{"id":331,"date":"1989-04-15T08:33:43","date_gmt":"1989-04-15T06:33:43","guid":{"rendered":"http:\/\/frankjankowski.de.w01a8fb4.kasserver.com\/wp_textblog\/?p=331"},"modified":"2026-01-26T18:33:35","modified_gmt":"2026-01-26T17:33:35","slug":"die-alte-eine-povest-von-daniil-charms-aus-dem-russischen-uebertragen-von-frank-jankowski","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/frankjankowski.de\/wp_textblog\/die-alte-eine-povest-von-daniil-charms-aus-dem-russischen-uebertragen-von-frank-jankowski\/","title":{"rendered":"\u0421\u0442\u0430\u0440\u0443\u0445\u0430 &#8212; Die Alte. Eine &#8222;Povest&#8220; von Daniil Charms, aus dem Russischen \u00fcbertragen von Frank Jankowski"},"content":{"rendered":"\n<p>Anstelle einer Einf\u00fchrung zitiere ich aus dem Brief eines&nbsp;<a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.illustration.de\/IN\/pdf\/147.pdf\" target=\"_blank\">Freundes<\/a>, der die Illustration oben anfertigte, und den ich nicht zuletzt wegen seiner \u00c4hnlichkeit zu Turgenevs &#8218;Bazarov&#8216; sehr sch\u00e4tze &#8212; oder: Pr\u00e4skriptum, das man unbedingt lesen sollte.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Gestern abend habe ich diese Povest von Daniil Charms gelesen. Ich wei\u00df nicht. Diese Russen scheinen haupts\u00e4chlich darauf bedacht zu sein, m\u00f6glichst viel Hirnverbranntes in ihr \u00f6des, graues Alltagsleben zu mischen, damit es mystisch wird. Irgendwie sind diese ganzen, v\u00f6llig abgedienten Typen genauso blutleer, wie dieses komische Brot, das wir in Moskau geholt haben. Wer nicht den Draht zum echten Abkacken hat, sollte zumindest so einsichtig sein, nicht alle Leute damit zu bel\u00e4stigen. H\u00e4tte Charms einen Aufsatz \u00fcber die zentrale Funktion der Hypophyse im GEO-Spezial ver\u00f6ffentlicht, h\u00e4tte man ihn wenigstens f\u00fcr intelligent halten, vielleicht sogar einige Sprachwendungen f\u00fcr interessant halten k\u00f6nnen, und er h\u00e4tte seinen \u00d6ffentlichkeitsdrang ausgelebt. Ich gehe mal davon aus, da\u00df ich zu dumm bin, das St\u00fcck zu verstehen. Aber wovon handelt es eigentlich? Von einem Schriftsteller, der keiner ist, weil er was kann, das er nicht umsetzen kann, also nichts kann, aber k\u00f6nnte, wenn er nicht so realit\u00e4tsfern w\u00e4re und das wei\u00df, aber nichts erlebt, und das, was er erlebt, in seine reichhaltige Zitatensammlung einordnet, was er kann, was jedoch eigentlich unerheblich ist, weil es letztlich doch aussagelos ist, was er wiederum wei\u00df, und auch, da\u00df es anderen ebenso geht&#8230; Warum schreibt er nicht von der Frau aus dem Brotladen? Ist das zu banal und nicht intellektuell genug? Immerhin ja wohl das einzige, was wirklich passiert &#8211; au\u00dfer, da\u00df er sich mit einem russischen Freak bes\u00e4uft, den er siezt. Was sind das f\u00fcr Probleme. Soll er doch abends Gymnastik machen oder morgens kalt duschen. Dann schl\u00e4ft er besser &#8211; und ohne Bl\u00e4hungen. Der Mann sollte Dostoevski Dostoevski und Gott Gott sein lassen und sich seine Belesenheit f\u00fcr Partygespr\u00e4che aufsparen &#8211; vielleicht h\u00e4tte er seine Brotladenfrau so rumgekriegt. Beide (Dostoevski und Gott) werden ihm nicht helfen, seine fettigen W\u00fcrstchen zu verdauen&#8230;<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Ich selbst bin davon \u00fcberzeugt, da\u00df man die Faszination dieser Geschichte vom (angeblichen) <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Daniil_Charms\">Avangardisten<\/a> Charms nur dann erleben kann, wenn man sich ihr vollkommen losgel\u00f6st von jeglicher philologischer Befangenheit hingibt &#8212; und somit Breton das Wort redet, der den Surrealismus &#8222;ein f\u00fcr Male&#8220; so definierte:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>&#8222;Surrealismus, Subst., m\u00e4nnl. &#8211; reiner psychischer Automatismus, durch den man m\u00fcndlich oder schriftlich oder auf jede andere Weise den wirklichen Ablauf des Denkens auszudr\u00fccken sucht. Denk-Diktat ohne jede Kontrolle durch die Vernunft, jenseits jeder \u00e4sthetischen oder ethischen \u00dcberlegung.&#8220;<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-small-font-size\">&#8212; Stand: 1989 &#8212;<br>Verantwortlich f\u00fcr s\u00e4mtliche \u00dcbersetzungen, Anmerkungen und Zitate: Frank Jankowski. Die Transliteration folgt den damals korrekten wissenschaftlichen Usancen von 1989.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-css-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\"><em>&#8230;und zwischen ihnen entspann sich folgendes Gespr\u00e4ch<\/em><br>Hamsun<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Hof steht eine alte Frau und h\u00e4lt eine Wanduhr in ihren Armen. Ich gehe an der Alten vorbei, halte an und frage &#8222;Wie sp\u00e4t ist es?&#8220;<br>&#8222;Schauen Sie hin&#8220;, sagt die Alte. Ich schaue hin und sehe, da\u00df die Uhr keine Zeiger hat.<br>&#8222;Es sind keine Zeiger dran&#8220;, sage ich.<br>Die Alte schaut auf das Zifferblatt und sagt: &#8222;Es ist jetzt Viertel nach zwei.&#8220;<br>&#8222;Ach so, vielen Dank&#8220;, sage ich und gehe weg. Die Alte ruft mir irgend etwas hinterher, aber ich gehe weiter ohne mich umzudrehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe raus auf die Stra\u00dfe; gehe auf der sonnenbeschienenen Seite. Die Fr\u00fchlingssonne ist sehr angenehm. Ich schlendere ein wenig, kneife die Augen zusammen und rauche eine Pfeife. An der Ecke Sadovijstra\u00dfe begegnet mir ganz zuf\u00e4llig Sakerdon Michajlovitsch. Wir begr\u00fc\u00dfen uns, bleiben stehen und unterhalten uns eine Weile. Es wird mir l\u00e4stig, auf der Stra\u00dfe zu stehen und ich schlage Sakerdon Michajlovitsch vor, in eine Kellerkneipe zu gehen.<br>Wir trinken Wodka und essen zur besseren Bek\u00f6mmlichkeit ein hartgekochtes Ei mit Sprotte dazu, dann verabschieden wir uns, und ich gehe allein weiter. Da f\u00e4llt mir pl\u00f6tzlich ein, da\u00df ich vergessen habe, den Elektroherd abzustellen. Das \u00e4rgert mich sehr. Ich gehe nach Hause.<br>Der Tag hat so gut begonnen, und hier schon das erste Mi\u00dfgeschick. Ich h\u00e4tte nicht rausgehen sollen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich komme nach Hause, lege die Joppe ab, ziehe die Uhr aus der Westentasche und h\u00e4nge sie an einen kleinen Nagel; danach schlie\u00dfe ich die T\u00fcr ab und lege mich auf die Schlafcouch. Ich werde ein bi\u00dfchen liegenbleiben, und versuchen einzuschlafen. Von der Stra\u00dfe h\u00f6rt man das widerw\u00e4rtige Krakelen kleiner Jungs. Ich liege da und denke mir eine Hinrichtungsmethode f\u00fcr sie aus. Am besten w\u00fcrde mir gefallen, ihnen einen Starrkrampf anzuhexen, damit sie auf der Stelle aufh\u00f6ren sich zu bewegen. Einer nach dem anderen werden sie dann von ihren Eltern nach Hause geschleppt. Sie liegen in ihren Betten und sind nicht einmal im Stande zu essen, weil sie ihre M\u00fcnder nicht aufkriegen. Sie werden k\u00fcnstlich ern\u00e4hrt. Nach einer Woche vergeht der Starrkrampf, aber die Kinder sind so schwach, da\u00df sie noch einen vollen Monat das Bett h\u00fcten m\u00fcssen. Und wenn sie dann ganz allm\u00e4hlich genesen sind, dann h\u00e4nge ich ihnen einen zweiten Starrkrampf an, und alle m\u00fcssen krepiere.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich liege mit geschlossenen Augen auf der Schlafcouch und kann nicht einschlafen. Ich erinnere mich an die Alte mit der Uhr, die ich heute Morgen im Hof gesehen habe, und es verschafft mir ein angenehmes Gef\u00fchl, da\u00df ihre Uhr keine Zeiger hatte. Wenn man bedenkt, da\u00df ich neulich in der Pfandleihe ganz scheu\u00dfliche K\u00fcchenuhren gesehen hatte, deren Zeiger als Messer und Gabel gemacht waren! Mein Gott! Jetzt habe ich den Elektroherd immer noch nicht abgestellt. Ich springe auf und schalte ihn aus, dann lege ich mich wieder auf die Schlafcouch und bem\u00fche mich einzuschlafen. Ich schlie\u00dfe die Augen. Ich bin gar nicht m\u00fcde.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Fr\u00fchlingssonne scheint durchs Fenster direkt auf mich. Mir wird warm. Ich stehe auf und setze mich in den Sessel am Fenster. Jetzt bin ich zwar m\u00fcde, will aber nicht mehr schlafen. Ich nehme mir Papier und F\u00fcllfederhalter um zu schreiben. Ich sp\u00fcre eine eigenartige Kraft in mir. Ich habe gestern schon alles gr\u00fcndlich durchdacht. Es wird eine Erz\u00e4hlung \u00fcber einen Wundert\u00e4ter, der in der heutigen Zeit lebt, jedoch keine Wunder vollbringt. Er wei\u00df, da\u00df er ein Wunder\u00e4ter ist und kann jedes beliebige Wunder vollbringen, aber er tut es nicht. Er wird aus seiner Wohnung geschmissen, und er wei\u00df, da\u00df es ihn ledigich ein Achselzucken kosten w\u00fcrde und er die Wohnung behalten k\u00f6nnte, aber tut es nicht, er zieht gehorsam aus, und lebt vor der Stadt in einer Scheune. Er k\u00f6nnte diese Scheune in ein herrliches Ziegelsteinhaus verwandeln, aber er tut es nicht, er lebt weiter in der Scheune und stirbt letzten Endes, ohne im Laufe seines Lebens auch nur ein einziges Wunder vollbracht zu haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich sitze da und reibe mir vor lauter Freude die H\u00e4nde. Sakerdon Michajlovitsch wird vor Neid erblassen. Er denkt, da\u00df ich nicht mehr f\u00e4hig bin, geniale Sachen zu schreiben. Schnell, schnell an die Arbeit! Nieder mit jeglichem Schlaf und jeglicher Faulheit. Ich werde achtzehn Stunden in eins durchschreiben. Mein K\u00f6rper vibriert f\u00f6rmlich vor lauter Ungeduld. Ich kann mich nicht entscheiden, was ich machen soll. Ich m\u00fc\u00dfte mir F\u00fcllfederhalter und Papier vornehmen, und ich ergriff auch allerlei Gegenst\u00e4nde allerdings ganz und gar nicht die, die ich ben\u00f6tigte. Ich lief in der Stube hin und her: Vom Fenster zum Stuhl, vom Stuhl zum Ofen, vom Ofen wieder zum Stuhl, dann wieder zum Divan und wieder zum Fenster. Ich erstickte beinahe an dem Feuer das in meiner Brust loderte. Jetzt ist es erst f\u00fcnf Uhr. Der Tag liegt noch vor mir, und au\u00dferdem der ganze Abend und die ganze Nacht&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Ich stehe in der Mitte der Stube. Wo habe Ich denn nur meine Gedanken? Es ist ja schon zwanzig nach f\u00fcnf. Ich mu\u00df schreiben. Ich r\u00fccke den Stuhl ans Fenster und setze mich darauf. Vor mir das karierte Papier, in meiner Hand der F\u00fcllfederhalter.<br>Mein Herz schl\u00e4gt noch zu heftig und meine Hand zittert. Ich warte, um mich ein bi\u00dfchen m beruhigen. Ich lege den F\u00fcllfederhalter hin und stopfe die Pfeife. Die Sonne scheint mir direkt in die Augen. Ich kneife die Augen zusammen, und stecke mir die Pfeife an.<br>Da fliegt ein Rabe am Fenster vorbei. Ich schaue aus dem Fenster und sehe, wie ein Mann mit einer Beinprothese den B\u00fcrgersteig entlanggeht. Sein Bein und sein Stock verursachen laute Klopfger\u00e4usche. &#8222;Schau an!&#8220;, sage ich zu mir selbst und schaue weiter aus dem Fenster. Der Schatten eines Schornsteins f\u00e4llt vom Dach, und legt sich quer \u00fcber die Stra\u00dfe bis auf mein Gesicht. Ich mu\u00df den Schatten ausnutzen und ein paar Worte \u00fcber den Wundert\u00e4ter schreiben. Ich nehme den F\u00fcllfederhalter und schreibe: &#8222;Der Wundert\u00e4ter war von hohem Wuchs.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Ansonsten schreibe ich nichts ich kann nicht. Ich bleibe solange sitzen, bis sich der Hunger meldet. Alsdann stehe ich auf, gehe zu dem Schr\u00e4nkchen wo ich die Vorr\u00e4te aufbewahre und st\u00f6bere darin herum , kann jedoch nichts finden. Eine Zuckerdose, sonst nichts.<\/p>\n\n\n\n<p>Es klopft jemand an die T\u00fcr. &#8222;Wer ist da?&#8220;. Niemand antwortet mir. Ich mache die T\u00fcr auf und erkenne vor mir die alte Frau, die morgens mit der Uhr auf dem Hof gestanden hat. &#8222;So, da bin ich!&#8220;, sagt die Alte und tritt ein. Ich stehe an der T\u00fcr und wei\u00df nicht was ich machen soll: Die Alte rauswerfen, oder genau das Gegenteil, ihr einen Sitzplatz anbieten? Aber die Alte geht einfach zu meinem Sessel vor dem Fenster und setzt sich hinein. &#8222;Mach die T\u00fcr zu und schlie\u00df ab!&#8220;, sagt die Alte zu mir. Ich mache sie zu und schlie\u00dfe ab. &#8222;Knie nieder!&#8220;, sagt die Alte. Und ich kniee mich hin. Aber da wird mir die ganze Unsinnigkeit meiner Handlung bewu\u00dft. Wozu knie ich vor einer x-beliebigen alten Frau nieder? Ja, und wieso befindet sich diese Alte \u00fcberhaupt in meiner Wohnung und sitzt in meinem Lieblingssessel. Warum werfe ich die Alte nicht einfach raus? &#8222;H\u00f6ren Sie doch mal&#8220;, sage ich, &#8222;mit welchem Recht verf\u00fcgen Sie hier \u00fcber meine Stube und kommandieren mich auch noch herum? Ich will \u00fcberhaupt nicht niederknien.&#8220;<br>&#8222;Und mu\u00dft es auch gar nicht&#8220;, sagt die Alte, &#8222;Jetzt wirst Du Dich n\u00e4mlich auf den Bauch legen mit dem Gesicht fest auf den Fu\u00dfboden!&#8220; Ich f\u00fchrte den Befehl sogleich aus. Vor meinen Augen erscheinen wahrhaftig gezeichnete Quadrate. Schmerzen in der Schulter und in der rechten H\u00fcfte hindern mich daran, die Stellung zu ver\u00e4ndern. Ich lag mit dem Gesicht nach unten, und komme nun mit gr\u00f6\u00dfter Anstrengung wieder hoch auf die Kniee. Meine s\u00e4mtlichen Glieder waren eingeschlafen und arg verkr\u00fcmmt. Ich schaue herum und sehe mich selbst in meiner Stube knien mitten auf dem Fu\u00dfboden. Langsam erlange ich das Bewu\u00dftsein und das Ged\u00e4chtnis wieder. Ich blicke noch einmal in der Stube umher und sehe, da\u00df im Sessel am Fenster scheinbar jemand sitzt. In der Stube ist es einigerma\u00dfen hell, denn es m\u00fc\u00dfte gerade die Zeit der wei\u00dfen N\u00e4chte sein. Ich schaue mich aufmerksam um. Mein Gott! Ist es m\u00f6glich, da\u00df die Alte noch in meinem Sessel sitzt? Ja, nat\u00fcrlich, da sitzt die Alte, der Kopf ist ihr auf die Brust gesunken. M\u00f6glicherweise ist sie eingeschlafen. Ich richte mich auf und gehe leicht hinkend zu ihr. Der Kopf der Alten ist auf die Brust gesunken und ihre Arme h\u00e4ngen schlaff \u00fcber der Sessellehne. Am liebsten w\u00fcrde ich die Alte packen und hinauswerfen. &#8222;H\u00f6ren Sie!&#8220;, sage ich, &#8222;Sie befinden sich in meiner Wohnung. Ich habe zu arbeiten. Ich bitte Sie jetzt zu gehen.&#8220; Die Alte bewegt sich nicht. Ich beuge mich hinunter und schaue der Alten ins Gesicht. Aus ihrem halbge\u00f6ffneten Mund ragt ein abgesprungenes k\u00fcnstliches Gebi\u00df hervor. Und pl\u00f6tzlich wird mir alles klar: Die Alte ist gestorben. Ein seltsames Gef\u00fchl von \u00c4rger erfa\u00dft mich. Wozu ist sie in meiner Wohnung gestorben? Ich kann Tote nicht leiden. Jetzt mu\u00df ich mich auch noch mit diesem Kadaver abm\u00fchen geh, sprich mit dem Hausmeister und mit dem Hausverwalter, erkl\u00e4r ihnen warum sich die Alte pl\u00f6tzlich bei Dir befand. Ich blicke die Alte ha\u00dferf\u00fcllt an. Aber vielleicht ist sie ja gar nicht gestorben? Ich bef\u00fchle ihre Stirn. Die Stirn ist kalt. Ihre Hand ebenfalls. Was soll ich denn nun machen? Ich stecke mir eine Pfeife an und setze mich auf die Schlafcouch. Eine wahnsinnige Wut steigt in mir hoch. &#8222;Da hast Du&#8217;s Du Schlampe!&#8220;, sage ich laut. Die tote Alte sitzt wie ein Sack in meinem Sessel. Ihre Z\u00e4hne ragen aus dem Mund. Sie hat \u00c4hnlichkeit mit einem toten Pferd. &#8222;Widerlicher Anblick!&#8216;, sage ich und doch kann ich sie unm\u00f6glich mit einer Zeitung bedecken, weil&#8230;wer wei\u00df, was dann unter der Zeitung vor sich geht.<\/p>\n\n\n\n<p>Hinter der Wand h\u00f6re ich Ger\u00e4usche. Es ist mein Nachbar, der aufsteht ein Lokomotivf\u00fchrer. Das h\u00e4tte mir gerade noch gefehlt, da\u00df der Wind davon bekommt, da\u00df in meiner Stube eine tote alte Frau sitzt. Ich lausche den Schritten meines Nachbarn. Worauf wartet er denn? Es ist bereits halb sechs. Er m\u00fc\u00dfte doch l\u00e4ngst weg sein. Mein Gott er will Tee trinken. Ich h\u00f6re, wie er hinter der d\u00fcnnen Wand mit dem Petroleumkocher klappert. Ach w\u00fcrde doch dieser verfluchte Lokf\u00fchrer nur endlich abhauen. Ich hieve meine Beine auf die Couch und liege da. Es vergehen acht Minuten, aber der Tee meines Nachbar ist immer noch nicht fertig, und der Petroleumkocher klappert nach wie vor. Ich schlie\u00dfe die Augen und schlummere ein.<br>Ich tr\u00e4ume, da\u00df mein Nachbar weggeht, ich mit ihm zusammen hinausgehe und meine T\u00fcr mit dem franz\u00f6sischen Schlo\u00df zuschlage. Ich habe keinen Schl\u00fcssel, kann nicht mehr zur\u00fcck in die Wohnung. Ich m\u00fc\u00dfte klingeln und damit die anderen Mitbewohner aufwecken aber das ist nun wirklich ausgeschossen. Ich stehe auf dem Teppenabsatz, \u00fcberlege was ich tun soll, und pl\u00f6tzlich merke ich, da\u00df ich keine H\u00e4nde habe. Ich neige nach vorne, um besser sehen zu k\u00f6nnen, ob ich noch Arme habe und stelle fest, da\u00df aus der einen Seite meines Rumpfes anstelle von einem Arm ein Tischbein herausragt, und aus der anderen eine Gabel. &#8222;Hier&#8220;, sage ich zu Sakerdon Michajlowitsch, der unerkl\u00e4rlicherweise pl\u00f6tzlich auf einem Klappstuhl sitzt. &#8222;Hier, sehen Sie&#8220;, sage ich zu ihm, &#8222;was f\u00fcr Arme ich habe! Aber Sakerdon Michajlowitsch sitzt schweigend da, und ich sehe, da\u00df es gar nicht der echte Sakerdon Michajlowitsch ist, sondern einer aus Ton.<br>Ich schrecke auf und mir ist sofort klar, da\u00df ich in meiner Stube auf der Couch liege, und die tote Alte im Sessel am Fenster sitzt.<br>Ich drehe mich schnell zu ihr hin. Die Alte sitzt nicht mehr im Sessel. Ich betrachte den leeren Sessel und eine wilde Freude erf\u00fcllt mich. Das bedeutet, da\u00df alles ein Traum war, Aber wo hat er denn begonnen? Ob die Alte gestern in meine Wohnung gekommen ist? M\u00f6glicherweise war ja auch das nur ein Traum. Ich bin gestern zur\u00fcck gegangen, weil ich vergessen hatte, den Elektroherd abzuschalten. Aber vielleicht war ja auch das ein Traum. Wie dem auch sei; gut da\u00df in meiner Stube keine tote alte Frau sitzt. Und das bedeutet ja auch, da\u00df ich nicht zum Hausverwalter gehen, und mich nicht mit der Toten abplagen mu\u00df. Aber wie lange habe ich denn blo\u00df geschlafen? Ich schaute auf die Uhr: Halb neun wahrscheinlich morgens. Meine G\u00fcte, was man sich nicht alles zusammentr\u00e4umt. Ich lie\u00df meine Beine von der Schlafcouch gleiten und schickte mich an aufzustehen, als ich pl\u00f6tzlich die tote Alte erblickte, wie sie auf dem Boden unter dem Tisch beim Sessel lag. Sie lag auf dem R\u00fccken, und das k\u00fcnstliche Gebi\u00df, das ihr aus dem Mund gefallen war, stakte der Alten mit einem Zahn im Nasenloch. Ihre Arme waren irgendwie unter den Rumpf geraten, so da\u00df man sie nicht sehen konnte, und unter dem umgest\u00fclpten Rock lugten knochige Seine in schmutzigwei\u00dfen Wollstr\u00fcmpfen hervor. &#8222;Schlampe!&#8220;, schrie ich, rannte zu der Alten und versetzte ihr mit dem Stiefel einen Tritt unters Kinn. Das k\u00fcnstliche Gebi\u00df flog im hohen Bogen in eine Ecke. Ich wollte der Alten noch einen Hieb versetzen, bef\u00fcrchtete jedoch, da\u00df an ihrem K\u00f6rper Merkmale zur\u00fcckbleiben k\u00f6nnten, die andere dann auch noch zu dem Schlu\u00df veranlassen k\u00f6nnten, ich h\u00e4tte sie ermordet.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich lie\u00df von der Alten ab, setzte mich auf die Couch und steckte mir eine Pfeife an. So vergingen zwanzig Minuten. Dann kam ich langsam zu der \u00dcberzeugung, da\u00df es mir einerlei sein konnte, ob man die ganze Angelegenheit einer Untersuchungskommission \u00fcbergab und ob mich der Hampelmann, der die Ermittlungen f\u00fchren w\u00fcrde, eines Mordes bezichtigte oder nicht. Dennoch war die Situation ziemlich prek\u00e4r und dann auch noch der Tritt mit dem Stiefel. Abermals ging ich zu der Alten, beugte mich zu ihr runter und machte mich daran ihr Gesicht zu untersuchen. An ihrem Kinn war ein kleiner dunkler Fleck. Nein, daran war nichts zu r\u00fctteln. Aber wer wei\u00df, die Alte k\u00f6nnte sich ja auch an irgend etwas gesto\u00dfen haben als sie noch lebte. Ich beruhigte mich ein wenig. Eine Pfeife rauchend und meine Lage \u00fcberdenkend, fing ich an, in der Stube umherzuwandern. Ich wandere so lange in der Stube umher, bis sich der Hunger meldet, der immer unertr\u00e4glicher wird. Vor lauter Hunger fange ich sogar an zu zittern. Und noch einmal durchst\u00f6bere ich das Schr\u00e4nkchen, wo ich meine Vorr\u00e4te aufbewahre, finde jedoch nichts au\u00dfer der Zuckerdose. Ich hole meine Brieftasche hervor und z\u00e4hle das Geld. Elf Rubel. Das bedeutet, da\u00df ich mir Schinkenw\u00fcrste und Brot kaufen kann und dann noch ein bi\u00dfchen f\u00fcr Tabak \u00fcbrigbleibt. Ich zupfe die in der Nacht verknautschte Krawatte wieder zurecht, nehme die Taschenuhr, ziehe die Joppe \u00fcber, gehe hinaus in den Korridor, schlie\u00dfe sorgf\u00e4ltig meine Stubent\u00fcr ab, lege den Schl\u00fcssel in meine B\u00f6rse und gehe hinaus auf die Stra\u00dfe. Vor allem mu\u00df ich jetzt unbedingt etwas essen, dann werden die Gedanken klarer; und hinterher werde ich mich dann mit der Leiche befassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Weg zum Laden beschleicht mich die Idee, einen kurzen Abstecher zu Sakerdon Michajlovitsch zu machen und ihm alles zu erz\u00e4hlen, vielleicht w\u00fcrden gemeinsam schneller eine L\u00f6sung finden. Aber ich verbanne diesen Gedanken sofort wieder aus meinem Kopf, weil man gewisse Angelegenheiten eben allein regeln mu\u00df &#8211; ohne Zeugen. In dem Laden gab es keine Schinkenw\u00fcrste, und so kaufte ich mir ein halbes Kilo Sardelken. Tabak hatten sie auch nicht. Vom Laden ging ich direkt in eine B\u00e4ckerei. In der B\u00e4ckerei waren eine Menge Leute, und an der Kasse stand eine lange Schlange. Ich blickte unwillk\u00fcrlich finster drein, mu\u00dfte mich aber trotzdem hinten anstellen. Die Schlange kam nur sehr langsam voran, und dann ging es schlie\u00dflich \u00fcberhaupt nicht mehr weiter, weil an der Kasse irgendein Krawall entstanden war. Ich tat, als bemerke ich nichts von all dem und betrachtete den R\u00fccken einer jungen Frau, die vor mir in der Schlange stand. Das Fr\u00e4ulein war offenbar sehr neugierig: Sie reckte den Hals bald nach rechts, bald nach links und stand st\u00e4ndig auf den Zehenspitzen um besser sehen zu k\u00f6nnen, was an der Kasse vor sich ging. Schlie\u00dflich drehte sie sich nach mir um und fragte &#8222;Wissen Sie zuf\u00e4llig, was da los ist?&#8220; &#8211; &#8222;Sie werden verzeihen, nein.&#8220;, sagte ich so trocken wie m\u00f6glich. Das Fr\u00e4ulein reckte sich eine Weile nach verschiedenen Seiten und wandte sich dann wieder mir zu: &#8222;K\u00f6nnten Sie nicht mal hingehen um herauszufinden, was dort vor sich geht?&#8220; &#8211; &#8222;Verzeihen Sie, das interessiert mich im Geringsten&#8220;, sagte ich noch trockener. &#8222;Wie, das interessiert Sie nicht?&#8220;, rief das Fr\u00e4ulein aus, &#8222;Aber Sie werden doch selbst aufgehalten!&#8220;. Ich erwiderte nichts, verneigte mich nur leicht. Das Fr\u00e4ulein musterte mich aufmerksam. &#8222;Es ist nat\u00fcrlich keine M\u00e4nnersache, sich an Schlangen anzustellen, um Brot einzukaufen&#8220;, sagte sie. &#8222;Sie tun mir leid, m\u00fcssen hier anstehen. Sie sind bestimmt Junggeselle, nicht wahr?&#8220; &#8211; &#8222;Ja, ich bin Junggeselle&#8220;, antwortete ich, ohne den eigentlich gew\u00fcnschten Ton zu erwischen; aber der Tr\u00e4gheit wegen fuhr ich fort, ziemlich trocken zu antworten und mich dabei leicht zu verneigen. Das Fr\u00e4ulein betrachtete mich noch einmal von Kopf bis Fu\u00df, tippte mir dann unvermittelt mit dem Finger an meinen Arm und sagte. &#8222;Lassen Sie mich einkaufen, was Sie brauchen, und warten Sie drau\u00dfen auf mich.&#8220; Ich war v\u00f6llig verdutzt. &#8222;ich danke Ihnen&#8220;, sagte ich, &#8222;das ist sehr liebensw\u00fcrdig von Ihnen, aber ich k\u00f6nnte das wirklich auch selber tun.&#8220; &#8211; &#8222;Nein, nein&#8220;, sagte das Fr\u00e4ulein, &#8222;gehen Sie nur raus &#8211; was wollten Sie denn einkaufen?&#8220; &#8211; &#8222;Also&#8230;&#8220;, sagte ich, &#8222;ich wollte ein halbes Kilo Schwarzbrot kaufen, aber dieses etwas billigere Kastenbrot. Ich mag das lieber.&#8220; &#8211; &#8222;Na sch\u00f6n!&#8220;, sagte das Fr\u00e4ulein, &#8222;Und nun gehen Sie, ich werde jetzt einkaufen und hinterher rechnen wir ab.&#8220; Und dann dr\u00e4ngelte sie mich sogar leicht beiseite, indem sie unter meinen Ellenbogen fa\u00dfte. Ich verlie\u00df die B\u00e4ckerei und stellte mich vor die T\u00fcr. Die Fr\u00fchlingssonne scheint mir direkt ins Gesicht. Ich stecke mir eine Pfeife an. Was f\u00fcr ein liebensw\u00fcrdiges Fr\u00e4ulein! So etwas ist heutzutage wirklich selten. Ich stehe da, blinzele in die Sonne, rauche Pfeife und denke an das liebensw\u00fcrdige Fr\u00e4ulein. Sie hat so heitere braune \u00c4uglein. Einfach reizend, ihre Zuvorkommenheit! &#8222;Sie rauchen Pfeife?!&#8220;, h\u00f6rte ich eine Stimme neben mir sagen. Es ist das liebensw\u00fcrdige Fr\u00e4ulein, das mir das Brot hinh\u00e4lt. &#8222;Oh, ganz herzlichen Dank!&#8220;, sage ich, w\u00e4hrend ich das Brot nehme. &#8222;Und Sie rauchen also Pfeife. Das gef\u00e4llt mir wirklich schrecklich gut!&#8220;, sagt das liebensw\u00fcrdige Fr\u00e4ulein. Und zwischen uns entspann sich folgendes Gespr\u00e4ch:<\/p>\n\n\n\n<p><br>Sie: &#8222;So so, Sie m\u00fcssen Ihr Brot also selber einkaufen!&#8220;<br>Ich: &#8222;Nicht nur das Brot; ich kaufe alles selber ein.&#8220;<br>Sie: &#8222;Und wo essen Sie Mittag?&#8220;<br>Ich: &#8222;Normalerweise koche ich mir mein Mittagessen selbst; aber manchmal esse ich auch in einem Bierkeller.&#8220;<br>Sie: &#8222;Trinken Sie gerne Bier?&#8220;<br>Ich: &#8222;Nein, eigentlich trinke ich lieber Wodka.&#8220;<br>Sie: &#8222;ich trinke auch sehr gerne Wodka.&#8220;<br>Ich: &#8222;Sie trinken gerne Wodka?! Na das ist ja toll! Ich w\u00fcrde irgendwann gerne mal einen mit Ihnen heben.&#8220;<br>Sie: &#8222;Aber ja, auch ich w\u00fcrde gerne mal einen Wodka mit Ihnen heben.&#8220;<br>Ich: &#8222;Entschuldigen Sie, darf ich Sie mal etwas fragen?&#8220;<br>Sie: &#8222;(stark err\u00f6tend) &#8222;Nat\u00fcrlich, fragen Sie nur!&#8220;<br>Ich: &#8222;Nun gut, ich frage. Glauben Sie an Gott?&#8220;<br>Sie: (erstaunt) &#8222;Ob ich an Gott glaube? Ja, nat\u00fcrlich.&#8220;<br>Ich: &#8222;Und was w\u00fcrden Sie sagen, wenn ich Ihnen vorschlagen w\u00fcrde, Wodka zu kaufen und zu mir zu gehen? Ich wohne hier ganz in der N\u00e4he.&#8220;<br>Sie: (herausfordernd) &#8222;Na warum denn nicht? Von mir aus gerne!&#8220;<br>Ich: &#8222;Nun, dann lassen Sie uns gehen!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Wir gehen noch einmal in den Laden und ich kaufe einen halben Liter Wodka. Wir reden die ganze Zeit \u00fcber alles m\u00f6gliche, und pl\u00f6tzlich f\u00e4llt mir ein, da\u00df bei mir in der Stube auf dem Boden die tote Alte liegt. Ich betrachte meine neue Bekannte: Sie steht am Regal und sondiert Gl\u00e4ser mit Eingekochtem. Ich bahne mir vorsichtig einen Weg zur T\u00fcr und verschwinde aus dem Laden. Gegen\u00fcber hat soeben eine Stra\u00dfenbahn angehalten. Ich springe auf die Stra\u00dfenbahn auf, ohne auch nur auf ihre Nummer geachtet zu haben. In der Michajlovskijstra\u00dfe steige ich aus und gehe zu Sakerdon Michailovitsch. In meinen H\u00e4nden halte ich eine Wodkaflasche, Sardelken und ein Brot.<\/p>\n\n\n\n<p>Sakerdon Michajlovitsch machte selbst auf. Er trug einen Morgenrock, den er sich \u00fcber den nackten Oberk\u00f6rper gezogen hatte, ein paar russische Stiefel mit abgetrennten Sch\u00e4chten, und eine Fellm\u00fctze mit Ohrenklappen aber die Ohrenklappen waren nach oben geschlagen und mit einer Schleife zusammengebunden. &#8222;Sehr erfreut, Sie zu sehen!&#8220;,sagte Sakerdon Michajlovitsch als er mich sah. &#8222;St\u00f6re ich Sie bei der Arbeit?&#8220;, fragte ich. &#8222;Nein, ganz und gar nicht&#8220;, sagte Sakerdon Michajlovitsch, &#8222;ich habe gerade nichts zu tun, sa\u00df einfach nur auf dem Fu\u00dfboden.&#8220; &#8222;Hier, sehen Sie&#8220;, sagte ich zu Sakerdon Michajlovitsch, &#8222;ich habe Wodka und einen kleinen Happen zur besseren Bek\u00f6mmlichkeit mitgebracht. Wenn Sie nichts dagegen haben, lassen Sie uns einen heben.&#8220; &#8222;Sehr gut&#8220;, sagte Sakerdon Michajlovitsch, &#8222;kommen Sie doch rein.&#8220; Wir gingen in seine Stube. Ich \u00f6ffnete die Wodkaflasche und Sakerdon Michajlovitsch stellte zwei Schnapsgl\u00e4ser und einen Teller mit gekochtem Fleisch auf den Tisch. &#8222;Hier, ich habe Sardelken&#8220;, sagte ich. &#8222;Was meinen Sie, sollen wir sie so essen wie sie sind, oder wollen wir sie kochen?&#8220; &#8222;Ich werde sie kochen&#8220;, sagte Sakerdon Michajlovitsch, &#8222;und bis sie gar sind essen wir das Fleisch und trinken einen Wodka dazu. \u00dcbrigens ein vortreffliches Fleisch, in klarer Br\u00fche gegart!&#8220; Sakerdon Michajlovitsch stellte einen Topf auf den Petroleumkocher und dann tranken wir einen Wodka.<br>&#8222;Wodka zu trinken ist gesund&#8220;, bemerkte Sakerdon Michajlovitsch w\u00e4hrend er sein Schnapsglas nachf\u00fcllte, &#8222;Metschnikov schrieb, da\u00df Wodka ges\u00fcnder sei als Brot, denn Brot ist eigentlich nichts anderes als eine Art Stroh, das schwer im Magen liegt.&#8220; &#8222;Auf Ihr Wohl!&#8220;, sagte ich und stie\u00df mit Sakerdon Michajlovitsch an. Wir leerten die Gl\u00e4ser und a\u00dfen das Fleisch. &#8222;Lecker!&#8220;, sagte Sakerdon Michajlovitsch. Doch im selben Augenblick ert\u00f6nte in der Stube ein durchdringender Knall. &#8222;Was war das?&#8220;, fragte ich. Wir sa\u00dfen schweigend da und lauschten. Pl\u00f6tzlich knallte es abermals. Sakerdon Michajlovitsch sprang vom Stuhl auf, rannte zum Fenster und ri\u00df die Gardine herunter. Was machen Sie denn?&#8220;, rief ich. Aber Sakerdon Michajlovitsch st\u00fcrzte ohne zu antworten zum Petroleumkocher, packte den abgedeckten Topf und stellte ihn auf den Boden. &#8222;Zum Teufel auch!&#8220;, sagte Sakerdon Michajlovitsch. &#8222;Ich habe vergessen, Wasser in den Topf zu geben. Der Topf ist aus Emaille, und nun ist die Emaille aufgeplatzt.&#8220; &#8222;Ach so, verstehe!&#8220;, sagte ich kopfnickend. Wir setzten uns wieder an den Tisch. &#8222;Zum Teufel mit den Sardelken&#8220;, sagte Sakerdon Michajlovitsch, &#8222;dann essen wir sie jetzt eben doch so.&#8220; &#8222;Ich mu\u00df jetzt aber wirklich unbedingt was essen!&#8220;, sagte ich. &#8222;Essen Sie nur&#8220;, sagte Sakerdon Michajlovitsch und schob mir den Teller mit den Sardelken n\u00e4her ran. &#8222;ich habe n\u00e4mlich gestern zum letzten Mal etwas gegessen, mit Ihnen zusammen in der Kellerkneipe, und seitdem bin ich nicht mehr dazu gekommen.&#8220;, sagte ich. &#8222;Aber-aber!&#8220;, sagte Sakerdon Michajlovitsch. &#8222;ich habe die ganze Zeit \u00fcber geschrieben&#8220;, sagte ich. &#8222;Teufel auch!&#8220;, rief Sakerdon Michajlovitsch \u00fcbertrieben laut aus, &#8222;Was f\u00fcr eine Ehre, einem Genie gegen\u00fcber zu sitzen!&#8220; &#8222;Und ob!&#8220;, sagte ich. &#8222;Da haben Sie sicher viel vorgelegt wie?&#8220;, fragte Sakerdon Michajlovitsch. &#8222;Ja,&#8220;, sagte ich, &#8222;ich habe so lange geschrieben, bis das Papier alle war. &#8222;Auf das Genie unserer Zeit!&#8220; , sagte Sakordon Michajlovitsch das Schnapsglas erhebend. Wir leerten die Gl\u00e4ser. Sakerdon Michajlovitsch a\u00df gekochtes Fleisch und ich die Sardelken. Nachdem ich vier von ihnen verdr\u00fcckt hatte, steckte ich mir die Pfeife an und sagte: &#8222;Wissen Sie, ich habe Sie n\u00e4mlich besucht, um einer Verfolgung zu entkommen.&#8220; &#8222;Wer hat Sie denn verfolgt?&#8220;, fragte Sakerdon Michajlovitsch. &#8222;Eine Frau.&#8220;, sagte ich. Und da Sakerdon Michajlovitsch daraufhin nicht nachhakte, sondern sich nur schweigend einen Wodka einschenkte, fuhr ich fort: &#8222;Ich habe sie in einer B\u00e4ckerei kennengelernt und mich sofort verknallt.&#8220; &#8222;H\u00fcbsch?&#8220;, fragte Sakerdon Michajlovitsch. &#8222;Ja&#8220;, sagte ich, &#8222;ganz mein Typ.&#8220; Wir leerten die Gl\u00e4ser und ich fuhr fort: &#8222;Sie war einverstanden mit zu mir zu kommen und Wodka zu trinken. Wir gingen in einen Laden; aber ich mu\u00dfte mich auf einmal ausrei\u00dfen.&#8220; &#8222;Hat das Geld nicht gereicht?&#8220;, fragte Sakerdon Michajlovitsch. &#8222;Nein, das Geld hat zwar nur sehr knapp gereicht,&#8220;, sagte ich, &#8222;aber mir fiel ein, da\u00df ich sie gar nicht in meine Stube lassen konnte.&#8220; &#8222;Was denn; war in Ihrer Stube eine andere Frau?&#8220;, fragte Sakerdon Michajlovitsch. &#8222;Ja. Wenn Sie so wollen, war in meiner Stube eine andere Frau.&#8220;, sagte ich grinsend. &#8222;Momentan kann ich \u00fcberhaupt niemanden mehr in meine Stube lassen.&#8220; &#8222;Heiraten Sie sie; Sie k\u00f6nnen mich dann zum Essen einladen.&#8220;, sagte Sakerdon Michajlovitsch. &#8222;Nein,&#8220;, rief ich prustend vor Lachen, &#8222;diese Frau werde ich bestimmt nicht heiraten!&#8220; &#8222;Na dann heiraten Sie doch die aus der B\u00e4ckerei.&#8220;, sagte Sakerdon Michajlovitsch. &#8222;Ja aber mit wem wollen Sie mich denn noch alles verheiraten&#8216;?&#8220;, sagte ich. &#8222;Aber wieso denn?&#8220;, sagte Sakerdon Michajlovitsch, w\u00e4hrend er sein Gl\u00e4schen f\u00fcllte. &#8222;Auf Ihre Erfolge!&#8220; Wir leerten unsere Gl\u00e4ser. Offensichtlich begann der Wodka langsam auf uns zu wirken. Sakerdon Michajlovitsch nahm seine Fellm\u00fctze ab und schleuderte sie aufs Bett. Ich stand auf und ging ein bi\u00dfchen im Zimmer auf und ab, wobei sich ein leichtes Schwindelgef\u00fchl bemerkbar machte. &#8222;Wie stehen Sie eigentlich zu Toten?&#8220;, fragte ich Sakerdon Michajlovitsch. &#8222;Absolut negativ&#8220;, sagte Sakerdon Michajlovitsch, &#8222;ich habe Angst vor ihnen.&#8220; &#8222;Ja, ich kann Tote auch nicht ertragen&#8220;, sagte ich. &#8222;Sollte mir mal ein Toter begegnen, und kein Verwandter von mir sein, w\u00fcrde ich ihm sehr wahrscheinlich einen ordentlichen Fu\u00dftritt verabreichen.&#8220; &#8222;Es ist unn\u00f6tig Leichen mit F\u00fc\u00dfen zu treten&#8220;, sagte Sakerdon Michajlovitsch. &#8222;Trotzdem: Ich w\u00fcrde ihm glatt mit dem Stiefel in die Schnauze treten.&#8220;, sagte ich; &#8222;Ich kann Tote und Kinder nicht ertragen.&#8220; &#8222;Ja, Kinder ein niedertr\u00e4chtiges Pack.&#8220;, pflichtete Sakerdon Michajlovitsch mir bei. &#8222;Was ist denn Ihrer Meinung nach schlimmer: Tote oder Kinder?&#8220;, fragte ich. &#8222;Kinder sind wohl schlimmer, die bel\u00e4stigen einen h\u00e4ufiger. Aber nichtsdestotrotz dringen Tote nicht einfach in unser Leben ein.&#8220;, sagte Sakerdon Michajlovitsch. &#8222;Haben Sie eine Ahnung!&#8220;, rief ich aus, verstummte jedoch sogleich wieder. Sakordon Michajlovitsch betrachtete mich aufmerksam. &#8222;M\u00f6chten Sie noch einen Wodka?&#8220;, fragte er. &#8222;Nein!&#8220;, sagte ich, und f\u00fcgte, nachdem ich mich besonnen hatte, hinzu: &#8222;Nein danke, ich m\u00f6chte keinen mehr.&#8220; Ich trat an den Tisch heran und setzte mich.<br>Wir schweigen eine Weile. &#8222;Ich m\u00f6chte Sie etwas fragen.&#8220;, sage ich. &#8222;Glauben Sie an Gott?&#8220;<br>Auf Sakerdon Michajlovitschs Stirn erscheinen Querfurchen und er sagt:<br>&#8222;Es gibt eine ganze Reihe von anst\u00f6\u00dfigen Verhaltensweisen. So w\u00e4re es zum Beispiel anst\u00f6\u00dfig, einen Mann, der bei Ihnen f\u00fcnfzig Rubel Schulden hat, zu fragen falls Sie es sehen -, wieso er sich eben erst zweihundert Rubel in die Geldb\u00f6rse stecken konnte. Es ist seine Angelegenheit, ob er Ihnen das Geld sofort gibt, oder ob er es Ihnen noch verweigert; und die bequemste und angenehmste Art solch einer Verweigerung besteht darin, zu l\u00fcgen, da\u00df er das Geld nicht hat. Sie haben nat\u00fcrlich gesehen, da\u00df der Mann das Geld hat und genau dadurch rauben Sie ihm die M\u00f6glichkeit, Ihnen das Geld einfach und auf bequeme Weise zu verweigern. Sie lassen ihm in der Tat keine Wahl; und das ist eine Gemeinheit &#8211; eine anst\u00f6\u00dfige und taktlose Verhaltensweise. Und einem Mann die Frage zu stellen &#8222;Glauben Sie an Gott?&#8220;, ist ebenfalls eine anst\u00f6\u00dfige und taktlose Verhaltensweise.&#8220;<br>&#8222;Nun ja&#8220;, sagte ich, &#8222;aber das alles hat doch nichts miteinander zu tun.&#8220; &#8222;Ich vergleiche es ja auch gar nicht.&#8220;, sagte Sakerdon Michajlovitsch.<br>&#8222;Na sch\u00f6n,&#8220;, sagte ich, &#8222;lassen wir das. Verzeihen Sie mir nur, da\u00df ich Ihnen eine anst\u00f6\u00dfige und taktlose Frage gestellt habe.&#8220; &#8222;Aber nat\u00fcrlich,&#8220; sagte Sakerdon Michajiovitsch, &#8222;ich habe Ihnen ja nun einfach die Antwort verweigert.&#8220;<br>&#8222;Ich h\u00e4tte auch nicht geantwortet&#8220;, sagte ich, &#8222;allerdings aus einem anderen Grund.&#8220; &#8222;Aus weichem denn?&#8220;, fragte Sakerdon Michajlovitsch tr\u00e4ge. &#8222;Sehen Sie&#8220; sagte ich, &#8222;meiner Meinung nach gibt es gar keine Menschen, die glauben oder nicht glauben. Es gibt lediglich solche, die glauben, und solche, die nicht glauben wollen.&#8220; &#8222;Soll das hei\u00dfen, da\u00df diejenigen, die nicht glauben wollen, ohnehin schon an etwas glauben,&#8220; sagte Sakerdon Michajlovitsch, &#8222;und diejenigen, die glauben wollen schon von vornherein an nichts glauben?&#8220; &#8222;Vielleicht auch so&#8220;, sagte ich, &#8222;ich bin mir nicht ganz schl\u00fcssig.&#8220; &#8222;Aber an was denn glauben, beziehungsweise nicht glauben?&#8230; An Gott?&#8220;, fragte Sakerdon Michajlovitsch. &#8222;Nein!&#8220;, sagte ich, &#8222;An die Unsterblichkeit.&#8220; &#8222;Warum haben Sie mich denn dann gefragt, ob ich an Gott glaube?&#8220; &#8222;Na ja, einfach weil es irgendwie bl\u00f6d klingen w\u00fcrde, zu fragen -&#8218;Glauben Sie an die Unsterblichkeit?&#8220;&#8218;, sagte ich zu Sakerdon Michajlovitsch und stand auf. &#8222;Was denn, wollen Sie etwa gehen?&#8220;, fragte mich Sakerdon Michajlovitsch. &#8222;Ja es wird langsam Zeit.&#8220; &#8222;Und was ist mit dem Wodka?&#8220;, sagte Sakerdon Michajlovitsch, &#8222;Schauen Sie, es ist gerade noch ein Schluck f\u00fcr jeden drin.&#8220; &#8222;Na dann lassen Sie uns den noch trinken.&#8220;, sagte ich.<br>Wir tranken den Wodka aus und a\u00dfen das restliche gekochte Fleisch dazu. &#8222;Jetzt mu\u00df ich aber los. , sagte ich. &#8222;Auf Wiedersehen!&#8216;, sagte Sakerdon Michailovitsch w\u00e4hrend er mich durch die K\u00fcche zur T\u00fcr begleitete, &#8218;Und Danke f\u00fcr die Bewirtung!&#8220;. &#8222;Ich habe zu danken&#8220;, sagte ich. &#8222;Auf Wiedersehen!&#8220;<br>Ich machte mich auf den Weg.<br>Als Sakerdon Michajlovltsch alleine war, r\u00e4umte er den Tisch ab, warf die leere Wodkaflasche in den M\u00fclleimer, setzte sich wieder die Fellm\u00fctze mit den Ohrenklappen auf und hockte sich unter dem Fenster auf den Boden. Sakerdon Michajlovitsch nahm die H\u00e4nde hinter den R\u00fccken, so da\u00df sie nicht zu sehen waren, und unter dem umgest\u00fclpten Morgenrock lugten seine nackten knochigen Beine hervor, die in russischen Stiefeln mit abgetrennten Sch\u00e4chten steckten. Mit meinen Gedanken beladen ging ich \u00fcber den Newskij&#8220;. Ich mu\u00df jetzt unbedingt zum Hausverwalter und ihm alles erz\u00e4hlen. Und wenn ich das mit der Alten \u00fcber die B\u00fchne gebracht habe, werde ich mich solange vor die B\u00e4ckerei stellen, bis dieses liebensw\u00fcrdige Fr\u00e4ulein wiederkommt &#8211; notfalls den ganzen Tag. Immerhin schulde ich ihr ja noch achtundvierzig Kopeken f\u00fcr das Brot, da habe ich auch gleich einen wunderbaren Vorwand, um sie ausfindig zu machen. Falls wir dann ein paar Gl\u00e4schen Wodka heben, wird sich alles weitere von selbst ergeben; und es schien, als m\u00fc\u00dften sich \u00fcberhaupt alle Dinge sehr einfach und befriedigend f\u00fcgen.<\/p>\n\n\n\n<p>An der Fontanka ging ich r\u00fcber zu einem der Verkaufsst\u00e4nde und trank f\u00fcr das restliche Kleingeld einen gro\u00dfen Krug Kwass. Der Kwass war schlecht und viel zu sauer, und so mu\u00dfte ich mit einem gr\u00e4\u00dflichen Geschmack im Mund weitergehen. An der Ecke Litejnijstra\u00dfe wurde ich von einem Betrunkenen angerempelt, der schon nicht mehr geradeaus gehen konnte. Er hatte Gl\u00fcck, da\u00df ich keinen Revolver besitze, sonst h\u00e4tte ich ihn auf der Stelle abgeknallt. Bis zum Haus des Verwalters mu\u00df ich dann mit einem vor Wut entstellten Gesicht herum gelaufen sein, jedenfalls nehme ich das stark an, da sich fast alle Passanten nach mir umdrehten. Ich betrat das Kontor. Auf einem Stuhl sa\u00df eine etwas kleingeratene, schmuddelige, stupsn\u00e4sige, krummr\u00fcckige wei\u00dfblonde Jungfer, die einen kleinen Handspiegel vors Gesicht hielt und sich Pomade auf die Lippen schmierte.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Wo ist denn bitte der Hausverwalter?&#8220;, fragte ich. Die Jungfer schwieg und beschmierte sich weiterhin ihre Lippen. &#8222;Wo ist der Hausverwalter&#8216;?&#8220;, wiederholte ich mit erhobener Stimme. &#8222;Morgen, heute nicht.&#8220;, antwortete die schmuddelige, stupsn\u00e4sige, krumrnr\u00fcckige, wei\u00dfblonde Jungfer. Ich ging hinaus. Auf der gegen\u00fcberliegenden Seite ging ein Invalide mit einer Beinprothese und verursachte ein lautes Klopfger\u00e4usch mit seinem Bein und dem Stock. Sechs Jungen tobten hinter dem Invaliden her und \u00e4fften dessen Gangart nach. Ich bog in den Haupteingang meines Hauses ein und ging ein paar Treppen hoch, bis ich in der zweiten Etage stehenblieb, weil mich ein geradezu ekelhafter Gedanke beschlichen hatte: Die Alte m\u00fc\u00dfte doch l\u00e4ngst angefangen haben zu verwesen. Ich habe das Fenster nicht zugemacht, und es hei\u00dft doch, da\u00df Tote bei ge\u00f6ffnetem Fenster noch schneller verwesen. So was Bl\u00f6des aber auch! Und dieser verdammte Hausverwalter ist auch erst morgen wieder da! Einige Minuten verweilte ich unentschlossen auf dem Treppenabsatz, dann ging ich weiter hoch. Kurz vor meiner Wohnungst\u00fcr z\u00f6gerte ich nochmals. Sollte ich vielleicht doch zur B\u00e4ckerei gehen und dort erst einmal auf das liebensw\u00fcrdige Fr\u00e4ulein warten? Ich k\u00f6nnte versuchen sie zu beschw\u00f6ren, da\u00df sie mich zwei oder drei N\u00e4chte bei sich aufnehmen mu\u00df. Aber da f\u00e4llt mir ein, da\u00df sie heute ja schon Brot eingekauft hat, und das bedeutet, da\u00df sie nicht mehr in die B\u00e4ckerei gehen wird Na ja, und au\u00dferdem wird wahrscheinlich sowieso nichts draus. Ich schlo\u00df die Wohnungst\u00fcr auf und betrat den Flur. Am Ende des Flurs brannte Licht, und Marja Vasiljevna, die irgendeinen Lappen in den H\u00e4nden hielt, scheuerte damit auf einem Tuch herum. Als sie mich sah rief sie: &#8222;Da hat so ein alter Mann nas Ihnen gefragt!&#8220;&#8220; &#8218;Was denn f\u00fcr ein alter Mann?&#8220;, fragte ich. &#8222;Wei\u00df is nist.&#8220;, antwortete Marja Vasiljevna. &#8222;Wann war denn das?&#8220;, fragte ich. &#8222;Das wei\u00df is auch nist&#8220;, sagte Marja Vasiljevna. &#8222;Wer hat darin mit dem alten Mann gesprochen?&#8220;, fragte ich Marja Vasiljewna. &#8222;ls!&#8220;, antwortete Marja Vasiljevna. &#8222;Und dann wissen Sie nicht, wann das war?&#8220;, sagte ich. &#8222;Ungef\u00e4hr vor swei Stunden.&#8220;, sagte Marja Vasiljevna. &#8218;Und wie sah dieser alte Mann aus?&#8220;, fragte ich. &#8222;Das wei\u00df is auch nist.&#8220;, sagte Marja Vasiljevna und ging in die K\u00fcche.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich ging zu meiner Stube. &#8218;Und jetzt&#8220; dachte ich &#8222;ist die Alte mir nichts, dir nichts verschwunden. Ich werde meine Stube betreten und die Alte wird weg sein ganz bestimmt. Mein Gott; das w\u00e4re ja zu sch\u00f6n um wahr zu sein!&#8220; Ich schlo\u00df die T\u00fcr auf und begann sie langsam zu \u00f6ffnen. Vielleicht bildete ich es mit auch blo\u00df ein, aber da stieg ein s\u00fc\u00dflicher Geruch von beginnender Verwesung in meine Nase. Ich linste durch den T\u00fcrspalt und erstarrte im selben Augenblick:<\/p>\n\n\n\n<p>Auf meinem Stubenfu\u00dfboden kauerte die Alte und kam ganz langsam auf mich zu gekrochen. Mit einem Aufschrei des Entsetzens knallte ich die T\u00fcr zu, drehte den Schl\u00fcssel um und machte einen Satz zur\u00fcck an die gegen\u00fcberliegende Wand. Marja Vasiljevna erschien im Flur. &#8222;Haben Sie mich gerufen?&#8220;, fragte sie. Ich zitterte wie Espenlaub, und da ich nicht imstande wer irgend etwas zu sagen, sch\u00fcttelte ich nur den Kopf. Marja Vasiljevna kam etwas n\u00e4her. &#8218;Aber Sie haben doch mit jemandem geredet&#8220;, sagte sie. Wieder sch\u00fcttelte ich nur den Kopf. &#8222;Verr\u00fcckter Mens!&#8220;, murmelte Marja Vasiljevna und ging wieder in die K\u00fcche, aber nicht, ohne sich auf dem Weg dorthin noch einige Male nach mir umzusehen. &#8222;Das ist doch nicht m\u00f6glich! Das ist doch einfach nicht m\u00f6glich!&#8220; wiederholte ich innerlich. Eine Phrase, die sich irgendwo in mir drin ganz von selbst formulierte; und ich pr\u00e4gte sie mir solange ein, bis sie sich in mein Bewu\u00dftsein gepflanzt hatte. &#8222;Aber ja, das ist \u00fcberhaupt nicht m\u00f6glich!&#8220;, sagte ich mir, stand indes weiterhin da wie gel\u00e4hmt. Hier ist irgend etwas F\u00fcrchterliches geschehen&#8230; . Aber irgend etwas zu unternehmen hie\u00dfe wom\u00f6glich, noch Schrecklicheres heraufzubeschw\u00f6ren. Ein Wirbel von Gedanken erfa\u00dfte mich, und ich sah blo\u00df noch die b\u00f6sen Augen der toten Alten, die langsam auf mich zu gekrochen kam. Hineinst\u00fcrmen und der Alten den Sch\u00e4del zertr\u00fcmmern. Das ist die einzige M\u00f6glichkeit! Ich schaute mich suchend um und hatte Gl\u00fcck: In einer Ecke des Flurs entdeckte ich einen Krockettschl\u00e4ger, der wieso auch immer bereits seit Jahren dort gestanden haben mu\u00dfte. Den Schl\u00e4ger greifen, reinst\u00fcrmen und drauf! Das Zittern hatte noch nicht nachgelassen. Vor innerer K\u00e4lte stand ich mit eingezogenen Schultern da und r\u00fchrte mich nicht. Meine Gedanken galoppierten los, verhedderten sich, kehrten wieder zum Ausgangspunkt zur\u00fcck und galoppierten erneut los um andere Sph\u00e4ren zu erschlie\u00dfen-, und ich versuchte die ganze Zeit sehr konzentriert ihnen zu folgen. Und es war, als ob sie zwar auf meiner Seite waren, jedoch keine Befehle von mir entgegennehmen wollten.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Die Toten&#8220;, kl\u00e4rten mich meine eigenen Gedanken auf, &#8222;sind ein nichtsnutziges Volk. Sie die RUHENDEN zu nennen war \u00e4u\u00dferst unbedacht, denn sie sind viel eher UNRUHESTIFTER. Man mu\u00df auf sie achtgeben und darf sie keine Minute aus den Augen lassen. Fragen Sie jeden beliebigen W\u00e4chter der Totenkammer. Was glauben Sie, warum die dort hin berufen wurden? Nur aus einem einzigen Grunde: Um darauf zu achten, da\u00df sie nicht auseinander kriechen. Denn solche spa\u00dfigen Zwischenf\u00e4lle ereignen sich h\u00e4ufiger als man denkt. Ein Toter bis zu diesem Zeitpunkt noch als W\u00e4chter angestellt wusch sich einmal auf Befehl der Obrigkeit im Baderaum, kroch aus der Totenkammer raus, dann in die Desinfektionskammer hinein, und verschlang dort einen ganzen W\u00e4schehaufen. Die Desinfektoren haben den Toten zwar geh\u00f6rig durchgewalkt, was jedoch die unbrauchbar gewordene W\u00e4sche anbelangte, so mu\u00dften sie den gesamten Schaden aus eigener Tasche bezahlen. Ein anderer Toter ist mal in einen Krei\u00dfsaal gekrochen und hat die werdenden M\u00fctter derart erschreckt, da\u00df eine von ihnen sofort eine Fehlgeburt erlitt, der Tote aber st\u00fcrzte sich auf die noch warme Leibesfrucht und machte sich sogleich daran, sie laut schmatzend hinunter zu w\u00fcrgen. Und als daraufhin eine beherzte Krankenschwester dem Toten einen Schemel auf dem R\u00fccken zerschmetterte, bi\u00df er dieser Krankenschwester ins Bein, und sie starb kurz darauf an den Folgen einer Leichengiftinfektion. Wie gesagt, die Toten sind ein nichtsnutziges Volk, und man sollte sich vor ihnen in Acht nehmen!&#8220; &#8222;Aufh\u00f6ren!&#8220;, sagte ich zu meinen eigenen Gedanken, &#8222;Ihr redet dummes Zeug. Tote k\u00f6nnen sich nicht bewegen!&#8220; &#8222;Na sch\u00f6n&#8220;, sagten meine eigenen Gedanken, &#8222;dann geh doch in Deine Stube, wo sich die wie Du sagst -&#8218;unbewegliche&#8216; Tote befindet.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein ganz und gar unerwarteter Eigensinn bem\u00e4chtigte sich meiner. &#8222;Und ich werde doch gehen!&#8220;, sagte ich zu meinen eigenen Gedanken mit aller Entschlossenheit. &#8222;Versuchs doch!&#8220;, sagten meine eigenen Gedanken sp\u00f6ttisch. Dieser Spott brachte mich nun endg\u00fcltig in Rage. Ich packte den Krockettschl\u00e4ger und st\u00fcrzte zur T\u00fcr. &#8222;Warte!&#8220;, br\u00fcllten meine eigenen Gedanken, aber ich hatte bereits meinen Schl\u00fcssel hervorgeholt, die T\u00fcr aufgeschlossen und weit aufgesto\u00dfen. Die Alte lag dicht hinter der T\u00fcrschwelle und hatte ihr Gesicht im Teppich vergraben. Mit erhobenem Krockettschl\u00e4ger stand ich da zu allem bereit. Die Alte r\u00fchrte sich nicht. Der Sch\u00fcttelfrost lie\u00df nach und auch meine Gedanken str\u00f6mten wieder klar und deutlich durchs Gehirn. Ich konnte ihnen wieder Befehle erteilen. &#8222;Zuallererst die T\u00fcr schlie\u00dfen!&#8220;, befahl ich mir selbst. Ich zog den Schl\u00fcssel von der Au\u00dfenseite der T\u00fcr ab und steckte ihn von innen wieder ins Schlo\u00df. Das tat ich mit der linken Hand, w\u00e4hrend ich mit der rechten den Krockettschl\u00e4ger festhielt und die Alte dabei keine Sekunde aus den Augen lie\u00df. Ich drehte den Schl\u00fcssel herum, und nachdem ich vorsichtig \u00fcber die Alte gestiegen war, ging ich rasch in die Mitte der Stube. &#8222;So, jetzt rechnen wir beide ab.&#8220;, sagte ich. Ich hatte einen Plan ausgeheckt, mit dem gew\u00f6hnlich die Morde in Kriminalromanen und entsprechenden Zeitungsartikeln begangen wurden. Und zwar wollte ich die Alte einfach in einen Koffer sperren, sie aus der Stadt bringen und in einem Sumpf versenken. Eine geeignete Stelle wu\u00dfte ich schon. Mein Koffer lag unter der Couch.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich zog ihn darunter hervor und klappte ihn auf. Es waren alle m\u00f6glichen Sachen darin: Ein paar B\u00fccher, ein alter Filzhut und zerl\u00f6cherte W\u00e4sche. All das legte ich auf die Schlafcouch. In diesem Moment schlug die Au\u00dfent\u00fcr ins Schlo\u00df und es kam mir vor, als w\u00e4re die Alte aufgesprungen. Ich fuhr augenblicklich hoch und griff nach dem Krockettschl\u00e4ger. Die Alte liegt ruhig da. Ich bleibe stehen und lausche. Es ist der Lokf\u00fchrer, der zur\u00fcckgekommen ist. Ich h\u00f6re wie er in seine Stube geht. Da, jetzt geht er \u00dcber den Flur in die K\u00fcche. Marja Vasiljevna wird ihm doch nicht von meinem absonderlichen Verhalten erz\u00e4hlen das w\u00e4re gar nicht gut! So ein Teufelskram. Ich mu\u00df ebenfalls in die K\u00fcche gehen, um sie durch mein Erscheinen ein bi\u00dfchen zu bes\u00e4nftigen. Noch einmal kletterte ich \u00fcber die Alte, stellte den Schl\u00e4ger unmittelbar neben die T\u00fcr, weil ich nicht wollte, da\u00df ich, nachdem ich wieder zur\u00fcckgekommen war, beim Betreten meiner Stube noch den Schl\u00e4ger bei mir hatte, und ging raus auf den Flur. Aus der K\u00fcche drangen Stimmen zu mir vor, aber ich konnte nicht verstehen was geredet wurde. Ich dr\u00fcckte die T\u00fcr meines Zimmers ger\u00e4uschlos zu und ging dann vorsichtig zur K\u00fcche: Ich mu\u00dfte unbedingt herausfinden, wor\u00fcber Marja Vasiljevna mit dem Lokf\u00fchreren sprach. Den gr\u00f6\u00dften Teil des Flurs durchquerte ich sehr schnell, aber kurz vor der K\u00fcche verlangsamte ich meinen Schritt. Offensichtlich redete der Lokf\u00fchrer. Er erz\u00e4hlte \u00fcber irgend etwas, das ihm bei der Arbeit passiert war. Ich ging rein. Der Lokf\u00fchrer stand mit einem Handtuch in den H\u00e4nden da und redete, und Marja Vasiljevna sa\u00df auf einem Hocker und h\u00f6rte zu. Als der Lokf\u00fchrer mich sah hielt er inne. &#8222;Seien Sie gegr\u00fc\u00dft, Matvej Filipovitsch!&#8220;, sagte ich und ging weiter ins Badezimmer. W\u00e4hrenddessen schwiegen die beiden. Marja Vasiljevna hatte sich wohl an meine Seltsamkeit gew\u00f6hnt, und daher den letzten Vorfall wahrscheinlich l\u00e4ngst vergessen.<\/p>\n\n\n\n<p>Pl\u00f6tzlich beschlich mich eine Ahnung: Ich hatte die T\u00fcr nicht abgeschlossen. Was, wenn die Alte jetzt auf einmal aus meiner Stube heraus gekrochen k\u00e4me? Ich wollte zur\u00fcckst\u00fcrzen, besann mich jedoch im selben Augenblick eines Besseren, und um meine Mitbewohner nicht zu erschrecken durchquerte ich mit ganz ruhigen Schritten die K\u00fcche. Marja Vasiljevna trommelte mit den Fingern auf dem K\u00fcchentisch herum und sagte zu dem Lokf\u00fchreren: &#8222;Ausgezeisnet! Das ist wirklis gesickt; is h\u00e4tte das siserlis auch stibitzt!&#8220; Mit stockendem Herzen ging ich raus auf den Flur. Und kaum da\u00df ich die K\u00fcchent\u00fcr geschlossen, spurtete ich auch schon zu meiner Stube. Von au\u00dfen war alles ruhig. Ich trat n\u00e4her an die T\u00fcr und machte sie ganz behutsam ein kleines St\u00fcckchen auf. Die Alte lag nach wie vor regungslos auf dem Fu\u00dfboden das Gesicht im Teppich vergraben. Der Krockettschl\u00e4ger stand wie gehabt an seinem Platz neben der T\u00fcr. Ich nahm ihn, ging in die Stube und schlo\u00df mich ein. Wahrhaftig, es roch unverkennbar nach Leiche in der Stube. ich stieg \u00fcber die Alte, ging zum Fenster und setzte mich in den Sessel. Wenn mir davon nur nicht \u00fcbel w\u00fcrde, solange ich so ermattet war. Aber es war bereits ein unertr\u00e4glicher Gestank. Ich steckte mir eine Pfeife an. Ich f\u00fchlte mich schwach und mein Magen tat weh. Aber was sitze ich hier eigentlich herum? Ich mu\u00df handeln und zwar schnell, bevor die Alte endg\u00fcltig verfault ist. Auf alle F\u00e4lle mu\u00df ich sie aber ganz vorsichtig in den Koffer packen, sonst versucht sie nachher auch noch, meinen Finger abzubei\u00dfen. Und dann an einer Leichengiftinfektion sterben? Danke ergebenste &#8222;Aber ja doch nat\u00fcrlich!&#8220;, rief ich aus, &#8222;Jetzt w\u00fcrde es mich aber doch interessieren, womit Sie mich denn eigentlich bei\u00dfen wollen? Wo haben Sie denn Ihre Bei\u00dferchen?!&#8220; Ich lehnte mich im Sessel nach vorne und suchte die Fu\u00dfleiste entlang der Fensterseite ab, wo meiner Berechnung zufolge das k\u00fcnstliche Gebi\u00df der Alten liegen mu\u00dfte. Aber das Gebi\u00df war nicht da. Ich dachte nach: Sollte die tote Alte wom\u00f6glich bei mir in der Stube herum gekrochen sein und ihre Z\u00e4hne gesucht haben? Und wom\u00f6glich hatte sie sie sogar gefunden und sich wieder in den Mund gesetzt? Ich nahm den Krockettschl\u00e4ger und suchte damit nochmals die Kante ab. Nein, das Gebi\u00df war verschwunden. Daraufhin holte ich ein dickes Laken aus der Kommode und ging zu der Alten. Den Krockettschl\u00e4ger hielt ich f\u00fcr alle F\u00e4lle fest in der rechten Hand und in der linken das Laken. Der Anblick der toten Alten rief in mir eine seltsame Mischung aus Ekel und Angstgef\u00fchl hervor. Mit dem Schl\u00e4ger hob ich ihren Kopf ein wenig an: Der Mund stand offen, die Augen kullerten nach oben, und \u00fcber der gesamten Kinnpartie, wo ich sie mit dem Stiefel hingetreten hatte, war ein gro\u00dfer dunkler Fleck aufgegangen. Ich schaute der Alten in den Mund. Nein, sie hatte ihr Gebi\u00df nicht gefunden. Ich zog den Schl\u00e4ger unter ihrem Kopf weg. Der Kopf fiel runter und schlug auf dem Fu\u00dfboden auf.<br>Als n\u00e4chstes breitete ich das Bettlaken auf dem Boden aus und zog es ganz dicht an die Alte heran. Dann kippte ich die Alte mit meiner Hand und dem Krockettschl\u00e4ger \u00fcber ihre linke Seite auf den R\u00fccken. Nun lag sie auf dem Laken. Die Beine der Alten waren in den Kniegelenken angewinkelt und ihre F\u00e4uste dr\u00fcckten gegen die Schultern. Die Alte sah aus wie eine auf dem R\u00fccken liegende Katze in Verteidigungsstellung, die versucht, den Angriff eines Adlers abzuwehren. Nur schnell weg mit diesem Kadaver. Ich wickelte die Alte in das dicke Laken ein und stellte sie auf die F\u00fc\u00dfe. Sie war leichter als ich vermutet hatte. Ich lie\u00df sie in den Koffer sinken und versuchte den Deckel zu schlie\u00dfen. Hier hatte ich die eigentliche Schwierigkeit erwartet, aber der Deckel lie\u00df sich verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig einfach zuklappen. Ich lie\u00df die Kofferschl\u00f6sser einrasten und richtete mich auf.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Koffer steht vor mir und erweckt einen derart harmlosen Eindruck, da\u00df man glauben m\u00f6chte es l\u00e4gen W\u00e4sche und B\u00fccher darin. Ich fa\u00dfte ihn am Henkel und probierte ihn anzuheben. Und wahrhaftig, es funktionierte schwer selbstverst\u00e4ndlich, aber nicht \u00fcberm\u00e4\u00dfig, und ich w\u00fcrde ihn ohne Probleme bis zur Stra\u00dfenbahn tragen k\u00f6nnen. Ich guckte auf die Uhr. Zwanzig nach f\u00fcnf. Sehr gut. Ich setzte mich in den Sessel um ein bi\u00dfchen zu verschnaufen und rauchte die Pfeife zuende. Offenbar waren die Sardelken, die ich heute gegessen hatte nicht gerade besonders gut gewesen, denn meine Magenschmerzen wurden immer schlimmer. Vielleicht aber auch deshalb, weil ich sie roh gegessen hatte? M\u00f6glicherweise auch eine reine Nervensache. Ich sitze da und rauche. Und so vergeht eine Minute nach der anderen. Die Fr\u00fchlingssonne scheint durchs Fenster und ich blinzele in ihre Strahlen. Da, jetzt versteckt sie sich hinter dem Schornstein des gegen\u00fcberliegendes Hauses-, und der Schatten des Schornsteins f\u00e4llt vom Dach und legt sich \u00fcber die Stra\u00dfe bis auf mein Gesicht. Ich erinnere mich, wie ich gestern um dieselbe Zeit hier sa\u00df und ein Povest geschrieben habe. Da ist es ja: Das karierte Papier, auf dem es mit meiner feinen Handschrift niedergeschrieben ist. &#8222;Der Wundert\u00e4ter war von hohem Wuchs.&#8220; Ich schaute aus dem Fenster. Drau\u00dfen ging ein Invalide mit einer Beinprothese und verursachte ein lautes Klopfger\u00e4usch mit seinem Bein und dem Stock. Zwei Arbeiter und eine alte Frau, deren H\u00fcfte die beiden umklammerten, brachen in gr\u00f6hlendes Gel\u00e4chter aus, als sie den komischen Gang des Invaliden bemerkten.<br>Ich erhob mich. Es wird Zeit! H\u00f6chste Zeit mich auf den Weg zu machen! H\u00f6chste Zeit die Alte im Sumpf zu versenken!<br>Ich mu\u00df mir noch Geld von dem Lokf\u00fchrer leihen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich betrat den Flur und ging zu seiner T\u00fcr. &#8222;Matvej Filipovitsch, sind Sie zu Hause?&#8220;, fragte ich. &#8222;Ja, ich bin da.&#8220;, antwortete der Lokf\u00fchrer. &#8222;Dann entschuldigen Sie bitte, Matvej Filipovitsch, aber haben Sie zuf\u00e4llig ein bi\u00dfchen Geld im Haus? Ich kriege \u00fcbermorgen meinen Lohn, und ich wollte Sie fragen, ob Sie mir nicht eventuell drei\u00dfig Rubel borgen k\u00f6nnten!?&#8220; &#8222;Kann ich machen.&#8220;, sagte der Lokf\u00fchrer; und ich h\u00f6rte wie er mit seinen Schl\u00fcsseln rasselte und irgendeine Kiste aufsperrte. Dann \u00f6ffnete er die T\u00fcr und reichte mir einen nagelneuen Drei\u00dfigrubelschein. &#8222;Vielen Dank Matvej Filipovitsch!&#8220; sagte ich. &#8222;Keine Ursache!&#8220;, sagte der Lokf\u00fchrer.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich steckte das Geld in meine B\u00f6rse und ging zur\u00fcck in mein Zimmer. Der Koffer stand noch ganz friedlich an seinem Platz. &#8222;So nun aber los, und zwar auf direktestem Wege!&#8220;, sagte ich zu mir selbst. Ich nahm den Koffer und verlie\u00df die Stube. Marja Vasiljevna sah mich mit dem Koffer und rief: &#8222;Wohin fahren Sie?&#8220; &#8222;Zu meiner Tante&#8220;, sagte ich. &#8222;Bleiben Sie lange weg?&#8220;, fragte Marja Vasiljevna. &#8222;Nein, ich mu\u00df meiner Tante lediglich die ganze W\u00e4sche hier bringen, und werde wahrscheinlich noch heute wieder zur\u00fcckfahren.&#8220; Ich ging raus. Auf dem Weg zur Stra\u00dfenbahn trug ich den Koffer mal auf der rechten und mal auf der linken Seite, und kam wohlbehalten dort an. Ich stieg auf die vordere Plattform des Stra\u00dfenbahnanh\u00e4ngers auf und winkte der Schaffnerin zu sie m\u00f6ge herkommen und mir einen Gep\u00e4ckfahrschein ausstellen. Ich wollte meinen einzigen Drei\u00dfigrubelschein nicht durch den ganzen Wagen reichen, und konnte mich auch nicht so recht entschlie\u00dfen den Koffer stehen zu lassen um selbst zur Schaffnerin zu gehen. Die Schaffnerin kam zu mir nach vorne auf die Plattform und erkl\u00e4rte mir, da\u00df sie kein Wechselgeld rausgeben k\u00f6nne. Somit mu\u00dfte ich an der ersten Haltestelle wieder aussteigen. Ich wurde b\u00f6se und wartete auf die n\u00e4chste Stra\u00dfenbahn. Ich hatte Magenschmerzen und meine Beine zitterten leicht. Und dann erblickte ich pl\u00f6tzlich mein liebensw\u00fcrdiges Fr\u00e4ulein: Sie ging soeben \u00fcber die Stra\u00dfe, schaute jedoch nicht in meine Richtung.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich schnappte mir den Koffer und st\u00fcrzte hinter ihr her. Ich wu\u00dfte ja nicht wie sie hei\u00dft und konnte sie deshalb nicht bei ihrem Namen rufen. Der Koffer stellte eine f\u00fcrchterliche Behinderung dar. Ich umfasste ihn mit beiden Armen und haute ihn mir auf diese Weise beim Laufen st\u00e4ndig auf die Kniee und gegen den Bauch. Das liebensw\u00fcrdige Fr\u00e4ulein ging ganz sch\u00f6n schnell, und ich sp\u00fcrte, da\u00df es mir nicht gelingen w\u00fcrde sie einzuholen. Ich war in Schwei\u00df gebadet und setzte meine letzten Kr\u00e4fte ein. Das liebensw\u00fcrdige Fr\u00e4ulein bog in eine Querstra\u00dfe ein. Als ich die Ecke erreicht hatte war sie verschwunden. &#8222;Verdammte Alte!&#8220;, fluchte ich, den Koffer auf die Erde knallend. Die \u00c4rmel meiner Joppe waren v\u00f6llig vom Schwei\u00df durchn\u00e4\u00dft und klebten mir an den Armen. Ich setzte mich auf den Koffer, nahm ein Taschentuch zur Hand und wischte mir damit den Hals und das Gesicht ab. Zwei Jungen blieben vor mir stehen und guckten mich an. Ich setzte ein ganz entspanntes Gesicht auf und schaute unverwandt in den n\u00e4chsten Torweg so als erwartete ich jemanden. Die beiden Jungen tuschelten miteinander und zeigten mit ihren Fingern auf mich. Eine wilde Wut stieg in mir hoch. Ach wenn ich ihnen doch nur den Starrkrampf anhexen k\u00f6nnte! Und nur dieser widerlichen Bengel wegen stehe ich jetzt allen Ernstes auf, wuchte den Koffer hoch, verdr\u00fccke mich damit zum Torweg und sehe hinein. Ich mache ein verwundertes Gesicht, ziehe die Uhr aus der Tasche und zucke mit den Schultern. Die beiden Jungen sind mir gefolgt und beobachten mich. Ich zucke nochmals mit den Schultern und schaue in den Torweg. &#8222;Komisch!&#8220;, sage ich laut, nehme den Koffer und schleppe ihn zur Stra\u00dfenbahnhaltestelle.<\/p>\n\n\n\n<p>Um f\u00fcnf Minuten vor sieben komme ich am Bahnhof an. Ich l\u00f6se eine R\u00fcckfahrkarte bis Licij Nos und steige in den Zug ein. Au\u00dfer mir befinden sich noch zwei andere Fahrg\u00e4ste in dem Waggon: Einer ist augenscheinlich ein Arbeiter, er war m\u00fcde, hat sich die Schirmm\u00fctze \u00fcber die Augen gezogen und schl\u00e4ft. der andere ist noch ein junger Bursche, er ist angezogen wie ein l\u00e4ndlicher Modenarr. Unter dem Jacket tr\u00e4gt er ein rosafarbenes Kosovorotka, und unter der Schirmm\u00fctze ragt ein lockiger Haarschopf hervor. Er raucht eine kleine Papyrosa mit einem hollgr\u00fcnen Plastikmundst\u00fcck. Ich stelle den Koffer zwischen die Sitzb\u00e4nke und setze mich hin. Mein Magen tut so gemein weh, da\u00df ich meine F\u00e4uste zusammenballe um nicht laut aufzust\u00f6hnen. Zwei Polizisten f\u00fchren irgendeinen Herrn ab. Er geht mit auf dem R\u00fccken verschr\u00e4nkten Armen und mit h\u00e4ngendem Kopf den Bahnsteig entlang. Der Zug setzt sich in Bewegung. Ich werfe einen Blick auf die Uhr: Zehn Minuten nach sieben. Oh was wird es mir f\u00fcr ein Vergn\u00fcgen bereiten, die Alte in den Sumpf gleiten zu lassen!. Schade nur, da\u00df ich mir keinen Stock mitgenommen habe, denn unter Umst\u00e4nden werde ich ein bi\u00dfchen nachhelfen m\u00fcssen. Der Modegeck mit dem rosafarbenen Kosovorotka mustert mich auf unversch\u00e4mte Weise. Ich drehe ihm den R\u00fccken zu und gucke aus dem Fenster. In meinem Magen brauen sich f\u00fcrchterliche Kr\u00e4mpfe zusammen, daraufhin bei\u00dfe ich die Z\u00e4hne zusammen, balle die F\u00e4uste und spanne die Beinmuskeln an. Wir fahren an Lanskaja vorbei und an Novaja Derovnja. Da vorne funkelt die goldene Spitze der buddhistischen Pagode und dahinter erscheint das Meer. Aber auf einmal ist mir das alles vollkommen egal; ich springe auf und renne mit winzigen Trippeischritten zur Toilette. Eine wahnsinnige Wolle erfa\u00dft mich und raubt mir die Sinne&#8230; Der Zug verlangsamt seine Fahrt. Wir erreichen Lachta. Ich bleibe sitzen, und aus Angst, man k\u00f6nnte mich w\u00e4hrend des Aufenthalts aus der Toilette jagen, mache ich nicht die leiseste Bewegung. &#8222;Wenn er doch nur endlich weiterfahren w\u00fcrde! Bitte!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Der Zug f\u00e4hrt an, und vor lauter Wonne schlie\u00dfe ich die Augen. Oh diese Minuten sind so s\u00fc\u00df wie der wunderbarste Augenblick einer Liebe! Meine s\u00e4mtlichen Muskeln sind aufs \u00c4u\u00dferste angespannt, aber ich bin mir dar\u00fcber im Klaren, da\u00df mich diese Anstrengung extrem schw\u00e4chen wird. Der Zug h\u00e4lt schon wieder an. Wir sind in Olgino. Das bedeutet nochmal diese Qualen! Aber diesmal war es falscher Alarm. Kalte Schwei\u00dfperlen bilden sich auf meiner Stirn und eine sanfte frische Brise flattert rings um mein Herz. Ich erhebe mich und lehne mich mit dem Kopf einige Augenblicke gegen die Wand. Der Zug f\u00e4hrt, und das Schaukeln des Waggons tut mir gut. Ich rei\u00dfe mich fest zusammen und verlasse leicht torkelnd die Toilette. Es ist niemand mehr im Waggon. Der Arbeiter und der Modegeck mit dem rosafarbenen Kosovorotka sind offensichtlich in Lachta oder in Olgino ausgestiegen. Ich gehe langsam zu meinem Fensterchen. Und mit einem Male bleibe ich wie angewurzelt stehen und gucke mit stumpfem Blick gerade vor mir auf den Boden. der Koffer ist nicht mehr da, wo ich ihn hingestellt hatte. Vielleicht habe ich mich im Fenster geirrt. Ich hechte zum n\u00e4chsten Fensterchen. Kein Koffer. Ich hechte zur\u00fcck, wieder nach vorne, renne durch den ganzen Waggon, schaue auf beiden Seiten unter s\u00e4mtliche Sitze, aber der Koffer ist nirgends. Aber ja, das ist ja \u00fcberhaupt keine Frage! W\u00e4hrend ich in der Toilette war hat man mir nat\u00fcrlich den Koffer geklaut! Das h\u00e4tte ich mir ja denken k\u00f6nnen! Ich setze mich mit weit aufgerissenen Augen auf die Sitzbank und erinnere mich aus irgendeinem Grunde daran, wie bei Sakerdon Michajlovitsch wegen des gl\u00fchenden Topfes mit einem Knall die Emaille aufgeplatzt war. Was soll denn jetzt werden?, fragte ich mich selbst. Wer wird mir denn jetzt noch glauben, da\u00df ich die Alte nicht umgebracht habe? Man wird mich noch heute verhaften, gleich hier, oder in der Stadt auf dem Bahnhof, wie diesen Herrn, der beim Gehen seinen Kopf h\u00e4ngen lie\u00df. Ich gehe raus auf die Plattform. Der Zug f\u00e4hrt gerade nach Licij Nos ein. Die wei\u00dfen S\u00e4ulen huschen vorbei, und eine von Z\u00e4unen frankierte Landstra\u00dfe. Der Zug h\u00e4lt an. Das Trittbrett meines Waggons reicht nicht bis auf die Erde. Ich springe runter und gehe zum Stationsh\u00e4uschen. Um von hier bis in die Stadt zu gehen braucht man noch eine halbe Stunde. Ich gehe in ein W\u00e4ldchen. Dort dr\u00fcben sind ein paar kleine Wacholderbeerstr\u00e4ucher. Hinter ihnen wird mich niemand sehen. Ich begebe mich dorthin. Auf der Erde kriecht eine gro\u00dfe gr\u00fcne Raupe. ich kniee mich hin und ber\u00fchre sie mit dem Finger. Sie windet ihren kr\u00e4ftigen feingliedrigen K\u00f6rper einige Male nach der einen und nach der anderen Seite. Ich schaue mich um. Niemand sieht mich. Ein leises Beben rieselt durch meinen R\u00fccken. Ich beuge den Kopf tief runter und sage leise: &#8222;Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes, heute und alle Tage bis an der Welt Ende. Amen.&#8220;19 Damit schlie\u00dfe ich mein Manuskript erst einmal ab, da mir beim Lesen gerade auff\u00e4llt, da\u00df es auch so schon hinreichend verwickelt ist.<\/p>\n\n\n\n<p><br>Ende Mai und erste Junih\u00e4lfte des Jahres 1939<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\"><br>***<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">ANMERKUNGEN<\/h3>\n\n\n\n<p>zu Daniil Charms (aus: Brockhaus Enzyklop\u00e4die in 24 B\u00e4nden. 19. Aufl.. Bd. 4. 1987) Daniil Ivanovitsch, eigtl. D. I. Juwatschov, russ. Lyriker, Dramatiker und Prosaist, geb. in Petersburg 12.1.1906, gest. (in Haft) 2.2.1942; neben A. I. Wwedenskij der Hauptvertreter der 1927 gegr. liter. Gruppe &#8222;Oberiu&#8220; (russ. &#8222;Ob-edinenie Real&#8217;nogo Iskusstva&#8220;, Vereinigung f\u00fcr reale Kunst), einer avantgardistischen Gruppe von Dichtern und K\u00fcnstlern, die bis 1930 bestand; 1931-32 in Haft. 1941 erneut verhaftet, verhungerte er im Gef\u00e4ngnis; 1956 rehabilitiert. Charms experimentierte mit Lyrik und verfa\u00dfte kleine Dramen, reich an Alogismen und \u00dcberraschungsmomenten in Handlungs- und Personenf\u00fchrung. &#8222;Elizabeta Bam&#8220; (deutsch in: Daniil Charms: F\u00e4lle, 1970) n\u00e4herte sich dem absurden Theater. Mitte der 1930er Jahre zog sich Charms mehr und mehr auf einfachere Stilistik und realistischere Thematik zur\u00fcck (auch Kinderb\u00fccher). Seine Miniaturen &#8222;Slutschai&#8220; (dt. F\u00e4lle) sind minuzi\u00f6se Beobachtungen des Alltags, in denen sich das Groteske offenbart.<br>&#8222;Povest&#8220;; eine liter. Gattungsbezeichnung; irgendwo zwischen &#8222;Erz\u00e4hlung&#8220; und &#8222;Novelle&#8220; einzuordnen. Da sich die deutsch\/russische Komparatistik \u00fcber eine entsprechende \u00dcbersetzung nicht einig ist, w\u00e4hlte ich den russ. Begriff.<br>&#8222;Sadovaja ulica&#8220; (Sadovijstra\u00dfe), eine der gr\u00f6\u00dferen Stra\u00dfen Leningrads, die fast genau parallel zum Fontanka-Kanal verl\u00e4uft, und somit zwischen sich und der &#8222;Bolschaja Neva&#8220; (Gro\u00dfe Newa) den eigentl. Stadtkern Leningrads umschlie\u00dft.<\/p>\n\n\n\n<p><br>&#8222;zur besseren Bek\u00f6mmlichkeit&#8220;: Das russ. Verb &#8222;zakusit&#8220;&#8218; l\u00e4\u00dft sich nicht mit einem entsprechenden deutschen Verb \u00fcbersetzen, da es lt. Daum\/Schenk soviel wie &#8222;nachessen, damit vorher Gegessenes oder Getrunkenes besser bekommt, oder um einen anderen Geschmack in den Mund zu bekommen&#8220; bedeutet.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;ich gehe nach Hause&#8220;: Dieses Zuhause ist nicht nach heutigen, westeurop\u00e4ischen Ma\u00dfst\u00e4ben zu verstehen. Vielmehr handelt sich dabei um eine Art Wohngemeinschaft, wobei dieser Begriff sicher nicht dem Geist jenes Milieus entsprechen w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;sardelki&#8220; sind lt. Pavlovskij kleine dicke W\u00fcrste. Da mir die deutsche Entsprechung unbekannt ist, w\u00e4hlte ich hier und im folgenden der Einfachheit halber die von mir eingedeutschte russische Bezeichnung &#8222;Sardelken&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Metschnikov&#8220; (aus: DBG-Handlexikon; Deutsche Buch-Gemeinschaft Darmstadt; 1964, S.583) Ilja Metschnikov, russ. Bakteriologe, geb. 1845, gest. 1916; Arbeiten \u00fcber Immunit\u00e4t und Cholera. Nobelpreis 1908.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Genie unserer Zeit&#8220;; eine etwas ungebr\u00e4uliche Formulierung, die ich deshalb gew\u00e4hlt habe, weil sie m\u00f6glicherweise in Anspielung auf Lermontovs &#8222;Geroj naschego vremeni&#8220; (Ein Held unserer Zeit) verwendet wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Kwass&#8220;, s\u00e4uerlicher, gew\u00f6hnungsbed\u00fcrftiger Brottrunk; dem Bier \u00e4hnliches Getr\u00e4nk aus w\u00e4ssrigem Malzbrei, Zucker und Weizenmehl, mit geringem Alkoholgehalt. Kann man neben Wodka getrost als typisch russ. Nationalgetr\u00e4nk bezeichnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Sprachfehler Marja Vasiljevnas: Im russ. Original macht sie aus stimmhaften und stimmlosen &#8217;s&#8216;-Lauten jeweils entsprechend stimmhafte und -lose \u201aZisch&#8216;-Laute. Diesen Sprachfehler mit einer Art Lispeln wiederzugeben erscheint mir insofern eine ungl\u00fcckliche Entsprechung zu sein, als sich dadurch leider nicht der relativ warme und weiche Klangcharakter des russ. Sprachfehlers einfangen l\u00e4\u00dft, der m\u00f6glicherweise f\u00fcr die Figurenanalyse von Bedeutung ist.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Ruhende&#8220; u. &#8222;Unruhestifter&#8220;: hierbei handelt es sich eigentlich um eine Art Wortspiel: &#8222;pokojniki&#8220; bedeutet &#8222;Tote&#8220;, w\u00e4hrend das von Charms frei substantivierte Adjektiv &#8222;bespokojnyj&#8220; (hier: &#8222;bespokojniki&#8220;) soviel wie &#8222;ruhelos&#8220; bedeutet. Es m\u00fc\u00dfte also &#8222;Tote&#8220; und &#8222;Ruhelose&#8220; hei\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Licij Nos&#8220;: Zu deutsch &#8222;Fuchsnase&#8220;, ist der Name einer kleinen Eisenbahnstation, die ca. 30 km nordwestlich von Leningrad, direkt am Finnischen Meerbusen liegt.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Kosovorotka&#8220;; It. Daum\/Schenk ein russisches, folkloristisches Oberhemd mit Stehkragen und seitlichem Verschlu\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Im Namen des Vaters&#8230;&#8220;: Hierbei bin ich davon ausgegangen, da\u00df sich Charms auf Teile des &#8222;Missionsbefehls&#8220; (Mt.28,19-20) bezieht, wo die entsprechende Passage vollst\u00e4ndig hei\u00dft: &#8222;Darum gehet hin und machet zu J\u00fcngern alle V\u00f6lker: taufet sie auf den Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen \/!\/ Geistes und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.&#8220; Um auf die &#8222;Raupe&#8220; Bezug zu nehmen sei hier noch auf die entsprechende Stelle im Markusevangelium hingewiesen: (16,15) &#8222;Und er sprach zu ihnen: Gehet hin in alle Welt und predigt das Evangelium aller Kreatur.&#8220; Mit meiner eigenm\u00e4chtigen Erg\u00e4nzung des &#8222;&#8230; heute und &#8230;&#8220; wollte ich wiederum dem Charms-&#8222;Zitat&#8220; gerecht werden.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Anstelle einer Einf\u00fchrung zitiere ich aus dem Brief eines&nbsp;Freundes, der die Illustration oben anfertigte, und den ich nicht zuletzt wegen <span class=\"more-text\">&hellip;<\/span><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":379,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1,15],"tags":[292,294,295,293],"class_list":["post-331","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-allgemein","category-uebersetzung","tag-charms","tag-novelle","tag-povest","tag-uebersetzung"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/frankjankowski.de\/wp_textblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/331","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/frankjankowski.de\/wp_textblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/frankjankowski.de\/wp_textblog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/frankjankowski.de\/wp_textblog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/frankjankowski.de\/wp_textblog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=331"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/frankjankowski.de\/wp_textblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/331\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1763,"href":"https:\/\/frankjankowski.de\/wp_textblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/331\/revisions\/1763"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/frankjankowski.de\/wp_textblog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/379"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/frankjankowski.de\/wp_textblog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=331"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/frankjankowski.de\/wp_textblog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=331"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/frankjankowski.de\/wp_textblog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=331"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}