{"id":297,"date":"1996-04-05T14:10:33","date_gmt":"1996-04-05T12:10:33","guid":{"rendered":"http:\/\/frankjankowski.de.w01a8fb4.kasserver.com\/wp_textblog\/?p=297"},"modified":"2020-06-03T07:59:49","modified_gmt":"2020-06-03T05:59:49","slug":"king-pulp-the-wild-world-of-quentin-tarantino-uebersetzung-des-sachbuches-von-paul-a-woods","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/frankjankowski.de\/wp_textblog\/king-pulp-the-wild-world-of-quentin-tarantino-uebersetzung-des-sachbuches-von-paul-a-woods\/","title":{"rendered":"King Pulp. The Wild World of Quentin Tarantino. \u00dcbersetzung des Sachbuches von Paul A. Woods"},"content":{"rendered":"\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Aus dem Englischen von Frank Jankowski \u00fcbertragen \u2013 und mehreren deutschen Verlagen angeboten, die damals mit der Begr\u00fcndung ablehnten, Tarantino sei eine &#8222;Eintagsfliege&#8220;, &#8222;zu brutal&#8220;, &#8222;zu trivial&#8220; etc. und finde hier deshalb keinen Markt.<\/h3>\n\n\n\n<p>Lizenzgebender Verlag: Plexus Publishing Lt., London, 1996.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Einleitung<\/h3>\n\n\n\n<p>Bei der Verleihung der Academy Awards von 1995 betraten zwei junge Filmemacher das Podium, um den Oscar f\u00fcr das beste Original-Drehbuch in Empfang zu nehmen. Auf den \u00fcblichen Firlefanz verzichtend, sich bei jedem, angefangen vom ausf\u00fchrenden Produzenten bis hin zu den Gro\u00dfeltern, zu bedanken, nahm der, der etwas weiter vorne stand, ein drahtiger hohlwangiger Typ, die Troph\u00e4e mit einem etwas gequ\u00e4lten &#8222;<em>Thanks<\/em>&#8220; entgegen: &#8222;<em>Das wird ja wohl der einzige Preis sein, den ich hier heute Abend gewinne<\/em>&#8222;, verk\u00fcndete er, obgleich er auch noch als bester Regisseur nominiert war und sein Film, Pulp Fiction, als bester Film.\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p><em>&#8222;Ich habe ziemlich viel \u00fcber all das hier nachgedacht, und vielleicht sollte ich den ganzen Schei\u00df mal erz\u00e4hlen, einfach mal alles rauslassen, gleich heute abend&#8230;&#8220;<\/em> Sein etwas beherrschterer langhaariger Ko-Autor hinter ihm sch\u00fcttelte den Kopf. Er war einer von denen, die sich, einmal von der Leine gelassen, durchaus einen Weg ins n\u00e4chste Jahrtausend bahnen konnten. <em>&#8222;&#8230; Aber das ist nicht mein Ding&#8220;<\/em>, nuschelte Quentin Tarantino \u2013 und dann nochmal &#8222;<em>Thanks<\/em>&#8222;. Sein Ko-Autor, Roger Avary, nahm sich etwas mehr Zeit f\u00fcr die traditionellen Sentimentalit\u00e4ten: &#8222;Ich m\u00f6chte meiner wundersch\u00f6nen Frau Gretchen danken&#8220;, fing er an, und beendete seine Dankesrede dann mit einem Witz, \u00fcber den niemand lachte: Er m\u00fcsse jetzt pissen gehen und deshalb die B\u00fchne verlassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die freche L\u00e4ssigkeit des Duos wurde tags darauf von den Mitteilungsbl\u00e4ttern der Filmbranche und den Feuilletons der Tageszeitungen erstaunlich zur\u00fcckhaltend aufgenommen. Normalerweise h\u00e4tte man ihnen Arroganz und Mangel an Ehrfurcht vorgeworfen. \u2013 Tarantino schien zwar ergriffen genug, um seinen Preis einzufordern, doch sein Vorwurf \u00fcber den &#8222;einzigen Award den ich gewinnen werde&#8220; barg einen Unterton, als h\u00e4tte er sich bereits mit dem zweitbesten Preis abgefunden. Jedenfalls wurde seine Verletzung der Etikette still geduldet, so wie gro\u00dfkotzige Rock-Stars geduldet werden, wenn sie g\u00f6nnerhaft ihre Grammy-Awards abgreifen. Die R\u00fcge der New York Times richtete sich nicht gegen Tarantino, sondern gegen den Gastgeber der Oscar-Verleihung, David Letterman, den Helden der Late-Night-Talkshow und Veteran der Unterhaltungsindustrie, der sich bei seinem Job nicht gerade mit Ruhm bekleckert hatte.\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p>Warum aber soviel Beifall, Bewunderung und vorbehaltloser Respekt f\u00fcr einen jungen Filmemacher und dessen Drehbuch-Partner (um gleich zu Beginn auf den Punkt zu kommen)? Schlie\u00dflich schufen sie eine ziemlich geschmacklose, k\u00fcnstlerisch anspruchslose Unterhaltung ohne jeden vers\u00f6hnlichen sozialen Wert, ohne tiefgr\u00fcndige Message, ohne jede seri\u00f6se Philosophie \u2013 kurz: ohne all die Tugenden, die das selbstgerechte Hollywood-Establishment anstrebt, um seiner eigenen Bedeutung Ausdruck zu verleihen, wenn es darum geht, den Applaus anzuheizen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ungeachtet der Tatsache, da\u00df Pulp Fiction sechs von den sieben Oscars, f\u00fcr die er nomiert war, nicht gewann, schien bereits seine blo\u00dfe Einbeziehung in das Zeremoniell als eine Art Gegengift zu dem universellen Gute-Laune-Film Forrest Gump zu fungieren. Pulp Fiction schien vor allem denjenigen gute Laune zu bereiten, die einen Sinn f\u00fcr das urige &#8222;Guns, Gals an&#8216; Guts&#8220;*)-Lebensgef\u00fchl der primitiven Grindhouse-Filme und -Hefte hatte. Mit der Kultivierung dieses Lebensgef\u00fchls hatten die beiden Filmemacher ihre stilistische Nische gefunden.<\/p>\n\n\n\n<p>Tarantinos Filme, die \u2013 im Gegensatz zu den Filmen anderer Regisseure mit einer solch steilen Karriere \u2013 bislang ausschlie\u00dflich durch seinen pers\u00f6nlichen Geschmack und seine pers\u00f6nlichen Leidenschaften gepr\u00e4gt waren, sind die sp\u00e4ten Folgen jener Fernseh- und Kinokultur, in der er aufgewachsen ist. Durch seinen Mangel an intellektueller Abgehobenheit ist er in der Lage, jeden seiner Lieblingskrimis oder Kung-Fu-Streifen der 70er Jahre mit demselben Ernst zu betrachten, wie das neueste Werk eines angesehenen Meisterregisseurs. W\u00e4hrend der letzten 30 Jahre hat Quentin Tarantino alles aus dieser Kultur verschlungen und verdaut, denn er kennt die Bedeutung eines kulturellen Kunstwerks, wie z.B. eines Films, die viel mehr auf der inneren organischen Spannung und auf der visuellen Ikonographie beruht als auf dem Versuch, irgendwelche genialen Ergebnisse zu erzielen. Der Erfolg eines Tarantino mag Hollywood als Mahnung gereichen, da\u00df seine Existenz einzig und allein auf der Erschaffung von Unterhaltung und Spannung beruht. Und auf bezeichnende aber keineswegs elegante Weise trug Hollywood dazu bei, die Begabung eines Filmemachers zu f\u00f6rdern, der mit Vorliebe den billigen Thrill und Glamour des Mediums zelebriert, indem er ihm durch einen klugen und kompetenten Kontext zu Ansehen verhilft.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcgt man dem eine allgemeine Schw\u00e4che f\u00fcr die popul\u00e4re Kultur hinzu \u2013 Fernsehen, Comic-Strips, Rock &#8217;n&#8216; Roll, AM-Bubblegum-Musik, Fastfood &#8211; so erh\u00e4lt man ein Talent, das erst in den fr\u00fchen 90ern erbl\u00fchen konnte, als die Post-Boom-Babies und die Pop-Kultur-Kinder erwachsen wurden. Dieses Buch spiegelt die Art und Weise wider, mit der sein Protagonist die Symbole unserer angeblich freien Kultur zelebriert, und erz\u00e4hlt die Geschichte seines ph\u00e4nomenalen Erfolgs in jenem Zeitalter, das er selbst mitdefinierte.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">1. Kapitel<\/h3>\n\n\n\n<p>1963 begannen die Massenmedien der modernen Welt, die USA zu durchdringen. Zeitungen und Fernsehsender bombardierten eine noch in den Windeln steckende Nation mit zahllosen Fotos, Nahaufnahmen und Vergr\u00f6\u00dferungen ihres jungen Pr\u00e4sidenten auf seiner schicksalhaften Fahrt, auf der ein Gro\u00dfteil seines Gehirns weggepustet wurde und ihm damit Unsterblichkeit verlieh. Im folgenden Monat sollten Standbilder von der gesamten texanischen Wagenkolonne, aufgenommen von Amateurfilmer Ab Zapruder, es erm\u00f6glichen, da\u00df in den Wohnzimmern quer \u00fcbers ganze Land fast jede amerikanische Familie an der Ermordung ihres Anf\u00fchrers hautnah teilhaben konnte.<\/p>\n\n\n\n<p>In den Kinos hatte Alfred Hitchcock, der einzige echte Erstligist unter den Regisseuren, der bereits einen Fu\u00df ins Fernseh-Lager gesetzt hatte und sich sp\u00e4ter sogar zum Todfeind des Kinos erkl\u00e4rte, mit den V\u00f6geln einen Schritt gefestigt, den er mit Psycho bereits vom Thriller zur modernen Horror-Gothik gegangen war. Die an seine unwiderstehlich grauenhafte (und manchmal auch grauenhaft lustige) Fernseh-Serie gew\u00f6hnten Zuschauer, &#8222;Alfred Hitchcock pr\u00e4sentiert&#8220; \u2013 es folgten seine 50er-Jahre-Thriller und die 40er-Melodramen -, standen Schlange, um den Thrill unserer gefiederten Freunde zu erleben, die zu blutr\u00fcnstigen Monstern mutiert waren, K\u00f6pfe hysterischer Kinder aufklopften und das Auge eines Farmers verschlangen (alles durch den Einfallsreichtum von Walt Disneys Effekt-Spezialisten auf Zelluloid gebannt).<\/p>\n\n\n\n<p>Selbst in einer kleinen Niemandstadt wie Knoxville, Tennessee, sollten die versoffenen Schnulzens\u00e4nger der Hillbilly-Songs bald von einer Handvoll englischer Kids, die sich selbst The Beatles nannten, durch deren Beatnik-Frisuren und seltsam schrillen Rock &#8217;n&#8216; Roll in arge Verlegenheit gebracht werden. Wie fremdartig ihr Sound auch gewesen sein mag, es sollte nicht lange dauern, bis sich die dortigen High-School-M\u00e4dchen in kreischende Ekstase str\u00fczten, genau so, wie es ihre Kusinen an der Ostk\u00fcste oder in Europa taten, denn dies war eine von den Medien durchgef\u00fchrte Invasion, die ganz gezielt von den Wohnzimmern aus gestartet wurde, n\u00e4mlich durch die Ed Sullivan Show. Es war das goldene Fernseh-Zeitalter \u2013 und von nun an sollte die Pop-Kultur untrennbar mit der Fernseh-Kultur verbunden sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Laufe dieses goldenen Zeitalters der medialen \u00dcbers\u00e4ttigung, genauer gesagt am 27. M\u00e4rz 1963, brachte eine Teenagerin \u2013 kaum \u00e4lter als die Kids, die bald fr die Beatles kreischten \u2013 in Knoxville einen Sohn zur Welt. Connie, die Mutter, war 16 Jahre alt und begriff sehr schnell, da\u00df ihre Heirat mit Tony Tarantino, einem erfolglosen Musiker, ein Fehler gewesen war. Kurz darauf fa\u00dfte sie den Entschlu\u00df, ihren Sohn alleine aufzuziehen. Sp\u00e4ter war der Junge selbst in der Lage dies zu beurteilen: &#8222;<em>Ich habe meinen Vater nie kennengelernt. Meine Mutter heiratete ihn, um von ihrer Familie wegzukommen. Im Prinzip waren sie beide Penner. Sie beendete die Pennerbeziehung zugunsten eines neuen Penners.<\/em>&#8222;<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Soviel zu den nackten Tatsachen. Hier nun die n\u00e4heren Umst\u00e4nde:&nbsp;<\/h3>\n\n\n\n<p>Connie war eine halb-cherokesische Hillbilly mit einem wildem Stammbaum krimineller Schwarzbrenner. Ihren Jungen brachte sie gelegentlich zu dessen halbgebildetetem Opa, der Tabak kaute w\u00e4hrend er auf das Baby und die Distillerie aufpa\u00dfte. Und manchmal, wenn der Alte seinen schwarzgebrannten Schnaps ausliefern mu\u00dfte, setzte er den Kleinen im \u00f6rtlichen Autokino ab, wo dieser sich das Dawn-till-dusk-Programm anschaute.<\/p>\n\n\n\n<p>Da sie keinen geeigneten Namen parat hatte, nannte Connie ihren Jungen nach der Figur Quint, die Burt Reynolds in der TV-Western-Serie Gunsmoke spielte, das hei\u00dft sie gab ihm den Namen Quentin, den sie f\u00fcr die unabgek\u00fcrzte Version hielt. [In Wahrheit ist Quint die Kurzform von Quintus, lateinisch &#8222;der F\u00fcnfte&#8220;].<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt, in die mittleren Jahre gekommen, kann Connie nur noch m\u00fcde \u00fcber die bunten Legenden schmunzeln, die sich um die fr\u00fche Kindheit ihres Sohnes ranken: &#8222;<em>Das meiste von dem, was ich zu lesen bekomme, ist unwahr. Wo haben die blo\u00df alle ihre L&#8217;il Abner-Stories her?<\/em>&#8220; Gefragt nach der Zeit, als die Teenagerin ihr Kind bekam, nach den Schaupl\u00e4tzen im S\u00fcden und nach ihrer Rolle als allein erziehende Mutter, antworten diejenigen, die n\u00e4her mit der cleveren Frau zu tun hatten, da\u00df all dies im gro\u00dfen und ganzen der Wahrheit entspricht. Was weniger dem s\u00fcdlichen Glamour-Klischee entspricht, daf\u00fcr aber ihre Charakterst\u00e4rke bezeugt, ist die Tatsache, da\u00df Connie das College nicht abbrach, sondern drei Jahre nach der Geburt des Kindes ihren Abschlu\u00df machte.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>*) sinngem.: hei\u00dfe Schie\u00dfeisen, hei\u00dfe Br\u00e4ute und hei\u00dfe Stunts<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-small-font-size\">Mehr Text auf Anfrage<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aus dem Englischen von Frank Jankowski \u00fcbertragen \u2013 und mehreren deutschen Verlagen angeboten, die damals mit der Begr\u00fcndung ablehnten, Tarantino <span class=\"more-text\">&hellip;<\/span><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":306,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1,4,15],"tags":[102,99,100],"class_list":["post-297","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-allgemein","category-film-tagebuch","category-uebersetzung","tag-oscar-verleihung","tag-pulp-fiction","tag-tarantino"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/frankjankowski.de\/wp_textblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/297","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/frankjankowski.de\/wp_textblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/frankjankowski.de\/wp_textblog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/frankjankowski.de\/wp_textblog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/frankjankowski.de\/wp_textblog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=297"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/frankjankowski.de\/wp_textblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/297\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1133,"href":"https:\/\/frankjankowski.de\/wp_textblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/297\/revisions\/1133"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/frankjankowski.de\/wp_textblog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/306"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/frankjankowski.de\/wp_textblog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=297"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/frankjankowski.de\/wp_textblog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=297"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/frankjankowski.de\/wp_textblog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=297"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}