{"id":1777,"date":"2026-02-10T17:19:54","date_gmt":"2026-02-10T16:19:54","guid":{"rendered":"https:\/\/frankjankowski.de\/wp_textblog\/?p=1777"},"modified":"2026-02-12T20:18:12","modified_gmt":"2026-02-12T19:18:12","slug":"totalschaden-mit-schalldaempfer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/frankjankowski.de\/wp_textblog\/totalschaden-mit-schalldaempfer\/","title":{"rendered":"Unfamiliar: Totalschaden mit Schalld\u00e4mpfer"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Wer nuschelt, ist tief. Wer langsam nuschelt, ist sehr tief: \u201cUnfamiliar\u201d \u2013 eine deutsche Krimi-Serie als Schuss ins eigene Knie\u00ad.&nbsp;<\/h2>\n\n\n\n<p>Der Titel klingt wie ein Freifahrtschein f\u00fcr Beliebigkeit \u2013 so, als habe man in der Redaktionskonferenz ernst genickt: Das versteht man \u00fcberall. Ironischerweise definiert \u201eunfamiliar\u201c nicht die Welt der Serie, sondern ihr Verh\u00e4ltnis zu sich selbst. Alles ist ihr unvertraut: Dramaturgie, Psychologie, Kausalit\u00e4t, menschliches Verhalten\u2026\u00a0 \u2013 als habe man beschlossen, das Agentengenre als unfreiwillige Parodie neu zu erfinden \u2013 nur leider ohne Witz, ohne Ironie, ohne Bewusstsein f\u00fcr den eigenen Schwachsinn.<\/p>\n\n\n\n<p>Vorab das Lob, damit es nicht hei\u00dft, ich sei unfair: Die Filmtechnik ist \u2013 wie so oft \u2013 tadellos. Kameraarbeit mit sicherem Blick f\u00fcr Tiefe und Rhythmus, saubere Lichtsetzung, pr\u00e4ziser Schnitt, souver\u00e4nes Sounddesign usw. Das alles funktioniert. Leider ist es nur die Verpackung einer k\u00fcnstlerischen (und geistigen) Verzichtserkl\u00e4rung oder Eigensabotage (Dickfelligkeit?) (KI-Missbrauch?\u2026)<\/p>\n\n\n\n<p>Minute zwei: Der B\u00f6sewicht \u2013 das Gesicht wie aus einem Parfumspot \u2013 sitzt nachts auf einer Parkbank und sticht sich (warum auch immer) einen Transponder aus dem Bauch. So weit, so klischeehaft.  Ach nein, nicht nachts, abends \u2013 zu einer Uhrzeit, zu der Sechzehnj\u00e4hrige sich noch nicht einmal aufgebrizzelt haben, um in die Clubszene einzufallen. Und er sitzt auch nicht irgendwo, sondern im Epizentrum Berlins. Trotzdem: keine Menschenseele weit und breit (man riecht f\u00f6rmlich die Schar von Ordnern um das Filmset herum). Mit schallged\u00e4mpfter Pistole schie\u00dft der Ausblutende sich nun, weil&#8217;s so sch\u00f6n war, gleich nochmal gezielt mitten durchs eigene Knie. Ein medizinischer Totalschaden: lebenslange Einschr\u00e4nkung, wenn nicht Invalidit\u00e4t. Der Zuschauer denkt: existentielle Not \u2013 letzte Rettung. Falsch.\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p>In Wahrheit ist er ein ausgebuffter Geheimagent und verst\u00fcmmelt sich einzig und allein deshalb, um das Vertrauen eines pensionierten BND-P\u00e4rchens zu erschleichen, das mitten in Berlin ein Safe House betreibt. Auch da haben die Hollywood-Nach\u00e4ffer wohl was falsch verstanden: Safe Houses stehen dort, wo Geheimdienstler wegen politischer Krisen in Schwierigkeiten geraten, nicht im eigenen Nest. Und ein Safe House ist auch nicht zugleich die eigene Privatwohnung, in der hier noch das 16-j\u00e4hrige T\u00f6chterlein haust \u2013 die ausdr\u00fccklich nicht debil ist, aber trotzdem nichts von all dem wei\u00df, denn zwischen Familienleben und Geheimdienstloge liegt eine ganze\u2026 T\u00fcr. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"683\" src=\"http:\/\/frankjankowski.de\/wp_textblog\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/KI_Illu_unfamiliar_Popart-4-1024x683.png\" alt=\"ChatGPT-Illustration_Unfamiliar_Roy_Liechtenstein_Stil\" class=\"wp-image-1783\" srcset=\"https:\/\/frankjankowski.de\/wp_textblog\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/KI_Illu_unfamiliar_Popart-4-1024x683.png 1024w, https:\/\/frankjankowski.de\/wp_textblog\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/KI_Illu_unfamiliar_Popart-4-300x200.png 300w, https:\/\/frankjankowski.de\/wp_textblog\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/KI_Illu_unfamiliar_Popart-4-768x512.png 768w, https:\/\/frankjankowski.de\/wp_textblog\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/KI_Illu_unfamiliar_Popart-4.png 1536w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Kaum aufgenommen, darf der Schwerverletzte die Fingerabdr\u00fccke der (gerade abwesenden) Safe-H\u00e4uslerin (Susanne Wolff) kopieren und die wohnungsinterne Computeranlage nutzen: ein ganzer Raum voller blinkender Panels, pseudo-milit\u00e4rischer Interfaces und bedeutungsschwangerer Fortschrittsbalken \u2013 eine (aus irgendwelchen Gr\u00fcnden frei zug\u00e4ngliche) Hightech-Anlage, die selbst der NASA zur Ehre gereichte \u2013 und per Knopfdruck in eine Gaskammer verwandelt werden kann. Man fragt sich unweigerlich: Ist dieses Motiv \u2013 Gaskammer \u2013 in einer deutschen Serie Absicht oder bereits unfreiwillige Selbstparodie? \u2013 zumal der Darsteller des Vergasten auch noch Jude ist! <\/p>\n\n\n\n<p>Der selbstverst\u00fcmmelnde B\u00f6sewicht wird also vergast, darf aber vorher noch alle Geheimnisse an seinen Auftraggeber versenden, die zur Identifizierung der Helden dienen, um sie alle hinrichten zu lassen (im Dreierpack gab&#8217;s wohl Rabatt) \u2013 zur Sicherheit erfolgt der T\u00f6tungsbefehl zweisprachig: kill und eliminieren: Man wei\u00df ja nie, wer gerade liest.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann die Szene, auf die alles hinausl\u00e4uft: eine Kampfszene zwischen dem durchtrainierten, schwarzgelockten 30-J\u00e4hrigen und der gewieften 52-j\u00e4hrigen Hausherrin. Und hier, man glaubt es kaum, zeigt die Serie pl\u00f6tzlich wieder kurz, was sie k\u00f6nnte. Die Choreografie ist n\u00e4mlich teilweise originell, kaum effekthascherisch, pr\u00e4zise gefilmt. Und sie w\u00e4re \u2013 zumindest im Mittelteil \u2013 sogar k\u00f6rperlich glaubw\u00fcrdig, w\u00e4re der eine K\u00e4mpfer nicht so schwer verwundet, dass jeder Normalsterbliche sich mindestens noch drei Tage winselnd im Bett windete, statt durch berstende Glasplatten zu purzeln. Die graue W\u00f6lfin wei\u00df, wie man \u00fcberlebt. Leider wei\u00df sie nicht, wie man ein vollnarkotisiertes Parfummodel mit Kabelbindern an einen Holzhocker fesselt \u2013 besser gesagt: Gott sei Dank wei\u00df sie es nicht, sonst w\u00e4re die einzig sehenswerte Szene perdu. Sieben Sekunden braucht der sch\u00f6ne Invalide, um sich zu befreien, w\u00e4hrend Frau Wolff perfide l\u00e4chelnd ihr Folterbesteck auspackt (= ironisch gegenderte Marathon Man-Reminiszenz). Sieben. Sekunden. Danach k\u00e4mpft er \u2013 mit Stichwunde im Bauch und zerschossenem Knie \u2013 als h\u00e4tte er sich den kleinen Zeh am K\u00fcchentisch gesto\u00dfen. \u2013 Das erinnert einen an Altmeister Friedkins &#8222;Stunde des J\u00e4gers&#8220;, wo Benicio Del Toro seinem Lehrer (Tommy Lee Jones) ein Messer ins Bein rammt (kein Kartoffelmesserchen, sondern eine Crocodile Dundee-Klinge), jener sich den Monsterdolch an einer Hand \u00fcber einem tosenden Wasserfall h\u00e4ngend mit der anderen herauszieht und 10 Minuten sp\u00e4ter weiterk\u00e4mpft, als h\u00e4tte ihm ein Splitter im Finger gesteckt\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Parallelhandlung 1: Volksb\u00fchnenveteran Henry H\u00fcbchen als Alt-James-Bond. Das Markenzeichen seiner Figur besteht darin, extrem langsam zu nuscheln \u2013 vielleicht, weil der Regisseur Alan Parkers &#8222;Fame&#8220; gesehen hatte, in dem Komiker Raoul auf der B\u00fchne reklamiert, dass alle gro\u00dfen Mimen genuschelt h\u00e4tten: Dean, Brando, Montgomery Clift. Der Schluss: Wer nuschelt, ist cool. Wer langsam nuschelt, ist sehr cool.<\/p>\n\n\n\n<p>In Parallelhandlung 2 wird Papa Safeh\u00e4usler von seiner Frau oder Schwester (oder beides, das wird noch explizit offengelassen) losgeschickt, um die 16-J\u00e4hrige zu suchen. Drei Minuten sp\u00e4ter rempelt ihn ein Attent\u00e4ter an und injiziert ihm dabei einen Nervenkampfstoff \u2013 Nawalny l\u00e4sst gr\u00fc\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Parallelhandlung 3: Zwei weitere Geheimagenten \u2013 ein weiteres Parfum-Model und der f\u00fcrs deutsche Publikum offenbar unerl\u00e4ssliche Quoten-Immigrant, ein h\u00fcnenhafter Araber ohne Text, \u00fcberhaupt ohne erkennbare narrative Funktion \u2013 scheitern daran, innerhalb der vorgegebenen 15 Minuten das Altagenten-Trio zu exterminieren. Die Konsequenz: Sie werden nicht exekutiert, sondern gefeuert &#8211; vom geheimnisvollen Alpha-Altagenten (Samuel Finzi), zwischen (Auto-)T\u00fcr und Angel. Jene quittieren den Jobverlust mit einem lethargischen Achselzucken. Agententhriller als Personalgespr\u00e4ch.<\/p>\n\n\n\n<p>Unfamiliar: Der Vorspann weist uns mit feinem Nachdruck auf die Endsilbe hin: liar. Genau das ist diese Serie: eine L\u00fcge. Man soll nicht verstehen, sondern glauben. Nicht hinterfragen, sondern staunen. Kurz gesagt: Noch nie war ein englischer Titel so pr\u00e4zise im Verrat an seinem eigenen Inhalt. Am Ende bleibt der Eindruck, dass \u201eunfamiliar\u201c genau das sagt, was man sonst m\u00fchsam in einer Verriss-Pointe unterbringen m\u00fcsste: Der Titel ist das Beste an der Serie \u2013 weil er (ungewollt) ehrlich ist.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"683\" src=\"http:\/\/frankjankowski.de\/wp_textblog\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/KI_Illu_unfamiliar_Kubin-2-1024x683.png\" alt=\"ChatGPT-Illustration_Unfamiliar_Kubin_Stil\" class=\"wp-image-1785\" srcset=\"https:\/\/frankjankowski.de\/wp_textblog\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/KI_Illu_unfamiliar_Kubin-2-1024x683.png 1024w, https:\/\/frankjankowski.de\/wp_textblog\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/KI_Illu_unfamiliar_Kubin-2-300x200.png 300w, https:\/\/frankjankowski.de\/wp_textblog\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/KI_Illu_unfamiliar_Kubin-2-768x512.png 768w, https:\/\/frankjankowski.de\/wp_textblog\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/KI_Illu_unfamiliar_Kubin-2.png 1536w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Was Unfamiliar fundamental missversteht, ist nicht Hollywood, sondern Menschlichkeit. Spionage ist hier kein psychologisches Verwirrspiel aus Loyalit\u00e4t, Paranoia und Identit\u00e4tsverlust, sondern eine Abfolge von Versatzst\u00fccken aus dem Baukasten der Spionageklischees. Alles ist \u00e4u\u00dferlich perfekt und innerlich hohl. Es ist eine Serie \u00fcber Geheimnisse, die nichts verbergen, und \u00fcber K\u00f6rper, die alles aushalten, au\u00dfer Bedeutung. \u2013 Am Ende bleibt der Eindruck einer makellos polierten Maschine, die mit gro\u00dfem Ernst Unsinn produziert. Unfamiliar ist kein Scheitern an Hollywood \u2013 es ist ein Scheitern an der eigenen Fantasie.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right has-small-font-size\">(S\u00e4mtliche Illustrationen wurden per <br>minimalem Prompt durch ChatGPT erstellt.) &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer nuschelt, ist tief. 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