\u00fcrfen. Der verstorbene Professor Schevyrjov befand sich ebenfalls unter den Zuh\u00f6rern und, wenn ich mich nicht t\u00e4usche, auch Pogodin. Zu meinem gro\u00dfen Erstaunen waren bei weitem nicht alle im &lt;Revizor&gt; mitspielenden Darsteller der Einladung Gogols gefolgt: Es war ihnen offenbar unangenehm gewesen, da\u00df man ihnen Unterricht erteilen wollte! Von den Schauspielerinnen war keine einzige erschienen. Soweit ich es beurteilen konnte, war Gogol wegen dieser gleichg\u00fcltigen und schwachen Resonanz auf seinen Vorschlag verbittert&#8230; Es ist ja allgemein bekannt, wie sehr er mit solchen Freundschaftsdiensten ansonsten zu geizen pflegte. Sein Gesicht nahm einen d\u00fcsteren und kalten Ausdruck an; seine Augen sp\u00e4hten argw\u00f6hnisch in die Runde. An diesem Tag sah er wahrhaftig wie ein kranker Mann aus. Er hub an zu lesen und lebte wieder ein bi\u00dfchen auf. Seine Wangen bedeckte ein leichtes Rot; seine Augen weiteten sich und hellten auf. Gogols Art vorzulegen war brillant&#8230;Ich h\u00f6rte ihn damals zum ersten und zum letzten Mal. Dickens, ein ebenfalls vorz\u00fcglicher Leser, spielt, so k\u00f6nnte man sagen, seine Romane; seine Art vorzulegen ist dramatisch, beinahe theatralisch. Aus seiner einzelnen Person erwachsen mehrere erstklassige Schauspieler, die einen bald zum Lachen, bald zum Weinen bringen; im Gegensatz dazu beeindruckte mich Gogol mit seiner au\u00dfergew\u00f6hnlichen Schlichtheit, mit seiner beherrschten Art, seiner wichtigen und zugleich naiven Aufrichtigkeit, der es sozusagen egal war, ob es Zuh\u00f6rer gab und was diese dachten. Es hatte den Anschein, als sei es ihm einzig und allein darum zu tun gewesen, wie er in das Wesen der Sache eindringen konnte, die ja auch f\u00fcr ihn selbst neu war, und wie er seinen eigenen Eindruck am glaubhaftesten vermitteln konnte; und er erzielte damit einen unglaublichen Effekt, vor allem mit den komischen, humoristischen Passagen. Es war \u00fcberhaupt unm\u00f6glich, nicht zu lachen allerdings war dies ein gutes, gesundes Lachen. Der Verursacher des ganzen Spa\u00dfes jedoch machte weiter, ohne sich von der allgemeinen Belustigung beirren zu lassen, und, indem er sich innerlich sogar dar\u00fcber zu wundern schien, vertiefte er sich immer weiter in seine Sache. Nur ab und zu bemerkte man, wie auf den Lippen und um die Augen des Meisters herum ein verschmitztes L\u00e4cheln aufzuckte. Mit welchem Befremden, mit welcher \u00e4u\u00dfersten Verbl\u00fcffung intonierte Gogol den ber\u00fchmten Satz des Stadthauptmanns \u00fcber die zwei Ratten (gleich zu Beginn des St\u00fcckes). &#8222;Sie kamen an, schn\u00fcffelten ein bi\u00dfchen herum und hauten wieder ab!&#8220; Er musterte uns sogar ausgiebig, wie um eine Erkl\u00e4rung f\u00fcr diesen erstaunlichen Zwischenfall zu erbitten. Erst hier wurde mir klar, wie falsch und oberfl\u00e4chlich, mit welcher Gier, nur m\u00f6glichst schnell Gel\u00e4chter auszul\u00f6sen, der &lt;Revizor&gt; im Grunde genommen normalerweise heruntergespielt wurde. In freudiger Verz\u00fcckung versunken sa\u00df ich da: F\u00fcr mich bedeutete dies ein lukullisches Gelage, ein Festschmaus. Leider dauerte es nicht lange an. Gogol hatte noch nicht einmal die H\u00e4lfte des ersten Aufzugs vorgetragen, als pl\u00f6tzlich ger\u00e4uschvoll die T\u00fcr aufgesto\u00dfen wurde und, hektisch grinsend und mit nickendem Kopf, ein noch blutjunger aber ungew\u00f6hnlich aufdringlicher Literat durchs Zimmer sauste und, ohne irgend jemandem ein Wort zu sagen, eilig in der Ecke platz nahm. Gogol hielt inne, l\u00e4utete mit aller Kraft die Glocke und bemerkte warmherzig zu seinem eintretenden Kammerdiener: &#8222;Ich hatte Dir doch aufgetragen, niemanden einzulassen?&#8220; Der junge Literat rutschte ein wenig auf seinem Stuhl herum, zeigte sich jedoch ansonsten nicht im geringsten verlegen. Gogol nippte an seinem Wasserglas und setzte ein zweites Mal zu lesen an: Doch es war nun etwas v\u00f6llig anderes. Er las jetzt viel schneller, fing an zu nuscheln, verschluckte die Endsilben; mitunter lie\u00df er ganze S\u00e4tze aus und winkte blo\u00df ab. Das pl\u00f6tzliche Erscheinen des Literaten hatte ihn aus der Fassung gebracht: Seine Nerven ertrugen offenbar nicht die geringste Belastung. Nur in der ber\u00fchmten Szene, wo Chlestakov das Blaue vom Himmel l\u00fcgt, fa\u00dfte Gogol wieder Mut und erhob seine Stimme. Er wollte dem Darsteller der Rolle, Ivan Andrejevitsch demonstrieren, wie man diese wahrhaft schwierige Stelle vermitteln mu\u00df. Durch Gogols Interpretation erschien sie mir nat\u00fcrlich und glaubw\u00fcrdig. Chlestakovs Rolle packt einen sowohl aufgrund der Seltsamkeit seiner Situation, als auch aufgrund der Menschen, die ihn umgeben und wegen seiner urt\u00fcmlich leichtsinnigen Behendigkeit. Obgleich er wei\u00df, da\u00df er l\u00fcgt, glaubt er das was.er sagt: es ist wie ein Rausch, wie eine Eingebung, wie ein schriftstellerisches Entz\u00fccken es ist vielmehr als blo\u00df eine einfache L\u00fcge oder einfache Angeberei. Und er wurde selbst davon &#8218;erfa\u00dft&#8216;. &#8222;Im Vorzimmer schwirren die ganzen Bittsteller herum, 35 Tausend Stafetten kommen angaloppiert und dann immer dieser Bl\u00f6dsinn, ich sei, nun, es hat sich ja herumgesprochen &#8230; was f\u00fcr ein aufgeweckter, lustiger und wohlerzogener junger Mann ich angeblich bin!&#8220;5 Was f\u00fcr eine Wirkung konnte doch Chlestakovs Monolog aus Gogols Munde erzeugen. Die Lesung des Revizors an jenem Tag war jedoch im Grunde genommen, wie Gogol sich selbst ausdr\u00fcckte, nichts weiter als eine Andeutung, ein Schema; und alles wegen der Liebensw\u00fcrdigkeit dieses ungebetenen Literaten, der seine R\u00fccksichtslosigkeit noch so weit trieb, als letzter bei dem erbla\u00dften, ermatteten Gogol zu bleiben und sich hinter ihm in dessen Arbeitszimmer hinein zu dr\u00e4ngeln. Nachdem ich mich im Flur von Gogol verabschiedet hatte, sah ich ihn niemals mehr wieder; aber seine Pers\u00f6nlichkeit sollte noch einen bedeutenden Einflu\u00df auf mein Leben aus\u00fcben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">***<\/p>\n\n\n\n<p>In den letzten Tagen des Monats M\u00e4rz, im darauffolgenden Jahr 1852, befand ich mich auf einer morgentlichen Sitzung des kurz danach aufgel\u00f6sten Vereins f\u00fcr Armenbesuche im Saal der H\u00f6fischen Versammlung, als ich pl\u00f6tzlich I. I. Panajev bemerkte, der mit krampfhafter Eile vom einen zum n\u00e4chsten rannte und anscheinend jedem eine unerwartete und ernste Nachricht mitzuteilen hatte, denn jedes Gesicht dr\u00fcckte sofort Erstaunen und Bedr\u00fcckung aus. Endlich kam Panajev auch zu mir gerannt, verk\u00fcndete sanft l\u00e4chelnd und mit gleichm\u00fctiger Stimme: &#8222;Wei\u00dft du was, Gogol ist gestorben, in Moskau. Aber wie, aber wie!&#8230; Erst s\u00e4mtliche Aufzeichnungen verbrannt &#8211; und tot&#8220; und sauste weiter. Nein, es konnte zwar keinen Zweifel daran geben, da\u00df sich Panajev \u00e4hnlich wie jener Literat innerlich \u00fcber diesen Verlust gr\u00e4mte, aber auch wenn er ein gutes Herz hatte &#8211; das Vergn\u00fcgen, der erste Mensch zu sein, der einem anderen die traurige Neuigkeit zutr\u00e4gt (den gleichm\u00fctigen Ton hatte er zum gr\u00f6\u00dferen Nachdruck angeschlagen), dieses Vergn\u00fcgen, diese Freude, erstickte in ihm jegliches andere Gef\u00fchl. Schon seit einigen Tagen war in Petersburg das d\u00fcstere Ger\u00fccht von Gogols Krankheit kursiert; einen solchen Ausgang jedoch hatte niemand erwartet. Unter dem ersten Eindruck der mir \u00fcbermittelten Nachricht, verfa\u00dfte ich folgenden Artikel:<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Ein Brief aus Petersburg &#8222;Moskauer Nachrichten&#8220;, 1852, 13. M\u00e4rz, Nr. 32, S. 328f.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><em>Gogol ist tot! Welche russische Seele vermochten diese drei Worte nicht zu ersch\u00fcttern? Er ist tot. Unser Verlust ist so grausam und so unvermittelt, da\u00df wir es noch gar nicht wahr haben wollen. Zur selben Zeit, als wir alle noch hoffen konnten, da\u00df er endlich sein langes Schweigen brechen m\u00f6ge, da\u00df er unsere ungeduldigen Erwartungen erf\u00fcllen, sie \u00fcbertreffen m\u00f6ge, da erreicht uns diese unselige Botschaft! Ja, er ist tot, dieser Mensch, den wir nunmehr das Recht haben, das bittere Recht, das uns durch seinen Tod verliehen wurde, einen gro\u00dfen Mann zu nennen. Ein Mann, der mit seinem Namen eine Epoche unserer Literaturgeschichte gepr\u00e4gt hat; ein Mann, auf den wir ebenso stolz sind, wie auf unseren Ruhm! Er ist tot, ausgel\u00f6scht in der Bl\u00fcte seines Lebens, auf dem H\u00f6hepunkt seiner Kr\u00e4fte, ohne sein begonnenes Werk abgeschlossen zu haben so, wie es seinen vortrefflichsten Vorg\u00e4ngern ergangen ist &#8230; Sein Verlust beschw\u00f6rt den Gram \u00fcber all diese unverge\u00dflichen Verluste erneut herauf, wie eine neue Wunde die Schmerzen des alten Geschw\u00fcrs aufpeitscht. Dies ist nicht die Zeit und nicht der Ort, um \u00fcber seine Verdienste zu sprechen das ist Sache der zuk\u00fcnftigen Kritiker; man kann nur hoffen, da\u00df sie ihrer Aufgabe gewachsen sind und ein zwar unvoreingenommenes, aber auch mit Verehrung und Liebe erf\u00fclltes Urteil f\u00e4llen werden, mit dem auch die anderen Gro\u00dfen im Angesicht der nachfolgenden Generation bedacht werden. Allein, es ist nicht an uns. Wir wollen lediglich eines der Echos jener gro\u00dfen Trauer sein, die sich \u00fcberall um uns herum sp\u00fcrbar ausbreitet; wir wollen ihn nicht bewerten, sondern beweinen; wir besitzen nicht die Kraft, jetzt ruhig \u00fcber Gogol zu reden &#8230; sein liebes und vertrautes Bild verschwimmt vor unseren tr\u00e4nenbenetzten Augen&#8230; An dem Tag, da die Stadt Moskau ihn beisetzen wird, wollen wir ihr von hieraus unsere Hand entgegenstrecken und uns mit ihr in dem Gef\u00fchl der gemeinsamen Trauer vereinen. Es war uns nicht verg\u00f6nnt, ein letztes Mal sein lebloses Antlitz zu betrachten; aber wir senden ihm von fern unseren Abschiedsgru\u00df, und mit and\u00e4chtigem Empfinden legen wir das Tribut unserer Trauer und unserer Liebe auf sein frisches Grab, in das wir nicht die M\u00f6glichkeit hatten, so wie die Moskowiter, eine Handvoll Heimaterde zu werfen! Der Gedanke, da\u00df sein Leichnam in Moskau ruhen wird, erf\u00fcllt uns mit einer irgendwie kummervollen Befriedigung. Ja, soll er ruhig dort, im Herzen Ru\u00dflands, ruhen, das er so genau kannte und liebte, so innig liebte, da\u00df die gleichg\u00fcltigen oder kurzsichtigen Menschen die Existenz dieser flammenden Liebe in jedem einzelnen seiner an sie gerichteten Worte gar nicht bemerkten! Und wie unbeschreiblich schwer ist es f\u00fcr uns, sich klarzumachen, da\u00df die letzten, reifsten Fr\u00fcchte seines Genies f\u00fcr uns unwiederbringlich vernichtet sind mit Schrecken lauschen wir den grauenerregenden Ger\u00e4uschen ihrer Vernichtung&#8230; Es er\u00fcbrigt sich wohl, \u00fcber die wenigen Menschen zu sprechen, denen unsere Worte \u00fcbertrieben oder gar unangebracht erscheinen &#8230; Der Tod besitzt eine reinigende und vers\u00f6hnende Kraft; Verleumdung und Mi\u00dfgunst, Unverst\u00e4ndnis und Feindschaft all dies verstummt vor dem bescheidensten Grab! Sie werden auch an Gogols Grab nicht damit anfangen. Was es auch f\u00fcr ein Platz sein wird, den ihm die Geschichte auserkoren hat, wir sind davon \u00fcberzeugt, da\u00df sich niemand weigern wird, uns jetzt nachzusprechen: Friede seinem Leichnam, seinem Leben ewiges Gedenken und ewiger Ruhm seinem Namen!<br>Turgenev<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Hinsichtlich dieses Artikels (\u00fcber den man damals v\u00f6llig zurecht die Ansicht vertrat, da\u00df es keinen reichen Gesch\u00e4ftsmann gibt, auf dessen Tod die Zeitschriften nicht mit gr\u00f6\u00dferem Eifer reagieren w\u00fcrden) erinnere ich mich an folgende Begebenheit: Eine sehr hochgestellte Petersburger Dame vertrat die Ansicht, da\u00df die Strafe, die ich wegen dieses Artikels abzub\u00fc\u00dfen hatte, unverdient gewesen sei und in jedem Fall zu streng, zu hart&#8230; Mit einem Wort, sie war leidenschaftlich f\u00fcr mich eingetreten. &#8222;Aber sie haben ja keine Ahnung!&#8220; versicherte ihr jemand, &#8222;Er nennt Gogol in seinem Artikel einen gro\u00dfen Mann!&#8220; &#8222;Nicht m\u00f6glich!&#8220; &#8222;Aber wenn ich es ihnen doch sage!&#8220; &#8222;Ach so! Also in diesem Fall habe ich nichts gesagt: Je regrette, mais je comprends qu&#8217;on ait du sevir.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Ich hatte den Artikel einer Petersburger Zeitschrift zugeschickt; aber ausgerechnet zu dieser Zeit wurde die Zensur gerade f\u00fcr einen unbestimmten Zeitraum massiv versch\u00e4rft &#8230; solche crescendo \/sic!\/ fanden relativ h\u00e4ufig statt und muteten f\u00fcr den st\u00e4ndigen Beobachter ebenso grundlos an, wie etwa der Sterblichkeitsanstieg w\u00e4hrend der Epidemien. Mein Artikel ist nicht an einem der darauffolgenden Tage erschienen. Als ich auf der Stra\u00dfe meinen Verleger traf, erkundigte ich mich, was das zu bedeuten habe. &#8222;Sehen sie sich das Wetter an&#8220;, antwortete er bildhaft: &#8222;Es ist sinnlos, dar\u00fcber nachzudenken.&#8220; Ja, aber der Artikel ist vollkommen harmlos, bemerkte ich. &#8222;Harmlos?&#8220; widersprach der Verleger: &#8222;Darum geht es doch gar nicht; es ist einfach nicht erw\u00fcnscht, an Gogols Namen zu erinnern, das ist alles. Zakrevskij hat an der Beerdigung im Andrejevskaja Lenta teilgenommen: gegen so etwas ist man hier allergisch.&#8220; Kurz darauf erhielt ich einen Brief von einem guten Bekannten aus Moskau, der vor lauter Vorw\u00fcrfen nur so \u00fcberquoll. &#8222;Was?!&#8220; schrie er: &#8222;Gogol stirbt und nicht ein einziges Blatt bei Euch reagiert?! Dieses Schweigen ist erb\u00e4rmlich!&#8220; In meinem Antwortbrief erkl\u00e4rte ich meinem Bekannten selbstverst\u00e4ndlich mit entsprechend scharfen Formulierungen den Grund dieses Schweigens und legte ihm als Dokument zum Beweis meinen verbotenen Artikel bei. Er reichte ihn unverz\u00fcglich an den damaligen Kurator des Moskauer Bezirks, General Nazimov, zur Pr\u00fcfung weiter und erhielt von ihm die Genehmigung, ihn in den &lt;Moskauer Nachrichten&gt; abzudrucken. Das war Mitte M\u00e4rz, und am 16. April wurde ich wegen Ungehorsams und Verletzung der Zensurbestimmungen f\u00fcr einen Monat im Untersuchungsgef\u00e4ngnis unter Arrest gestellt (die ersten 24 Stunden verbrachte ich in der &#8218;Sibirka&#8216; und unterhielt mich mit einem ausgesucht h\u00f6flichen und gebildeten Polizeiunteroffizier, der mir von seinen Spazierg\u00e4ngen im Wintergarten und vom &#8222;Aroma der V\u00f6gel&#8220; erz\u00e4hlte) und hernach wurde ich dann auf mein Landgut verbannt. Ich habe nicht die geringste Absicht, die damalige Regierung zu bezichtigen, dennoch: Der Kurator des Patersburger Bezirks, der mittlerweile verstorbene Musin-Puschkin stellte die Angelegenheit aus mir unersichtlichen Gr\u00fcnden als offenen Ungehorsam meinerseits dar; ohne mit der Wimper zu zucken, \u00fcberzeugte er die Obrigkeit davon, da\u00df er mich pers\u00f6nlich aufgefordert habe und mir pers\u00f6nlich das Verbot des Zensur-Kommitees ausgeh\u00e4ndigt habe, demzufolge mein Artikel nicht ver\u00f6ffentlicht werden d\u00fcrfe (das Verbot dieses Zensors hatte mich nicht beirren k\u00f6nnen. Kraft der bestehenden Verordnungen unterlag mein Artikel n\u00e4mlich der Genehmigung eines anderen Zensors), dabei habe ich Herrn Musin-Puschkin niemals pers\u00f6nlich gegen\u00fcbergestanden und auch keine Erkl\u00e4rung von ihm erhalten. Selbstverst\u00e4ndlich war es der Regierung unm\u00f6glich, einem so hohen Beamten zu mi\u00dftrauen, einer Vertrauensperson in einem derma\u00dfen wichtigen Wahrheitsfindungsproze\u00df! Allerdings hatte die ganze Sache auch ihr Gutes, denn der Arrest und der Aufenthalt auf dem Lande waren mir zweifellos n\u00fctzlich: es hat mich jenen Seiten des russischen Alltags n\u00e4her gebracht, die meiner Aufmerksamkeit unter normalen Umst\u00e4nden sicher entgangen w\u00e4ren.9 W\u00e4hrend ich noch dabei war, den vorhergehenden Artikel abzuschlie\u00dfen, fiel mir ein, da\u00df meine erste Begegnung mit Gogol sehr viel fr\u00fcher stattgefunden hatte, als ich eingangs behauptete. Und zwar war ich einer seiner H\u00f6rer im Jahre 1835, als er an der St. Petersburger Universit\u00e4t Geschichte &#8218;lehrte&#8216;.<br>Dieses Lehren ging ehrlich gesagt auf eine recht eigenartige Weise vonstatten. Erstens lie\u00df er von drei Vorlesungen garantiert zwei ausfallen; zweitens sprach er nicht, selbst wann er sich mal hinter dem Katheder blicken lie\u00df, sondern fl\u00fcsterte etwas ganz und gar Zusammenhangloses, zeigte uns kleine Stahlstiche mit Ansichten von Pal\u00e4stina und anderen orientalischen L\u00e4ndern und war die ganze Zeit f\u00fcrchterlich unsicher. Wir waren alle davon \u00fcberzeugt (und werden uns wohl kaum allesamt geirrt haben), da\u00df er \u00fcberhaupt keine Ahnung von Geschichte hatte, und da\u00df Herr Gogol-Janovskij, unser Professor (er bezeichnete sich im Vorlesungsverzeichnis so), nichts mit dem Schriftsteller Gogol gemein hatte, der uns bereits als Autor der &lt;Abende auf dem Weiler bei Dikanka&gt; bekannt war. Bei der Abschlu\u00dfpr\u00fcfung in seinem Fach hatte er sich angeblich wegen Zahnschmerzen ein Tuch um den Kopf gebunden und hockte da, wie ein H\u00e4ufchen Elend, ohne auch nur ein einziges Mal den Mund aufzumachen. Er pflegte die Studenten nach seinem Professor I. P. Schulgin abzufragen. Ich sehe seine d\u00fcrre, langnasige Gestalt mit den zwei wie Ohren weit abstehenden Enden des schwarzen Seidentuchs vor mir, als w\u00e4re es gestern gewesen. Zweifellos war sich seiner Komik und der ganzen Peinlichkeit seiner Lage selbst durchaus bewu\u00dft: im selben Jahr reichte er sein R\u00fccktrittsgesuch ein. Das machte ihm weiter nichts aus, wenn er auch verlauten lie\u00df. &#8222;Verkannt trat ich hinter das Katheder und verkannt trete ich von ihm zur\u00fcck!&#8220; Er war zum Erzieher seiner Zeitgenossen geboren aber eben nicht vom Katheder aus.<\/p>\n\n\n\n<p><br><strong>Anmerkungen des \u00dcbersetzers<\/strong> (Frank Jankowski)<\/p>\n\n\n\n<p>Michail Semjonovitsch Schtschepkin (1788-1863); einer der damals ber\u00fchmtesten Schauspieler; berichtete seinem Sohn zufolge: &#8222;&#8230;um drei Uhr \/!\/ besuchten Ivan Sergejevitsch und ich Gogol. Er begegnete uns vollends entgegenkommend; als dann Ivan Sergejevitsch auch noch berichtete, da\u00df er einige seiner Werke ins Franz\u00f6sische \u00fcbersetzt habe und seine Lesungen in Paris gro\u00dfen Eindruck erweckt h\u00e4tten, war Nikolaj Wassiljevitsch merklich erfreut und sagte Turgenev einige Liebensw\u00fcrdigkeiten.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Iskander: Hinter diesem Pseudonym verbirgt sich Alexander Ivanovitsch Herzen (eigtl. Jakovljev) (1812-1870), der den ber\u00fchmten und einzigen Roman &lt;Wer ist schuld?&gt; (Kto vinovat) verfa\u00dfte. Aufschlu\u00dfreich, da\u00df Turgenev sich noch des Pseudonyms bedient, obwohl jener sich schon lange im Londoner Exil befand.<\/p>\n\n\n\n<p>Belinskijs Brief vom 3. (15.) Juli 1847 wurde von Lenin &#8222;f\u00fcr eines der besten Werke der unzensierten demokratischen Presse&#8220; gehalten. &#8222;Nur sein Tod&#8220; hei\u00dft es in einer Anmerkung von Alfred Kurella von 1950, &#8222;rettete Belinskij vor strengster Bestrafung \/ &#8230; \/ Der Chef der III. Abteilung, L. W. Dubelt &lt;bedauerte&gt;, da\u00df es ihm nicht gelungen war, den gro\u00dfen Kritiker &lt;in einer Kasematte verfaulen zu lassen&gt;. Bekanntlich wurde \u00fcber F. M. Dostojevskij f\u00fcr die Vorlesung von Belinskijs Brief \/&#8230; \/ die Todesstrafe verh\u00e4ngt, die dann in Zwangsarbeit in Sibirien umgewandelt wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Beim Datum der Lesung handelt es sich &#8211; laut Akademie-Ausgabe &#8211; um den 5.November, also sehr viel sp\u00e4ter, als Turgenev selbst angibt.<\/p>\n\n\n\n<p>Revizor-Zitat: Es handelt sich hierbei ganz offensichtlich um eine andere, fr\u00fchere Fassung zumindest dieser Passage des &lt;Revizors&gt;. Alle mir zur Verf\u00fcgung stehenden Fassungen sind bedeutend l\u00e4nger, beinhalten allerdings die Elemente des lautmalerischen Verbs, der heillos \u00fcbertriebenen Zahl und des Eigenlobs. Entsprechende Anmerkungen fehlen in der Akademie-Gesamtausgabe&#8230; Vielleicht zitiert Turgenev aus dem Ged\u00e4chtnis!?<\/p>\n\n\n\n<p>Bei dem unbeliebten Literaten handelt es sich um Grigorij Petrovitsch Danilev- skij (1829-1890), den Turgenev auch als Schriftsteller nicht ausstehen konnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Brief des &#8222;Bekannten&#8220; aus Moskau ist aller Wahrscheinlichkeit nach frei er- funden, da die in Frage kommenden Bekannten Feoktistov und Botkin keinen solchen Brief verfa\u00dft haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Aus dem Tagebuch eines anderen Zensors, A. W.Nikitenko, wird ersichtlich, da\u00df Turgenev die Wahrheit sagt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Verbannung auf sein Familien-Landgut scheint Turgenev nicht sehr ernst genommen zu haben, da bekannt ist, da\u00df er es im April 1853 heimlich verlie\u00df, um seine lebenslang ungl\u00fccklich geliebte Sopranistin Pauline Viardot-Garcia (1821- 1910) zu besuchen, die zu dieser Zeit in Moskau gastierte. Von 1863 bis 1870 lebte er \u00fcbrigens zusammen mit dem Viardot-Ehepaar in Baden-Baden und sp\u00e4ter lange Zeit in Frankreich.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine h\u00f6chst aufschlussreiche biographische Skizze von Ivan Turgenev aus dem Jahre 1868. Aus dem Russischen exklusiv \u00fcbertragen von Frank Jankowski <span class=\"more-text\">&hellip;<\/span><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":135,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1,15],"tags":[131,132],"class_list":["post-129","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-allgemein","category-uebersetzung","tag-gogol","tag-turgenjev"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/frankjankowski.de\/wp_textblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/129","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/frankjankowski.de\/wp_textblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/frankjankowski.de\/wp_textblog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/frankjankowski.de\/wp_textblog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/frankjankowski.de\/wp_textblog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=129"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/frankjankowski.de\/wp_textblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/129\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":514,"href":"https:\/\/frankjankowski.de\/wp_textblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/129\/revisions\/514"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/frankjankowski.de\/wp_textblog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/135"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/frankjankowski.de\/wp_textblog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=129"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/frankjankowski.de\/wp_textblog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=129"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/frankjankowski.de\/wp_textblog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=129"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}