{"id":1755,"date":"2025-09-07T13:23:57","date_gmt":"2025-09-07T11:23:57","guid":{"rendered":"https:\/\/frankjankowski.de\/wp_textblog\/?p=1755"},"modified":"2026-02-10T20:06:26","modified_gmt":"2026-02-10T19:06:26","slug":"lyrik-anthologie-morgenstern-hofmannsthal-rilke-hesse-benn-trakl-benjamin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/frankjankowski.de\/wp_textblog\/lyrik-anthologie-morgenstern-hofmannsthal-rilke-hesse-benn-trakl-benjamin\/","title":{"rendered":"Lyrik-Anthologie \/Morgenstern, Hofmannsthal, Rilke, Hesse, Benn, Trakl, Benjamin"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-large-font-size\">Christian Morgenstern (1871 &#8211; 1914)<\/p>\n\n\n\n<p><br>Galgenbruders Lied an Sophie, die Henkersmaid<\/p>\n\n\n\n<p>Sophie, mein Henkersm\u00e4del,<br>komm, k\u00fcsse mir den Sch\u00e4del!<br>Zwar ist mein Mund<br>ein schwarzer Schlund &#8211;<br>doch du bist gut und edel!<\/p>\n\n\n\n<p>Sophie, mein Henkersm\u00e4del,<br>komm, streichle mir den Sch\u00e4del!<br>Zwar ist mein Haupt<br>des Haars beraubt &#8211;<br>doch du bist gut und edel!<\/p>\n\n\n\n<p>Sophie, mein Henkersm\u00e4del,<br>komm, schau mir in den Sch\u00e4del!<br>Die Augen zwar,<br>sie fra\u00df der Aar &#8211;<br>doch du bist gut und edel!<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"683\" height=\"1024\" src=\"http:\/\/frankjankowski.de\/wp_textblog\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/ChatGPT_Miro_Morgenstern-683x1024.png\" alt=\"ChatGPT_Miro_Morgenstern\" class=\"wp-image-1811\" srcset=\"https:\/\/frankjankowski.de\/wp_textblog\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/ChatGPT_Miro_Morgenstern-683x1024.png 683w, https:\/\/frankjankowski.de\/wp_textblog\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/ChatGPT_Miro_Morgenstern-200x300.png 200w, https:\/\/frankjankowski.de\/wp_textblog\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/ChatGPT_Miro_Morgenstern-768x1152.png 768w, https:\/\/frankjankowski.de\/wp_textblog\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/ChatGPT_Miro_Morgenstern.png 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 683px) 100vw, 683px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Vice versa<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Hase sitzt auf einer Wiese,<br>des Glaubens, niemand s\u00e4he diese.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch, im Besitze eines Zei\u00dfes,<br>betrachtet voll gehaltnen Flei\u00dfes<\/p>\n\n\n\n<p>vom vis-\u2026-vis gelegnen Berg<br>ein Mensch den kleinen L\u00f6ffelzwerg.<\/p>\n\n\n\n<p>Ihn aber blickt hinwiederum<br>ein Gott von fern an, mild und stumm.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"has-large-font-size\"><br><a><\/a>Hugo von Hofmannsthal (1874 &#8211; 1929)<\/p>\n\n\n\n<p>Psyche<\/p>\n\n\n\n<p><em>Psyche, my Soul<br>Edgar Poe<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>&#8230;und Psyche, meine Seele, sah mich an<br>Von unterdr\u00fccktem Weinen bla\u00df und bebend<br>Und sagte leise: &#8222;Herr, ich m\u00f6chte sterben,<br>Ich bin zum Sterben m\u00fcde und mich friert.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Oh Psyche, Psyche, meine kleine Seele,<br>Sei still, ich will Dir einen Trank bereiten<br>Der warmes Leben str\u00f6mt durch alle Glieder.<br>Mit gutem, warmem Wein will ich Dich tr\u00e4nken,<br>Mit gl\u00fchendem, spr\u00fchendem Saft des lebendigen,<br>Funkelnden, dunkelnden, rauschend unb\u00e4ndigen,<br>Quellenden, schwellenden, lachenden Lebens,<br>Mit Garben und Farben des trunkenen Bebens:<br>Mit sehnender Seele von weinenden Liedern<br>Mit Ballspiel und Grazie von tanzenden Gliedern,<br>Mit jauchzender Sch\u00f6nheit von sonnigem Wehen<br>Hellrollender St\u00fcrme auf schwarzgr\u00fcnen Seen,<br>Mit G\u00e4rten, wo Rosen und Efeu verwildern,<br>Mit blassen Frauen und leuchtenden Bildern,<br>Mit fremden L\u00e4ndern, mit violetten,<br>Gelbleuchtenden Wolken und Rosenbetten,<br>Mit hei\u00dfen Rubinen, gr\u00fcngoldenen Ringen<br>Und allen prunkenden, duftenden Dingen.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Und Psyche, meine Seele, sah mich an<br>Und sagte traurig: &#8222;Alle diese Dinge<br>Sind schal und tr\u00fcb und tot. Das Leben hat<br>Nicht Glanz und Duft. Ich bin es m\u00fcde, Herr.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Ich sagte: &#8222;Noch wei\u00df ich wohl eine Welt,<br>Wenn Dir die lebendige nicht gef\u00e4llt.&#8220;<br>Mit wunderbar nievernommenen Worten<br>Rei\u00df ich Dir auf der Tr\u00e4ume Pforten:<br>Mit goldengl\u00fchenden, s\u00fc\u00dfen, lauen<br>Wie duftendes Tanzen von lachenden Frauen;<br>Mit monddurchsickerten, n\u00e4chtig webenden,<br>Wie fiebernde Blumenkelche bebenden;<br>Mit gr\u00fcnen, rieselnden, k\u00fchlen, feuchten<br>Wie rieselndes, gr\u00fcnes Meeresleuchten,<br>Mit trunkentanzenden, dunkeln, schw\u00fclen<br>Wie dunkelgl\u00fchender Geigen W\u00fchlen;<br>Mit wilden, wehenden, irren und wirren<br>Wie gro\u00dfer, n\u00e4chtiger V\u00f6gel Schwirren;<br>Mit schnellen und gellenden, hei\u00dfen und grellen<br>Wie metallener Fl\u00fcsse grellblinkende Wellen&#8230;<br>Mit vielerlei solchen verzauberten Worten<br>Werf ich Dir auf der Tr\u00e4ume Pforten:<br>Den goldenen Garten mit duftenden Auen,<\/p>\n\n\n\n<p>Im Abendrot schwimmend, mit lachenden Frauen;<br>Das rauschende, violette Dunkel<br>Mit wei\u00dfleuchtenden B\u00e4umen und Sternengefunkel;<br>Den fl\u00fcsternden, braunen, vergessenen Teich<br>Mit kreisenden Schw\u00e4nen und Nebel bleich;<br>Die Gondeln im Dunkel mit seltsamen Lichtern,<br>Schw\u00fclduftenden Blumen und blassen Gesichtern;<br>Die Heimat der Winde, die nachts wild wehen<br>Mit riesigen Schatten auf traurigen Seen;<br>Und das Land von Metall, das in schweigender Glut<br>Unter eisernem, grauem Himmel ruht. &#8211;<\/p>\n\n\n\n<p>Da sah mich Psyche, meine Seele an<br>Mit b\u00f6sem Blick und hartem Mund und sprach:<br>&#8222;Dann mu\u00df ich sterben, wenn Du so nichts wei\u00dft<br>Von allen Dingen, die das Leben will.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>[1892\/93, im Alter von 18\/19 Jahren]<\/p>\n\n\n\n<p>Kunst des Erz\u00e4hlens<\/p>\n\n\n\n<p>Schildern willst du den Mord? So zeig mir den Hund auf dem Hofe:<br>Zeig mir im Aug von dem Hund gleichfalls den Schatten der Tat.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Zum Ged\u00e4chtnis des Schauspielers Mitterwurzer<\/p>\n\n\n\n<p>Er losch auf einmal aus so wie ein Licht.<br>Wir trugen alle wie von einem Blitz<br>Den Widerschein als Bl\u00e4sse im Gesicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Er fiel: da fielen alle Puppen hin,<br>In deren Adern er sein Lebensblut<br>Gegossen hatte, lautlos starben sie,<br>Und wo er lag, das lag ein Haufen Leichen,<br>W\u00fcst hingestreckt: das Knie von einem S\u00e4ufer<br>In eines K\u00f6nigs Aug gedr\u00fcckt, Don Philipp<br>Mit Caliban als Alp um seinen Hals,<br>Und jeder tot.<\/p>\n\n\n\n<p>Da wu\u00dften wir, wer uns gestorben war:<br>Der Zauberer, der gro\u00dfe, gro\u00dfe Gaukler!<br>Und aus den H\u00e4usern traten wir heraus<br>Und fingen an zu reden, wer er war.<br>Wer aber war er, und wer war er nicht?<\/p>\n\n\n\n<p>Er kroch von einer Larve in die andre,<br>Sprang aus des Vaters in des Sohnes Leib<br>Und tauschte wie Gew\u00e4nder die Gestalten.<br>Mit Schwertern, die er kreisen lie\u00df, so schnell,<br>Da\u00df niemand ihre Klinge funkeln sah,<br>Hieb er sich selbst in St\u00fccke: Jago war<br>Vielleicht das eine, und die andre H\u00e4lfte<br>Gab einen s\u00fc\u00dfen Narren oder Tr\u00e4umer.<br>Sein ganzer Leib war wie der Zauberschleier,<br>In dessen Falten alle Dinge wohnen:<br>Er holte Tiere aus sich selbst hervor:<br>Das Schaf, den L\u00f6wen, einen dummen Teufel<br>Und einen schrecklichen, und den und jenen,<br>Und dich und mich. Sein ganzer Leib war gl\u00fchend<br>Von innerlichem Schicksal durch und durch,<br>Wie Kohle gl\u00fchend, und er lebte drin<br>Und sah auf uns, die wir in H\u00e4usern wohnen,<br>Mit jenem undurchdringlich fremden Blick<br>Des Salamanders, der im Feuer wohnt.<\/p>\n\n\n\n<p>Er war ein wilder K\u00f6nig. Um die H\u00fcften<br>Trug er wie bunte Muscheln aufgereiht<br>Die Wahrheit und die L\u00fcge von uns allen.<br>In seinen Augen flogen unsre Tr\u00e4ume<br>Vor\u00fcber, wie von Scharen wilder V\u00f6gel<br>Das Spiegelbild in einem tiefen Wasser.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier trat er her, auf eben diesen Fleck,<br>Wo ich jetzt steh, und wie im Tritonshorn<br>Der L\u00e4rm des Meeres eingefangen ist,<br>So war in ihm die Stimme alles Lebens:<br>Er wurde gro\u00df, er war der ganze Wald,<br>Er war das Land, durch das die Stra\u00dfen laufen.<br>Mit Augen wie die Kinder sa\u00dfen wir<br>Und sahn an ihm hinauf wie an den H\u00e4ngen<br>Von einem gro\u00dfen Berg: in seinem Mund<br>War eine Bucht, drin brandete das Meer.<\/p>\n\n\n\n<p>Denn in ihm war etwas, das viele T\u00fcren<br>Aufschlo\u00df und viele R\u00e4ume \u00fcberflog:<br>Gewalt des Lebens, diese war in ihm.<br>Und \u00fcber ihn bekam der Tod Gewalt!<br>Blies aus die Augen, deren innrer Kern<br>Bedeckt war mit geheimnisvollen Zeichen,<br>Erw\u00fcrgte in der Kehle tausend Stimmen<br>Und t\u00f6tete den Leib, der Glied f\u00fcr Glied<br>Beladen war mit ungebornem Leben.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier stand er. Wann kommt einer, der ihm gleicht?<br>Ein Geist, der uns das Labyrinth der Brust<br>Bev\u00f6lkert mit verst\u00e4ndlichen Gestalten,<br>Erschlie\u00dft aufs neu zu schauerlicher Lust?<br>Die er uns gab, wir konnten sie nicht halten<br>Und starren nun bei seines Namens Klang<br>Hinab den Abgrund, der sie uns verschlang.<\/p>\n\n\n\n<p>[1898, im Alter von 24 Jahren]<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"has-large-font-size\"><br><a><\/a>Rainer Maria Rilke (1875 &#8211; 1926)<\/p>\n\n\n\n<p>Herbsttag<\/p>\n\n\n\n<p>Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr gro\u00df.<br>Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,<br>auf den Fluren la\u00df die Winde los.<\/p>\n\n\n\n<p>Befiel den letzten Fr\u00fcchten voll zu sein;<br>gib ihnen noch zwei s\u00fcdlichere Tage,<br>dr\u00e4nge sie zur Vollendung hin und jage<br>die letzte S\u00fc\u00dfe in den schweren Wein.<\/p>\n\n\n\n<p>Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.<br>Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,<br>wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben<br>und wird in den Alleen hin und her<br>unruhig wandern, wenn die Bl\u00e4tter treiben.<\/p>\n\n\n\n<p>[1902]<\/p>\n\n\n\n<p><br>Der Panther<\/p>\n\n\n\n<p>Im Jardin des Plantes, Paris<\/p>\n\n\n\n<p>Sein Blick ist vom Vor\u00fcbergehn der St\u00e4be<br>so m\u00fcd geworden, da\u00df er nichts mehr h\u00e4lt.<br>Ihm ist, als ob es tausend St\u00e4be g\u00e4be<br>und hinter tausend St\u00e4ben keine Welt.<\/p>\n\n\n\n<p>Der weiche Gang, geschmeidig starker Schritte,<br>der sich im allerkleinsten Kreise dreht,<br>ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,<br>in der bet\u00e4ubt ein gro\u00dfer Wille steht.<\/p>\n\n\n\n<p>Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille<br>sich lautlos auf -. Dann geht ein Bild hinein,<br>geht durch der Glieder angespannte Stille &#8211;<br>und h\u00f6rt im Herzen auf zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p>[1903]<\/p>\n\n\n\n<p><br>Wilder Rosenbusch<\/p>\n\n\n\n<p>Wie steht er da, vor den Verdunkelungen<br>des Regenabends, jung und rein;<br>in seinen Ranken schenkend ausgeschwungen<br>und doch versunken in sein Rose-sein;<\/p>\n\n\n\n<p>die flachen Bl\u00fcten, da und dort schon offen,<br>jegliche ungewollt und ungepflegt:<br>so, von sich selbst unendlich \u00fcbertroffen<br>und unbeschreiblich aus sich selbst erregt,<\/p>\n\n\n\n<p>ruft er dem Wandrer, der in abendlicher<br>Nachdenklichkeit den Weg vor\u00fcberkommt:<br>Oh sieh mich stehn, sieh her, was bin ich sicher<br>und unbesch\u00fctzt und habe was mir frommt.<\/p>\n\n\n\n<p>[1924]<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"has-large-font-size\"><br><a><\/a>Hermann Hesse (1877 &#8211; 1962)<\/p>\n\n\n\n<p>Augenblick vor dem Gewitter<\/p>\n\n\n\n<p>Noch einmal im verfinsterten Gew\u00fchle<br>Der Wetterwolken zuckt die Sonne vor,<br>Erhitzt den Dunst zu schauerlicher Schw\u00fcle<br>Und l\u00e4chelt irr im bangen Gartenflor.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor tiefem Schwarzblau flammt das rote Haus<br>Grell wie Zinnober, und die Fenster funkeln&#8230;<br>Der n\u00e4chste Augenblick l\u00f6scht aus,<br>Das Licht verwelkt, ein Sausen singt im Dunkeln.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt jagen wei\u00dfe Schauer aus der Nacht,<br>Mit schwerer Schleppe peitscht den Wald der Regen,<br>Blitz blendet, Hagel trommelt, h\u00f6hnend kracht<br>Der Donner auf mit knatternd hellen Schl\u00e4gen.<\/p>\n\n\n\n<p><br>Schmerz<\/p>\n\n\n\n<p>Schmerz ist ein Meister, der uns klein macht,<br>Ein Feuer, das uns \u00e4rmer brennt,<br>Das uns vom eigenen Leibe trennt,<br>Das uns umlodert und allein macht.<\/p>\n\n\n\n<p>Weisheit und Liebe werden klein,<br>Trost wird und Hoffnung d\u00fcnn und fl\u00fcchtig;<br>Schmerz liebt uns wild und eifers\u00fcchtig,<br>Wir schmelzen hin und werden Sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Es kr\u00fcmmt die irdne Form, das Ich,<br>Und wehrt und str\u00e4ubt sich in den Flammen.<br>Dann sinkt sie still in Staub zusammen<br>Und \u00fcberl\u00e4\u00dft dem Meister sich.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"has-large-font-size\"><a><\/a>Gottfried Benn (1886 &#8211; 1956)<\/p>\n\n\n\n<p>Was schlimm ist<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn man kein Englisch kann,<br>von einem guten englischen Kriminalroman zu h\u00f6ren,<br>der nicht ins Deutsche \u00fcbersetzt ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei Hitze ein Bier sehn,<br>das man nicht bezahlen kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Einen neuen Gedanken haben,<br>den man nicht in einen H\u00f6lderlinvers einwickeln kann,<br>wie es die Professoren tun.<\/p>\n\n\n\n<p>Nachts auf Reisen Wellen schlagen h\u00f6ren<br>und sich sagen, da\u00df sie das immer tun.<\/p>\n\n\n\n<p>Sehr schlimm: eingeladen sein,<br>wenn zu Hause die R\u00e4ume stiller,<br>der Caf\u00e9 besser<br>und keine Unterhaltung n\u00f6tig ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Am schlimmsten:<br>nicht im Sommer sterben,<br>wenn alles hell ist<br>und die Erde f\u00fcr Spaten leicht.<\/p>\n\n\n\n<p>[bis 1952]<\/p>\n\n\n\n<p><br>Blumen<\/p>\n\n\n\n<p>Ein See, vom grauen Blute<br>des Herbstes ganz vergiftet,<br>machte mich krank.<\/p>\n\n\n\n<p>Vergr\u00e4mt empfing das Ufer,<br>gl\u00fcckleer und laubbeworfen,<br>wie Gr\u00e4bererde meinen Schritt.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kam in einem Park ein Beet:<br>das \u00fcberbl\u00fchte das ganze Elend,<br>den See, die Wolken und den Sturm im Garten<\/p>\n\n\n\n<p>und schrie: Ich bin ganz unvernichtbar!<br>Ich versenge dem Tod seine kalte Fratze.<br>Wie alles Rote, Glut und Flammenhafte<br>aus meinen Schenkeln hurt!<br>Gr\u00fc\u00df Gott!<\/p>\n\n\n\n<p>[1913, im Alter von 27 Jahren]<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Chopin<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht sehr ergiebig im Gespr\u00e4ch,<br>Ansichten waren nicht seine St\u00e4rke,<br>Ansichten reden drum herum,<br>wenn Delacroix Theorien entwickelte,<br>wurde er unruhig, er seinerseits konnte<br>die Notturnos nicht begr\u00fcnden.<\/p>\n\n\n\n<p>Schwacher Liebhaber;<br>Schatten in Nohant,<br>wo George Sands Kinder<br>keine erzieherischen Ratschl\u00e4ge<br>von ihm annahmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Brustkrank in jener Form<br>mit Blutungen und Narbenbildung,<br>die sich lange hinzieht;<br>stiller Tod<br>im Gegensatz zu einem<br>mit Schmerzparoxysmen<br>oder durch Gewehrsalven:<br>man r\u00fcckte den Fl\u00fcgel (Erard) an die T\u00fcr<br>und Delphine Potocka<br>sang ihm in der letzten Stunde<br>ein Veilchenlied.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach England reiste er mit drei Fl\u00fcgeln:<br>Pleyel, Erard, Broadwood,<br>spielte f\u00fcr 20 Guineen abends<br>eine Viertelstunde<br>bei Rothschilds, Wellingtons, im Stafford House<br>und vor zahllosen Hosenb\u00e4ndern;<br>verdunkelt von M\u00fcdigkeit und Todesn\u00e4he<br>kehrte er heim<br>auf den Square d&#8217;Orl\u201aans.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann verbrennt er seine Skizzen<br>Und Manuskripte,<br>nur keine Restbest\u00e4nde, Fragmente, Notizen,<br>diese verr\u00e4terischen Einblicke &#8211;<br>sagte zum Schlu\u00df:<br>&#8222;meine Versuche sind nach Ma\u00dfgabe dessen vollendet,<br>was mir zu erreichen m\u00f6glich war.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Spielen sollte jeder Finger<br>mit der seinem Bau entsprechenden Kraft,<br>der vierte ist der schw\u00e4chste<br>(nur siamesisch zum Mittelfinger).<br>Wenn er begann, lagen sie<br>auf e, fis, gis, h, c.<\/p>\n\n\n\n<p>Wer je bestimmte Pr\u00e4ludien<br>von ihm h\u00f6rte,<br>sei es in Landh\u00e4usern oder<br>in einem H\u00f6hengel\u00e4nde<br>oder aus offenen Terassent\u00fcren<br>beispielsweise aus einem Sanatorium,<br>wird es schwer vergessen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nie eine Oper komponiert,<br>keine Symphonie,<br>nur diese tragischen Progressionen<br>aus artistischer \u00dcberzeugung<br>und mit einer kleinen Hand.<\/p>\n\n\n\n<p>[bis 1944]<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"has-large-font-size\"><br><a><\/a>Georg Trakl (1887 &#8211; 1914)<\/p>\n\n\n\n<p>Die tote Kirche<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dunklen B\u00e4nken sitzen sie gedr\u00e4ngt<br>Und heben die erloschnen Blicke auf<br>Zum Kreuz. Die Lichter schimmern wie verh\u00e4ngt,<br>Und tr\u00fcb und wie verh\u00e4ngt das Wundenhaupt.<br>Der Weihrauch steigt aus g\u00fcldenem Gef\u00e4\u00df<br>Zur H\u00f6he auf, hinsterbender Gesang<br>Verhaucht, und ungewi\u00df und s\u00fc\u00df verd\u00e4mmert<br>Wie heimgesucht der Raum. Der Priester schreitet<br>Vor den Altar; doch \u00fcbt mit m\u00fcdem Geiste er<br>Die frommen Br\u00e4uche &#8211; ein j\u00e4mmerlicher Spieler,<br>Vor schlechten Betern, mit erstarrten Herzen,<br>In seelenlosem Spiel mit Brot und Wein.<br>Die Glocke klingt! Die Lichter flackern tr\u00fcber &#8211;<br>Und bleicher, wie verh\u00e4ngt das Wundenhaupt!<br>Die Orgel rauscht! In toten Herzen schauert<br>Erinnerung auf! Ein blutend Schmerzensantlitz<br>H\u00fcllt sich in Dunkelheit und die Verzweiflung<br>Starrt ihm aus vielen Augen nach der Leere.<br>Und eine, die wie aller Stimmen klang,<br>Schluchzt auf &#8211; indes das Grauen wuchs im Raum,<br>Das Todesgrauen wuchs: Erbarme dich unser &#8211;<br>Herr!<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Ermatten<\/p>\n\n\n\n<p>Verwesung traumgeschaffner Paradiese<br>Umweht dies trauervolle, m\u00fcde Herz,<br>Das Ekel nur sich trank aus aller S\u00fc\u00dfe,<br>Und das verblutet in gemeinem Schmerz.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun schl\u00e4gt es nach dem Takt verklungner T\u00e4nze<br>Zu der Verzweiflung tr\u00fcben Melodien,<br>Indes der alten Hoffnung Sternenkr\u00e4nze<br>An l\u00e4ngst entg\u00f6ttertem Altar verbl\u00fchn.<\/p>\n\n\n\n<p>Vom Rausch der Wohlger\u00fcche und der Weine<br>Blieb dir ein \u00fcberwach Gef\u00fchl der Scham &#8211;<br>Das Gestern in verzerrtem Widerscheine &#8211;<br>Und dich zermalmt des Alltags grauer Gram.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>In einem alten Garten<\/p>\n\n\n\n<p>Resaduft entschwebt im braunen Gr\u00fcn,<br>Geflimmer schauert auf den sch\u00f6nen Weiher,<br>Die Weiden stehn geh\u00fcllt in wei\u00dfe Schleier<br>Darinnen Falter irre Kreise ziehn.<\/p>\n\n\n\n<p>Verlassen sonnt sich die Terasse dort,<br>Goldfische glitzern tief im Wasserspiegel,<br>Bisweilen schwimmen Wolken \u00fcbern H\u00fcgel,<br>Und langsam gehn die Fremden wieder fort.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Lauben scheinen hell, da junge Frau&#8217;n<br>Am fr\u00fchen Morgen hier vorbeigegangen,<br>Ihr Lachen blieb an kleinen Bl\u00e4ttern hangen,<br>In goldenen D\u00fcnsten tanzt ein trunkener Faun.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"has-large-font-size\">Walter Benjamin (1892 &#8211; 1940)<\/p>\n\n\n\n<p><br>Sonette<\/p>\n\n\n\n<p>2.<\/p>\n\n\n\n<p>H\u00e4ttst du der Welt dein Sterben prophezeit<br>Natur w\u00e4r dir vorangeeilt im Tode<br>Kehrte mit unerbittlichem Gebote<br>Das Sein in ewige Vergessenheit<\/p>\n\n\n\n<p>Am Himmel st\u00e4nden sanfte Morgenrote<br>Zur Stunde da hinglitt dein K\u00f6rperkleid<br>Die W\u00e4lder f\u00e4rbte alle schwarzes Leid<br>Nacht \u00fcberzog das Meer auf leisem Boote<\/p>\n\n\n\n<p>Aus Sternen bildet namenlose Trauer<br>Das Denkmal deines Blicks am Himmelbogen<br>Und Finsternis verwehrt mit dichter Mauer<\/p>\n\n\n\n<p>Des neuen Fr\u00fchlings Licht heraufgezogen<br>Die Jahrzeit sieht im stillen Stand der Sterne<br>Aus deines Todes spiegelnder Zisterne.<\/p>\n\n\n\n<p>34.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich sa\u00df am Abend \u00fcber mich gebeugt<br>Und um mich regte sich dein s\u00fc\u00dfes Leben<br>Der Spiegel meines Geistes blickte eben<br>Als h\u00e4ttest du aus seinem Grund ge\u00e4ugt<\/p>\n\n\n\n<p>Da dachte ich von dir bin ich ges\u00e4ugt<br>In deinen Atem will ich mich ergeben<br>Denn deine Lippen hangen wie die Reben<br>Und haben stumm vom Innersten gezeugt<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist mein Freund dein Dasein mir entwunden<br>Ich taste wie der Schl\u00e4fer nach dem Kranz<br>Im eignen Haar nach dir in dunklen Stunden<\/p>\n\n\n\n<p>Doch war dein Mantel einmal wie im Tanz<br>Um mich getan und aus dem schwarzen Rund<br>Dein Antlitz ri\u00df den Odem mir vom Mund.<\/p>\n\n\n\n<p><br>55.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich bin ein Maler der aus Schatten<br>Das wunderbarste Bildnis malt<br>Und teurer seine Farben zahlt<br>Als andre ihre vollen satten<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn keiner mehr von ihren prahlt<br>Ergl\u00fchen doch die meinen matten<br>Wie \u00fcber schwere Grabesplatten<br>Ein altes Mosaik erstrahlt<\/p>\n\n\n\n<p>Und doch steht Nacht vor meinen Augen<br>Von Tr\u00e4nen deckt sie ein Visier<br>Sie m\u00fcssens aus dem Innern saugen<\/p>\n\n\n\n<p>Mit sehnsuchtstrunkener Begier<br>Dann wird es als ein Urbild taugen<br>Dir selber \u00e4hnlich \u00e4hnlich mir.<\/p>\n\n\n\n<p><br>64.<\/p>\n\n\n\n<p>Wo sich die Jugend mit dem Tode kr\u00f6nte<br>Hat sich die Gruft f\u00fcr immer zugetan<br>Doch legt seitdem der sp\u00e4te Tag dort an<br>Der herw\u00e4rts seine letzte Fahrt gew\u00f6hnte<\/p>\n\n\n\n<p>Bei seiner Kunst erwacht der gro\u00dfe Schwan<br>Mit hellem Schrei in gelle Fr\u00fche t\u00f6nte<br>Str\u00f6mender Mittern\u00e4chte Leid vers\u00f6hnte<br>Als er sich aufhob und auf seiner Bahn<\/p>\n\n\n\n<p>Des Todesschlummers Regenbogen spannte<br>Von Horizont zu fernsten Horizonten<br>Darunter sich im Traum der Schl\u00e4fer wandte<\/p>\n\n\n\n<p>Erflehend ihn indes die nachtbesonnten<br>Gefilde lie\u00df und schneller niederlenkte<br>Der Schwan zum H\u00fcgel den der Tau besprengte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Christian Morgenstern (1871 &#8211; 1914) Galgenbruders Lied an Sophie, die Henkersmaid Sophie, mein Henkersm\u00e4del,komm, k\u00fcsse mir den Sch\u00e4del!Zwar ist mein <span class=\"more-text\">&hellip;<\/span><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":1801,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1,253],"tags":[281,283,277,279,278,280,282],"class_list":["post-1755","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-allgemein","category-lyrik-anthologie","tag-benjamin","tag-benn","tag-hesse","tag-hofmannsthal","tag-morgenstern","tag-rilke","tag-trakl"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/frankjankowski.de\/wp_textblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1755","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/frankjankowski.de\/wp_textblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/frankjankowski.de\/wp_textblog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/frankjankowski.de\/wp_textblog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/frankjankowski.de\/wp_textblog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1755"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/frankjankowski.de\/wp_textblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1755\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1818,"href":"https:\/\/frankjankowski.de\/wp_textblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1755\/revisions\/1818"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/frankjankowski.de\/wp_textblog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1801"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/frankjankowski.de\/wp_textblog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1755"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/frankjankowski.de\/wp_textblog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1755"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/frankjankowski.de\/wp_textblog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1755"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}