{"id":1751,"date":"2025-09-07T13:13:06","date_gmt":"2025-09-07T11:13:06","guid":{"rendered":"https:\/\/frankjankowski.de\/wp_textblog\/?p=1751"},"modified":"2025-09-07T13:13:06","modified_gmt":"2025-09-07T11:13:06","slug":"lyrik-antologie-storm-fontane","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/frankjankowski.de\/wp_textblog\/lyrik-antologie-storm-fontane\/","title":{"rendered":"Lyrik-Antologie \/Storm, Fontane"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-large-font-size\">Theodor Storm (1817 &#8211; 1888)<\/p>\n\n\n\n<p>Im Zeichen des Todes<\/p>\n\n\n\n<p>Noch war die Jugend mein, die sch\u00f6ne, ganze,<br>Ein Morgen nur, ein Gestern gab es nicht;<br>Da sah der Tod im hellsten Sonnenglanze,<br>Mein Haar ber\u00fchrend, mir ins Angesicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Welt erlosch, der Himmel brannte tr\u00fcbe;<br>Ich sprang empor, entsetzt und ungest\u00fcm.<br>Doch er verschwand; die Ewigkeit der Liebe<br>Lag vor mir noch und trennte mich von ihm.<\/p>\n\n\n\n<p>Und heute nun &#8211; im sonnigen Gemache<br>Zur Rechten und zur Linken schlief mein Kind;<br>Des zarten Atems lauschend hielt ich Wache,<br>Und an den Fenstern ging der Sommerwind.<\/p>\n\n\n\n<p>Da sanken Nebelschleier dicht und dichter<br>Auf mich herab; kaum schienen noch hervor<br>Der Kinder schlummerselige Gesichter,<br>Und nicht mehr drang ihr Atem an mein Ohr.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich wollte rufen; doch die Stimme keuchte,<br>Bis hell die Angst aus meinem Herzen schrie.<br>Vergebens doch; kein Schrei der Angst erreichte,<br>Kein Laut der Liebe mehr erreichte sie.<\/p>\n\n\n\n<p>In grauer Finsternis stand ich verlassen,<br>Bewegungslos und schauernden Gebeins;<br>Ich f\u00fchlte kalt mein schlagend Herz erfassen,<br>Und ein entsetzlich Auge sank in meins.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich floh nicht mehr; ich fesselte das Grauen<br>Und fa\u00dfte m\u00fchsam meines Auges Kraft;<br>Dann \u00fcberkam vorahnend mich Vertrauen<br>Zu dem, der meine Sinne hielt in Haft.<\/p>\n\n\n\n<p>Und als ich fest den Blick zur\u00fcckgegeben,<br>Lag pl\u00f6tzlich tief zu F\u00fc\u00dfen mir die Welt;<br>Ich sah mich hoch und frei ob allem Leben<br>An deiner Hand, furchbarer F\u00fcrst, gestellt.<\/p>\n\n\n\n<p>Den Dampf der Erde sah empor ich streben<br>Und ballen sich zu Mensch- und Tiergestalt;<br>Sah es sich sch\u00fctteln, tasten, sah es leben,<br>Und taumeln dann und schwinden alsobald.<\/p>\n\n\n\n<p>Im fahlen Schein im Abgrund sah ich&#8217;s liegen,<br>Und sah sich&#8217;s regen, in der St\u00e4dte Rauch;<br>Ich sah es wimmeln, hasten, sich bekriegen,<br>Und sah mich selbst bei den Gestalten auch.<\/p>\n\n\n\n<p>Und niederschauend von des Todes Warte,<br>Kam mir der Drang, das Leben zu bestehn,<br>Die Luft, dem Feind, der unten meiner harrte,<br>mit vollem Aug ins Angesicht zu sehn.<\/p>\n\n\n\n<p>Und k\u00fchlen Hauches durch die Adern rinnen<br>F\u00fchlt ich die Kraft, entgegen Lust und Schmerz<br>Vom Leben fest mich selber zu gewinnen,<br>Wenn andres nicht, so doch ein ganzes Herz. &#8211;<\/p>\n\n\n\n<p>Da f\u00fchlt ich mich im Sonnenlicht erwachen;<br>Es d\u00e4mmerte, verschwebte und zerrann;<br>In meine Ohren klang der Kinder Lachen,<br>Und frische, blaue Augen sahn mich an.<\/p>\n\n\n\n<p>Oh sch\u00f6ne Welt! So sei in ernstem Zeichen<br>Begonnen denn der neue Lebenstag!<br>Es wird die Stirn nicht allzusehr erbleichen,<br>Auf der, oh Tod, dein dunkles Auge lag.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich f\u00fchle tief, du g\u00f6nnetest nicht allen<br>Dein Angesicht; sie schauen dich ja nur,<br>Wenn sie dir taumelnd in die Arme fallen,<br>Ihr Los erf\u00fcllend gleich der Kreatur.<\/p>\n\n\n\n<p>Mich aber la\u00df unirren Augs erblicken,<br>Wie sie, von keiner Ahnung angeweht,<br>Brutalen Sinns ihr nichtig Werk beschicken,<br>Unkundig deiner stillen Majest\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<p>[1851, im Alter von 34 Jahren]<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Lucie<\/p>\n\n\n\n<p>Ich seh sie noch, ihr B\u00fcchlein in der Hand,<br>Nach jener Bank dort, an der Gartenwand<br>Vom Spiel der andern Kinder sich entfernen;<br>Sie wu\u00dfte wohl, es m\u00fchte sie das Lernen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht war sie klug, nicht sch\u00f6n; mir aber war<br>Ihr bla\u00df Gesichtchen und ihr blondes Haar,<br>Mir war es lieb; aus der Erinnrung D\u00fcster<br>Schaut es mich an; wir waren recht Geschwister.<\/p>\n\n\n\n<p>Ihr schmales Bettchen teilte sie mit mir,<br>Und n\u00e4chtens Wang an Wange schliefen wir;<br>Das war so sch\u00f6n! Noch weht ein Kinderfrieden<br>Mich an aus jenen Zeiten, die geschieden.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Ende kam; &#8211; ein Tag, sie wurde krank<br>Und lag im Fieber viele Wochen lang;<br>Ein Morgen dann, wo sanft die Winde gingen,<br>Da ging sie heim; es bl\u00fchten die Syringen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Sonne schien; ich lief ins Feld hinaus<br>Und weinte laut; dann kam ich still nach Haus.<br>Wohl zwanzig Jahr und dr\u00fcber sind vergangen &#8211;<br>An wie viel anderm hat mein Herz gehangen!<\/p>\n\n\n\n<p>Was hab ich heute denn nach dir gebangt?<br>Bist du mir nah und hast nach mir verlangt?<br>Willst du, wie einst nach unsern Kinderspielen,<br>Mein Knabenhaupt an deinem Herzen f\u00fchlen?<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"has-large-font-size\">Theodor Fontane (1819 &#8211; 1898)<\/p>\n\n\n\n<p>Neueste V\u00e4terweisheit<\/p>\n\n\n\n<p>Zieh nun also in die Welt,<br>Tue beharrlich, was dir gef\u00e4llt,<br>Werde keiner Gef\u00fchle Beute,<br>Meide sorglich arme Leute,<br>Werde kein gelehrter Klauber,<br>Wissenschaft ist fauler Zauber,<br>Sei f\u00fcr Rothschild statt f\u00fcr Ranke1,<br>Nimm den Main und la\u00df die Panke,<br>Nimm den Butt und la\u00df die Flunder,<br>Geld ist Gl\u00fcck und Kunst ist Plunder,<br>Vorw\u00e4rts auf der schlechtsten Kragge2,<br>Wenn nur unter gro\u00dfer Flagge.<br>Pred&#8217;ge Tugend, pred&#8217;ge Sitte,<br>Million\u00e4r ist dann das dritte,<br>Qu\u00e4l dich nicht mit &#8222;wohlerzogen&#8220;.<br>Vorw\u00e4rts mit den Ellenbogen,<br>Und zeig jedem jeden Falles:<br>&#8222;Du bist nichts, und ich bin alles.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p><br>Im Herbst<\/p>\n\n\n\n<p>Es f\u00e4llt das Laub wie Regentropfen<br>So zahllos auf die Stoppelflur;<br>Matt pulst der Bach wie letztes Klopfen<br>Im Todeskampfe der Natur.<\/p>\n\n\n\n<p>Still wird&#8217;s! Und als den tiefen Frieden<br>Ein leises Wehen jetzt durchzog,<br>Da mocht&#8216; es sein, da\u00df abgeschieden<br>Die Erdenseele aufw\u00e4rts flog.<\/p>\n\n\n\n<p>[1844, im Alter von 25 Jahren &#8211; die Handschrift trug den eingeklammerten Nachsatz: &#8222;Mama sagte: r\u00fccksichtslos wie immer.&#8220;]<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><br>Die Strandbuche<\/p>\n\n\n\n<p>Hoch auf meerumbrauster D\u00fcne ragt in voller Maienpracht<br>Eine Buche. &#8222;Mutter&#8220; &#8211; ruft sie &#8222;wieder kam das Meer bei Nacht,<br>Wieder hat&#8217;s aus gr\u00fcnem Seetang viel der Kr\u00e4nze mir geschlungen,<br>Hat mir Bernsteinschmuck gespendet und von Liebe viel gesungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Mutter, schilt es nicht Verf\u00fchrer, sag&#8216; nicht, da\u00df es treulos w\u00e4r&#8216;,<br>Treulos ist allein die Schw\u00e4che, und gewaltig ist das Meer,<br>Hieltest du mich nicht umklammert, Mutter Erde, liebestrunken,<br>W\u00e4r ich nachts, als es mich lockte, hin an seine Brust gesunken.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Sturm herbei!&#8220; rief wild aufjauchzend jetzt das liebessichre Meer,<br>Und auf hundert Wolkenrossen jagte schnaubend er einher.<br>&#8222;Auf! entwurzle mir die Buche, &#8217;s gilt der Sehnsucht Schmerz zu k\u00fcrzen,<br>W\u00e4r&#8216; sie frei, sie w\u00fcrde selber sich in meine Arme st\u00fcrzen.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Arme T\u00f6rin, die des Meeres eitlen Liebesschw\u00fcren traut!<br>Jeder Tanne spend&#8216; ich Bernstein, jede Buche nenn&#8216; ich Braut;<br>Nicht um unerf\u00fcllte Hoffnung, um betrogne sollst du trauern,<br>Und der Liebe Wonne wird dich bald wie Todesfrost durchschauern.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Tiefes Schweigen; &#8211; aber pl\u00f6tzlich kracht die Buche sturmgepackt,<br>Bl\u00e4tterstiebend st\u00fcrzt sie nieder wie ein gr\u00fcner Katarakt3;<br>Laut erbrausend hei\u00dft sein neues Opfer jetzt das Meer willkommen,<br>Hoch aufsch\u00e4umend hat&#8217;s der Riese an die Wellenbrust genommen.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Weh, halt ein in deinem Rasen, das mich zu vernichten droht,<br>So entbl\u00e4ttert nicht die Liebe, so entbl\u00e4ttert nur der Tod!&#8220;<br>Doch die Leidenschaft des Riesen kennet nicht der Lieb&#8216; Erbarmen,<br>Und er spielt mit seinem Opfer, bis es tot in seinen Armen.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber dann, als ob er Abscheu gegen eine Leiche f\u00fchlt,<br>Hat er seine L\u00fcfte Spielzeug wieder an den Strand gesp\u00fclt;<br>An dem Fu\u00df der D\u00fcne, deren Gipfel einst der Baum beschattet,<br>Hat die alte Mutter Erde ihr entf\u00fchrtes Kind bestattet.<\/p>\n\n\n\n<p>[1844]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Theodor Storm (1817 &#8211; 1888) Im Zeichen des Todes Noch war die Jugend mein, die sch\u00f6ne, ganze,Ein Morgen nur, ein <span class=\"more-text\">&hellip;<\/span><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1,253],"tags":[271,270],"class_list":["post-1751","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","category-lyrik-anthologie","tag-fontane","tag-storm"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/frankjankowski.de\/wp_textblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1751","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/frankjankowski.de\/wp_textblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/frankjankowski.de\/wp_textblog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/frankjankowski.de\/wp_textblog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/frankjankowski.de\/wp_textblog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1751"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/frankjankowski.de\/wp_textblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1751\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1752,"href":"https:\/\/frankjankowski.de\/wp_textblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1751\/revisions\/1752"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/frankjankowski.de\/wp_textblog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1751"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/frankjankowski.de\/wp_textblog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1751"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/frankjankowski.de\/wp_textblog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1751"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}