{"id":244,"date":"1988-10-25T12:00:44","date_gmt":"1988-10-25T11:00:44","guid":{"rendered":"http:\/\/frankjankowski.de.w01a8fb4.kasserver.com\/wp_textblog\/?p=244"},"modified":"2020-05-06T19:48:52","modified_gmt":"2020-05-06T17:48:52","slug":"guenter-rohrbach-inszeniert-dominik-graf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/frankjankowski.de\/wp_textblog\/guenter-rohrbach-inszeniert-dominik-graf\/","title":{"rendered":"G\u00fcnter Rohrbach inszeniert Dominik Graf"},"content":{"rendered":"\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Notizen zum Hauptseminar \u201cFilmproduktion\u201d, HFF M\u00fcnchen 1988, Seminarleiter: Dr. G\u00fcnter Rohrbach. Zugleich eine kleine Neid-Hommage.<\/h3>\n\n\n\n<p><em>&#8222;Guten Tag. Neben mir sitzt Dominik Graf!&#8220;<\/em> stellt Dr. G\u00fcnter Rohrbach, Chef der M\u00fcnchner Bavaria, uns seinen heutigen Gast vor. Leicht lampenfiebrig hatten die beiden vorletzten Donnerstag gemeinsam der D\u00fcsseldorfer Premiere zu ihrem neuen Film &#8222;Die Katze&#8220; vorgesessen. Heute dagegen sind sie entspannt. Der sympathische Produktionsleiter hat das, wovon so manch ein Top-Manager tr\u00e4umt: Charisma in Form nat\u00fcrlicher, entwaffnender Autorit\u00e4t. Schon wenn er zu reden ansetzt, wird es still im Raum &#8211; so kann dieser zierlich-grazile Herr auch seine feine, helle Stimme schonen. Seine munteren Augen taxieren flink die in Erwartung gespannten Gesichter des Publikums. Den obersten Hemdknopf tr\u00e4gt er offen und die dunkelblaue Strickkrawatte hat sich verdreht &#8211; ansonsten schaut er genauso aus, wie man sich einen korrekt gekleideten, netten Herrn vorzustellen hat, der vorgestern seinen 60sten Geburtstag feierte.<\/p>\n\n\n\n<p>Neben ihm hockt ein posthalbstark wirkender Enddrei\u00dfiger mit hochtoupiert kurzem Haar, tr\u00e4gt weite stone-washed-Jeans, ein kariertes Flanellhemd von 3K und eine Wenders-Brille. Betont gelangweilt zerknatscht er ein Kaugummi und betrachtet mit weit nach vorne gebeugtem Oberk\u00f6rper seine amerikanischen Basketballstiefel, wie ich sie bisher nur den Skateboardern in Brooklyn und Haarlem gesehen habe &#8211; aber auch das eben nur im Fernsehen. Wahrscheinlich kosten sie hier ein Verm\u00f6gen. Sein schmaler Mund am windschnittigen Kopf mit den verschmitzten \u00c4uglein dr\u00e4ngen mir die Assoziation zu einem Vogel auf. Irgendetwas zwischen Buntspecht und Lachm\u00f6we vielleicht.\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p>Wie wir von Herrn Rohrbach erfahren, stammt &#8222;<em>Graf<\/em>&#8220; (so wird er ihn freundlicherweise auch die n\u00e4chsten drei Stunden nennen) aus einer ber\u00fchmten K\u00fcnstlerfamilie. Sein Vater Robert sei ein ber\u00fchmter Fernseh-, Film- und Theaterschauspieler gewesen, der 1966 starb, und seine Mutter (ebenfalls Schauspielerin) avancierte wohl irgendwann zur Schriftstellerin. Mit einer Frage, die uns 30 Filmstudenten h\u00f6herer Semester sichtbar aufhorchen l\u00e4sst, gibt er das Wort dann an seinen Gast weiter:&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">&#8222;Wie wird man denn nun in Deutschland Filmregisseur?&#8220;<\/h2>\n\n\n\n<p>Ich h\u00f6re die Stimme von Dominik Graf zum ersten Mal und bin \u00fcberrascht: Sie pa\u00dft nicht zu seiner klischeehaft amerikaphilen Erscheinung, wirkt vielmehr angenehm ausgeglichen, beinahe sanft. Was dann folgt ist allerdings wieder Klischee, denn es h\u00f6rt sich an, wie die h\u00f6hnische Selbstdarstellung eines amerikanischen Superstars:&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p><em><strong>&#8222;In der Schule war ich einer der schlechtesten, bin andauernd rausgeflogen. Und mit Film hatte ich lange Zeit \u00fcberhaupt nichts im Sinn. Eigentlich wollte ich Rockmusik machen, als Gitarrist und S\u00e4nger &#8211; aber auch da war ich v\u00f6llig erfolglos und schlecht&#8230;&#8220;&nbsp;<\/strong><\/em><\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Ich notiere in meinem kleinen Moleskine, in dem angeblich bereits Hunter S. Thompson seinen Hells Angels-Roman skizzierte: \u201cEigentlich war ich ein absoluter Versager\u2019 &#8211; kein Zitat\u201d.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt das obligate Germanistikstudium, das abgebrochene, und schlie\u00dflich das \u00dcberklischee von der Faszination des ersten Kinofilms. &#8218;Bitte jetzt nicht auch noch Truffaut&#8216; denke ich, als er uns auch schon erz\u00e4hlt, es sei kein anderer als Francois Truffaut gewesen, dessen Werke ihn inspiriert h\u00e4tten. Und, als h\u00e4tte er meine Gedanken erraten, f\u00fcgt er noch eine kleine Geh\u00e4ssigkeit hintan:&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p><strong><em>&#8222;Wei\u00df nicht, ob Sie schon was von Truffaut gesehen haben!? &#8211; Ich meine die Filmserie mit Antoine Doinel&#8230;&#8220;<\/em><\/strong><\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>So wie viele andere seiner Kollegen, n\u00e4mlich als &#8222;Kaffeeholer&#8220; (womit er freilich den Job des Regieassistenten zu umschreiben versucht), habe er nicht anfangen wollen. In den 70er Jahren &#8211; so berichtet er weiter &#8211; wurden die beiden deutschen Filmhochschulen etwas angesehener und dadurch einflussreicher. Also bewarb er sich hier an der HFFM, um &#8222;wenigstens drei Jahre lang Filme drehen zu k\u00f6nnen, die, wenn auch mit viel zu geringen Mitteln, staatlich finanziert werden.&#8220; &#8211; und wurde genommen.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Habe v\u00f6llige Schei\u00dffilme gemacht!&#8220;, bis ihm sein Abschlussfilm &#8222;Der kostbare Gast&#8220; (f\u00fcr den er auch das Drehbuch schrieb), einen Preis einbrachte, den er als &#8222;Sprungbrett seiner Karriere&#8220; bezeichnet: Der Bayerische Filmpreis f\u00fcr Nachwuchsregisseure.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kam sein erster richtiger Spielfilm, ein &#8222;psychologischer Horrorstreifen&#8220; mit dem Titel \u201cDas zweite Gesicht&#8220;. Das Ergebnis dieser Arbeit bezeichnet er als das &#8222;endg\u00fcltige Fiasko&#8220;, und f\u00fcgt als Begr\u00fcndung die Tatsache hinzu, <em>&#8222;in einer Person als Drehbuchautor und Regisseur aufgetreten zu sein&#8220;<\/em>. <em>&#8222;Gleich nach drei Wochen wurde er vom Verleih wieder zur\u00fcckgezogen. Also das war echt &#8217;n Witz der Film&#8230;&#8220;<\/em>&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Student unterbricht: &#8222;Ist denn der Verleih nicht an einen Vertrag gebunden?&#8220; &#8211; Darauf Rohrbach:&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p><em><strong>&#8222;Das ist ein richtig hartes Gesch\u00e4ft. Wenn der Verleih abbricht, hat es \u00fcberhaupt keinen Sinn, auf den Vertrag zu pochen. Die sagen: &#8218;Verklagen sie mich doch! Dann verklagt man sie und geht durch s\u00e4mtliche Instanzen. Wenn man Gl\u00fcck hat, werden die dann 1994 dazu verurteilt, einen veralteten Film zu zeigen &#8211; und so etwas macht man nat\u00fcrlich nicht!.\u201c&nbsp;<\/strong><\/em><\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Und mit einem h\u00f6chst einnehmenden L\u00e4cheln schlie\u00dft er augenzwinkernd ab:<em> &#8222;Verstehen Sie?&#8220;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Von nun an&#8220;, kn\u00fcpft Graf wieder an seinen Lebensbericht an, wollte er &#8222;endlich mal bei Bavaria lernen&#8220;. So durfte er sechs Folgen einer TV-Serie namens &#8222;Chaos&#8220; machen &#8211; <em>&#8222;die wir in extrem wenig Zeit drehen mu\u00dften, deshalb beschr\u00e4nkte sich meine Kunst mehr oder weniger auf das Aneinanderf\u00fcgen von dialogischen Gegenschnitten!&#8220;<\/em>, die sich aber offensichtlich dennoch sehen lassen konnten, denn die Bavaria bot ihm daraufhin zun\u00e4chst drei Folgen f\u00fcr die Vorabendserie &#8222;Der Fahnder&#8220; an. &#8222;Die waren dann sogar relativ erfolgreich.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Die Zusammenarbeit mit Christoph Fromm, dem Drehbuchautor seines n\u00e4chsten Films (&#8222;Der Treffer&#8220;), Anfang der 80er, erwies sich als au\u00dfergew\u00f6hnlich kooperativ und begr\u00fcndete gleichsam eine l\u00e4ngerfristige Zusammenarbeit zwischen den beiden. &#8222;Endlich hatte ich auch einen Stil gefunden, mit dieser Art von Auftragsproduktion umzugehen.&#8220; Es folgte &#8222;Die Pause&#8220;, eine unspektakul\u00e4re Produktion. Ebenso eine fast gleichzeitige B\u00fchneninszenierung, durch die er erstmals mit G\u00f6tz George zusammentraf. &#8222;Das war aber nicht zuf\u00e4llig \u2019Der Revisor\u2019?&#8220; fragt einer nach, &#8211; &#8222;Nein. Das St\u00fcck hie\u00df&#8230; \u00e4h&#8230; Schwarzes Wochenende.\u201d Und in ver\u00e4nderter Haltung berichtet er uns schlie\u00dflich von seinem <em>\u201cgr\u00f6\u00dften Fiasko: Es war ein schwerer Fehler, auf das Angebot der \u201eConstantin\u201c einzugehen, und mit der Rockgruppe Trio einen Film zu machen!\u201d<\/em> Erstens sei das von f\u00fcnf oder sechs Autoren gemeinsam verfassten Drehbuch erst zwei Tage vor Drehbeginn fertig gewesen (&#8222;und so etwas geht nat\u00fcrlich nicht&#8220;) und zweitens&#8230; er z\u00f6gert einen Augenblick lang. .. habe sich \u201cTrio als relativ unergiebig als Kom\u00f6dianten erwiesen&#8220;. Wie unverf\u00e4nglich formuliert &#8211; denke ich &#8211; richtig professionell! <em>&#8222;Der Film ist in M\u00fcnchen nie gelaufen und brach in den drei oder vier anderen St\u00e4dten v\u00f6llig ein.&#8220;<\/em> &#8211; weiter will er sich nicht dar\u00fcber auslassen.<\/p>\n\n\n\n<p><em>&#8222;Und dann hatte ich mal Gelegenheit, einen ganz anderen Film zu machen, dessen Inhalt mich echt interessierte: Ein Israeli kommt nach Deutschland zur\u00fcck und findet seine Gro\u00dfmutter mit einem Ex-Nazi verheiratet!&#8220;<\/em> Der Titel: \u201eBei Thea\u201c. <em>&#8222;Tja und zur gleichen Zeit begann auch schon die Vorproduktion zu der \u2019Katze\u2019. Die hat sich endlos hingezogen, da es wahnsinnig viele Drehbuchfassungen gab.&#8220;<\/em> Die letzte stamme schlie\u00dflich von besagtem Freund Christoph Fromm. <em>&#8222;Was aus diesem Film wird, wissen wir noch nicht so genau &#8211; aber er l\u00e4uft wohl ganz gut jetzt.&#8220;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Noch bevor uns so richtig bewusst wird, dass es sich um das Ende des Aufsatzes &#8222;Wie wird man in Deutschland Regisseur&#8220; handelt, ergreift der Mann das Wort, der seinem Gast die ganze Zeit \u00fcber aufmerksam gelauscht hatte:&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><em>&#8222;Das, was Graf macht, unterscheidet sich durch eine sehr wichtige Variante von den anderen: Er arbeitet im amerikanischen Stil.&#8220;<\/em> Dann listet er die beiden anderen Kategorien auf: Erstens der &#8222;deutsche Provinzfilm&#8220; und zweitens der &#8222;individuelle Regisseur-Stil&#8220;, wie z.B. dem von <strong>Wim Wenders<\/strong>&#8230;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><em>&#8222;Wissen Sie, um so weit zu kommen wie Graf, mu\u00df man eben eine Zeitlang Schwarzbrot essen, bevor man&#8230; er stutzt&#8230; bevor man dann also an die besseren Brotsorten rankommt.&#8220;<\/em> Ich muss grinsen, weil ich das f\u00fcr einen ungl\u00fccklich gew\u00e4hlten Vergleich halte &#8211; er grinst auch.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit einer Art einladender Geste gibt er sodann zu verstehen, da\u00df er nunmehr f\u00fcr s\u00e4mtliche Fragen zur Verf\u00fcgung stehe &#8211; dies ist der Augenblick, auf den alle gewartet haben.<\/p>\n\n\n\n<p><em>&#8222;Der Film wurde urspr\u00fcnglich mit einem Budget von 5,1 Mio. Mark veranschlagt, was f\u00fcr einen deutschen Film schon enorm viel ist, wenn man bedenkt, da\u00df ein Tatort beispielsweise h\u00f6chstens anderthalb Mio kostet, hat dann aber im Endeffekt doch ca. 6,7 Mio. gekostet. Wie kam es zu dieser \u00fcberheblichen \u00dcberschreitung?&#8220;<\/em> &#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Weiter reichen meine Notizen leider nicht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Notizen zum Hauptseminar \u201cFilmproduktion\u201d, HFF M\u00fcnchen 1988, Seminarleiter: Dr. G\u00fcnter Rohrbach. Zugleich eine kleine Neid-Hommage. &#8222;Guten Tag. 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