{"id":1757,"date":"2025-09-07T13:26:58","date_gmt":"2025-09-07T11:26:58","guid":{"rendered":"https:\/\/frankjankowski.de\/wp_textblog\/?p=1757"},"modified":"2026-02-10T20:04:15","modified_gmt":"2026-02-10T19:04:15","slug":"lyrik-anthologie-brecht-kaestner-borchert","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/frankjankowski.de\/wp_textblog\/lyrik-anthologie-brecht-kaestner-borchert\/","title":{"rendered":"Lyrik-Anthologie \/Brecht, K\u00e4stner, Borchert"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-large-font-size\">Bertolt Brecht (1898 &#8211; 1956)<\/p>\n\n\n\n<p><br>Gedanken eines Revuem\u00e4dchens w\u00e4hrend des Entkleidungsaktes<\/p>\n\n\n\n<p>Mein Los ist es, auf dieser queren Erde<br>Der Kunst zu dienen als die letzte Magd<br>Auf da\u00df den Herrn ein Gl\u00fcck bescheret werde<br>Doch wenn ihr fragt<\/p>\n\n\n\n<p>Was ich wohl f\u00fchle, wenn ich mich entbl\u00f6\u00dfe<br>In sch\u00f6nen schlauen Griffen und des Lichts<br>Der goldenen Lampen teilhaft, als Strippt\u00f6se<br>Antwort ich: nichts.<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht auf zw\u00f6lf. Ich komm zu sp\u00e4t zum Bus.<br>Der K\u00e4se ist im andern Laden besser.<br>Die Dicke sagt: sie geht jetzt in den Flu\u00df<br>Er hat ein Messer.<\/p>\n\n\n\n<p>Halbvoll. Am Samstag! Heut wird&#8217;s wieder zw\u00f6lfe.<br>Mehr l\u00e4cheln. Diese Luft ist ein Skandal.<br>Halt&#8217;s Maul da vorn, ich zeig sie dir schon. W\u00f6lfe!<br>Wie ich die Miete zahl&#8230;?<\/p>\n\n\n\n<p>Milchabbestellen hab ich auch vergessen.<br>Den Hintern aber zeig ich heute nicht.<br>Ein bi\u00dfchen schwenken mu\u00df ich ihn. Das Essen<br>Im Gelben Hund ist so, da\u00df man&#8217;s erbricht.<\/p>\n\n\n\n<p>[1938-1941]<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"683\" height=\"1024\" src=\"http:\/\/frankjankowski.de\/wp_textblog\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/ChatGPT_Degas_Brecht-683x1024.png\" alt=\"ChatGPT_Degas_Brecht\" class=\"wp-image-1812\" srcset=\"https:\/\/frankjankowski.de\/wp_textblog\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/ChatGPT_Degas_Brecht-683x1024.png 683w, https:\/\/frankjankowski.de\/wp_textblog\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/ChatGPT_Degas_Brecht-200x300.png 200w, https:\/\/frankjankowski.de\/wp_textblog\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/ChatGPT_Degas_Brecht-768x1152.png 768w, https:\/\/frankjankowski.de\/wp_textblog\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/ChatGPT_Degas_Brecht.png 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 683px) 100vw, 683px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p><br><\/p>\n\n\n\n<p><br>Schlechte Zeit f\u00fcr Lyrik<\/p>\n\n\n\n<p>Ich wei\u00df doch: nur der Gl\u00fcckliche<br>Ist beliebt. Seine Stimme<br>H\u00f6rt man gern. Sein Gesicht ist sch\u00f6n.<\/p>\n\n\n\n<p>Der verkr\u00fcppelte Baum im Hof<br>Zeigt auf den schlechten Boden, aber<br>Die Vor\u00fcbergehenden schimpfen ihn einen Kr\u00fcppel<br>Doch mit Recht.<\/p>\n\n\n\n<p>Die gr\u00fcnen Boote und die lustigen Segel des Sundes<br>Sehe ich nicht. Von allem<br>Sehe ich nur der Fischer rissiges Garnnetz.<br>Warum rede ich nur davon<br>Da\u00df die Vierzigj\u00e4hrige H\u00e4uslerin gekr\u00fcmmt geht?<br>Die Br\u00fcste der M\u00e4dchen<br>Sind warm wie ehedem.<\/p>\n\n\n\n<p>In meinem Lied ein Reim<br>K\u00e4me mir fast vor wie \u00dcbermut.<br>In mir streiten sich<br>Die Begeisterung \u00fcber den bl\u00fchenden Apfelbaum<br>Und das Entsetzen \u00fcber die Reden des Anstreichers1.<br>Aber nur das zweite<br>Dr\u00e4ngt mich zum Schreibtisch.<\/p>\n\n\n\n<p>[1938-1941]<\/p>\n\n\n\n<p><br>Zur Zeit der grauen Tage<\/p>\n\n\n\n<p>Schrecklich, wie der Zahn der Zeit langsam nagt<br>Dabei habe ich mich zweimal rasiert<br>Meine Socken gestopft, meinen Akt fotografiert<br>Und in allen S\u00fcdfr\u00fcchtehandlungen der Stadt nach Spielkarten gefragt.<br>Diese Zeitungen, man lie\u00dft sich ganz wund<br>Und das Leben ist so kurz, und<br>Einem geschenkten Barsch<br>Sieht man nicht in den<br>Mund<br>Und man kann ja gehen, wenn es einem nicht behagt.<br>Aber abends wird man mich wieder sehen hinter meinen roten Jalousien<br>Fressend meine Fu\u00dfzehn und vor Langeweile krumm<br>Und wird mich schreien h\u00f6ren wie ein krankes Vieh:<br>Halloh Sie!<br>Man schnalle mir ein Lustweib um!<\/p>\n\n\n\n<p>[1920-1923]<\/p>\n\n\n\n<p><br><br>Sonett Nr. 11 (Vom Genu\u00df der Ehem\u00e4nner)<\/p>\n\n\n\n<p>Ich liebe meine ungetreuen Frauen:<br>Sie sehn mein Auge starr auf ihrem Becken<br>Und m\u00fcssen den gef\u00fcllten Scho\u00df vor mir verstecken<br>(Es macht mir Lust, sie dabei anzuschauen.)<\/p>\n\n\n\n<p>Im Mund noch den Geschmack des andern Manns<br>Ist die gezwungen, mich recht geil zu machen<br>Mit diesem Mund mich l\u00fcstern anzulachen<br>Im kalten Scho\u00df noch einen andern Schwanz!<\/p>\n\n\n\n<p>Und w\u00e4hrend ich sie tatenlos betrachte<br>Essend die Tellerreste ihrer Lust<br>Erw\u00fcrgt sie den Geschlechtsschlaf in der Brust.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich war noch voll davon, als ich die Verse machte!<br>(Doch w\u00e4r es eine teure Lust gewesen<br>Wenn dies Gedicht hier die Geliebten l\u00e4sen.)<\/p>\n\n\n\n<p>[1924-1927, aus dem Nachla\u00df]<\/p>\n\n\n\n<p><br>\u00dcber die Verf\u00fchrung von Engeln<\/p>\n\n\n\n<p>Engel verf\u00fchrt man gar nicht oder schnell.<br>Verzieh ihn einfach in den Hauseingang<br>Steck ihm die Zunge in den Mund und lang<br>Ihm untern Rock, bis er sich na\u00df macht, stell<br>Ihn das Gesicht zur Wand, heb ihm den Rock<br>Und fick ihn. St\u00f6hnt er irgendwie beklommen<br>Dann halt ihn fest und la\u00df ihn zweimal kommen<br>Sonst hat er dir am Ende einen Schock.<\/p>\n\n\n\n<p>Ermahn ihn, da\u00df er gut den Hintern schwenkt<br>Hei\u00df ihn dir ruhig an die Hoden fassen<br>Sag ihm, er darf sich furchtlos fallen lassen<br>Dieweil er zwischen Erd und Himmel h\u00e4ngt &#8211;<\/p>\n\n\n\n<p>Doch schau ihm nicht beim Ficken ins Gesicht<br>Und seine Fl\u00fcgel, Mensch, zerdr\u00fcck sie nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>[1948-1956, aus dem Nachla\u00df]<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"has-large-font-size\"><br><br><a><\/a>Erich K\u00e4stner (1899 &#8211; 1974)<\/p>\n\n\n\n<p>Die junge Dame vorm Sarggesch\u00e4ft<\/p>\n\n\n\n<p>T\u00e4glich seh ich sie dort stehenbleiben<br>und gebannt in jene Scheiben starren,<br>hinter denen unser Tun und Treiben<br>nicht beachtend, S\u00e4rge auf uns harren.<\/p>\n\n\n\n<p>T\u00e4glich seh ich, wie ihr Auge blitzt,<br>wenn sie in das Fenster blickt.<br>Was stimmt sie heiter?<br>Ach, sie pr\u00fcft nur, ob ihr H\u00fctchen sitzt.<br>Nichts weiter<\/p>\n\n\n\n<p><br>Verzweiflung Nr.1<\/p>\n\n\n\n<p>Ein kleiner Junge lief durch die Stra\u00dfen<br>und hielt eine Mark in der hei\u00dfen Hand.<br>Es war schon sp\u00e4t und die Kaufleute ma\u00dfen<br>mit Seitenblicken die Uhr an der Wand.<\/p>\n\n\n\n<p>Er hatte es eilig, er h\u00fcpfte und summte:<br>&#8222;Ein halbes Brot und ein Viertelpfund Speck.&#8220;<br>Das klang wie ein Lied. Bis er pl\u00f6tzlich verstummte.<br>Er tat die Hand auf. Das Geld war weg.<\/p>\n\n\n\n<p>Da blieb er stehen und stand im Dunkeln.<br>In den Ladenfenstern erlosch das Licht.<br>Es sieht zar gut aus, wenn die Sterne funkeln.<br>Doch zum Suchen von Geld reicht das Funkeln nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Als wolle er immer stehen bleiben,<br>stand er. Und war, wie noch nie, allein.<br>Die Roll\u00e4den klapperten \u00fcber die Scheiben.<br>Und die Laternen nickten ein.<\/p>\n\n\n\n<p>Er \u00f6ffnete immer wieder die H\u00e4nde<br>und drehte sie langsam hin und her.<br>Dann war die Hoffnung endlich zu Ende.<br>Er \u00f6ffnete seine F\u00e4uste nicht mehr&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Der Vater wollte zu essen haben.<br>Die Mutter hatte ein m\u00fcdes Gesicht.<br>Sie sa\u00dfen und warteten auf den Knaben.<br>Der stand im Hof. Sie wu\u00dften es nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Mutter wurde allm\u00e4hlich bange.<br>Sie ging ihn suchen. Bis sie ihn fand.<br>Er lehnte still an der Teppichstange<br>und kehrte das kleine Gesicht zur Wand.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie fragte erschrocken, wo er denn bliebe.<br>Da brach er in lautes Weinen aus.<br>Sein Schmerz war gr\u00f6\u00dfer als ihre Liebe.<br>Und beide traten traurig ins Haus.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"has-large-font-size\"><br><a><\/a>Wolfgang Borchert (1921 &#8211; 1947)<\/p>\n\n\n\n<p><br>Regen<\/p>\n\n\n\n<p>Der Regen geht als eine alte Frau<br>mit stiller Trauer durch das Land.<br>Ihr Haar ist feucht, ihr Mantel grau,<br>und manchmal hebt sie ihre Hand<\/p>\n\n\n\n<p>und klopft verzagt an Fensterscheiben,<br>wo die Gardinen heimlich fl\u00fcstern.<br>Das M\u00e4dchen mu\u00df im Hause bleiben<br>und ist doch grade heut so lebensl\u00fcstern!<\/p>\n\n\n\n<p>Da packt der Wind die Alte bei den Haaren,<br>und ihre Tr\u00e4nen werden wilde Kleckse.<br>Verwegen l\u00e4\u00dft sie ihre R\u00f6cke fahren<br>und tanzt gespensterhaft wie eine Hexe!<\/p>\n\n\n\n<p><br>Der Ku\u00df<\/p>\n\n\n\n<p>Es regnet &#8211; doch sie merkt es kaum,<br>weil noch ihr Herz vor Gl\u00fcck erzittert:<br>Im Ku\u00df versank die Welt im Traum.<br>Ihr Kleid ist na\u00df und ganz zerknittert<\/p>\n\n\n\n<p>und so ver\u00e4chtlich hochgeschoben,<br>als w\u00e4ren ihre Knie f\u00fcr alle da.<br>Ein Regentropfen, der zu nichts zerstoben,<br>der hat gesehn, was niemand sonst noch sah.<\/p>\n\n\n\n<p>So tief hat sie noch nie gef\u00fchlt &#8211;<br>so sinnlos selig m\u00fcssen Tiere sein!<br>Ihr Haar ist wie zu einem Heiligenschein zerw\u00fchlt &#8211;<br>Laternen spinnen sich drin ein.<\/p>\n\n\n\n<p><br>Gro\u00dfstadt<\/p>\n\n\n\n<p>Die G\u00f6ttin Gro\u00dfstadt hat uns ausgespuckt<br>in dieses w\u00fcste Meer von Stein.<br>Wir haben ihren Atem eingeschluckt,<br>dann lie\u00df sie uns allein.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Hure Gro\u00dfstadt hat uns zugeplinkt &#8211;<br>an ihren weichen und verderbten Armen<br>sind wir durch Lust und Leid gehinkt<br>und wollten kein Erbarmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Mutter Gro\u00dfstadt ist uns mild und gro\u00df &#8211;<br>und wenn wir leer und m\u00fcde sind,<br>nimmt sie uns in den grauen Scho\u00df &#8211;<br>und ewig orgelt \u00fcber uns der Wind!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bertolt Brecht (1898 &#8211; 1956) Gedanken eines Revuem\u00e4dchens w\u00e4hrend des Entkleidungsaktes Mein Los ist es, auf dieser queren ErdeDer Kunst <span class=\"more-text\">&hellip;<\/span><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":1804,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1,253],"tags":[285,287,284],"class_list":["post-1757","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-allgemein","category-lyrik-anthologie","tag-borchert","tag-brecht","tag-kaestner"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/frankjankowski.de\/wp_textblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1757","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/frankjankowski.de\/wp_textblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/frankjankowski.de\/wp_textblog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/frankjankowski.de\/wp_textblog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/frankjankowski.de\/wp_textblog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1757"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/frankjankowski.de\/wp_textblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1757\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1816,"href":"https:\/\/frankjankowski.de\/wp_textblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1757\/revisions\/1816"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/frankjankowski.de\/wp_textblog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1804"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/frankjankowski.de\/wp_textblog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1757"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/frankjankowski.de\/wp_textblog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1757"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/frankjankowski.de\/wp_textblog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1757"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}