Unfamiliar: Totalschaden mit Schalldämpfer
Wer nuschelt, ist tief. Wer langsam nuschelt, ist sehr tief: “Unfamiliar” – eine deutsche Krimi-Serie als Schuss ins eigene Knie.
Der Titel klingt wie ein Freifahrtschein für Beliebigkeit – so, als habe man in der Redaktionskonferenz ernst genickt: Das versteht man überall. Ironischerweise definiert „unfamiliar“ nicht die Welt der Serie, sondern ihr Verhältnis zu sich selbst. Alles ist ihr unvertraut: Dramaturgie, Psychologie, Kausalität, menschliches Verhalten… – als habe man beschlossen, das Agentengenre als unfreiwillige Parodie neu zu erfinden – nur leider ohne Witz, ohne Ironie, ohne Bewusstsein für den eigenen Schwachsinn.
Vorab das Lob, damit es nicht heißt, ich sei unfair: Die Filmtechnik ist – wie so oft – tadellos. Kameraarbeit mit sicherem Blick für Tiefe und Rhythmus, saubere Lichtsetzung, präziser Schnitt, souveränes Sounddesign usw. Das alles funktioniert. Leider ist es nur die Verpackung einer künstlerischen (und geistigen) Verzichtserklärung oder Eigensabotage (Dickfelligkeit?) (KI-Missbrauch?…)
Minute zwei: Der Bösewicht – das Gesicht wie aus einem Parfumspot – sitzt nachts auf einer Parkbank und sticht sich (warum auch immer) einen Transponder aus dem Bauch. So weit, so klischeehaft. Ach nein, nicht nachts, abends – zu einer Uhrzeit, zu der Sechzehnjährige sich noch nicht einmal aufgebrizzelt haben, um in die Clubszene einzufallen. Und er sitzt auch nicht irgendwo, sondern im Epizentrum Berlins. Trotzdem: keine Menschenseele weit und breit (man riecht förmlich die Schar von Ordnern um das Filmset herum). Mit schallgedämpfter Pistole schießt der Ausblutende sich nun, weil’s so schön war, gleich nochmal gezielt mitten durchs eigene Knie. Ein medizinischer Totalschaden: lebenslange Einschränkung, wenn nicht Invalidität. Der Zuschauer denkt: existentielle Not – letzte Rettung. Falsch.
In Wahrheit ist er ein ausgebuffter Geheimagent und verstümmelt sich einzig und allein deshalb, um das Vertrauen eines pensionierten BND-Pärchens zu erschleichen, das mitten in Berlin ein Safe House betreibt. Auch da haben die Hollywood-Nachäffer wohl was falsch verstanden: Safe Houses stehen dort, wo Geheimdienstler wegen politischer Krisen in Schwierigkeiten geraten, nicht im eigenen Nest. Und ein Safe House ist auch nicht zugleich die eigene Privatwohnung, in der hier noch das 16-jährige Töchterlein haust – die ausdrücklich nicht debil ist, aber trotzdem nichts von all dem weiß, denn zwischen Familienleben und Geheimdienstloge liegt eine ganze… Tür.

Kaum aufgenommen, darf der Schwerverletzte die Fingerabdrücke der (gerade abwesenden) Safe-Häuslerin (Susanne Wolff) kopieren und die wohnungsinterne Computeranlage nutzen: ein ganzer Raum voller blinkender Panels, pseudo-militärischer Interfaces und bedeutungsschwangerer Fortschrittsbalken – eine (aus irgendwelchen Gründen frei zugängliche) Hightech-Anlage, die selbst der NASA zur Ehre gereichte – und per Knopfdruck in eine Gaskammer verwandelt werden kann. Man fragt sich unweigerlich: Ist dieses Motiv – Gaskammer – in einer deutschen Serie Absicht oder bereits unfreiwillige Selbstparodie? – zumal der Darsteller des Vergasten auch noch Jude ist!
Der selbstverstümmelnde Bösewicht wird also vergast, darf aber vorher noch alle Geheimnisse an seinen Auftraggeber versenden, die zur Identifizierung der Helden dienen, um sie alle hinrichten zu lassen (im Dreierpack gab’s wohl Rabatt) – zur Sicherheit erfolgt der Tötungsbefehl zweisprachig: kill und eliminieren: Man weiß ja nie, wer gerade liest.
Dann die Szene, auf die alles hinausläuft: eine Kampfszene zwischen dem durchtrainierten, schwarzgelockten 30-Jährigen und der gewieften 52-jährigen Hausherrin. Und hier, man glaubt es kaum, zeigt die Serie plötzlich wieder kurz, was sie könnte. Die Choreografie ist nämlich teilweise originell, kaum effekthascherisch, präzise gefilmt. Und sie wäre – zumindest im Mittelteil – sogar körperlich glaubwürdig, wäre der eine Kämpfer nicht so schwer verwundet, dass jeder Normalsterbliche sich mindestens noch drei Tage winselnd im Bett windete, statt durch berstende Glasplatten zu purzeln. Die graue Wölfin weiß, wie man überlebt. Leider weiß sie nicht, wie man ein vollnarkotisiertes Parfummodel mit Kabelbindern an einen Holzhocker fesselt – besser gesagt: Gott sei Dank weiß sie es nicht, sonst wäre die einzig sehenswerte Szene perdu. Sieben Sekunden braucht der schöne Invalide, um sich zu befreien, während Frau Wolff perfide lächelnd ihr Folterbesteck auspackt (= ironisch gegenderte Marathon Man-Reminiszenz). Sieben. Sekunden. Danach kämpft er – mit Stichwunde im Bauch und zerschossenem Knie – als hätte er sich den kleinen Zeh am Küchentisch gestoßen. – Das erinnert einen an Altmeister Friedkins „Stunde des Jägers“, wo Benicio Del Toro seinem Lehrer (Tommy Lee Jones) ein Messer ins Bein rammt (kein Kartoffelmesserchen, sondern eine Crocodile Dundee-Klinge), jener sich den Monsterdolch an einer Hand über einem tosenden Wasserfall hängend mit der anderen herauszieht und 10 Minuten später weiterkämpft, als hätte ihm ein Splitter im Finger gesteckt…
Parallelhandlung 1: Volksbühnenveteran Henry Hübchen als Alt-James-Bond. Das Markenzeichen seiner Figur besteht darin, extrem langsam zu nuscheln – vielleicht, weil der Regisseur Alan Parkers „Fame“ gesehen hatte, in dem Komiker Raoul auf der Bühne reklamiert, dass alle großen Mimen genuschelt hätten: Dean, Brando, Montgomery Clift. Der Schluss: Wer nuschelt, ist cool. Wer langsam nuschelt, ist sehr cool.
In Parallelhandlung 2 wird Papa Safehäusler von seiner Frau oder Schwester (oder beides, das wird noch explizit offengelassen) losgeschickt, um die 16-Jährige zu suchen. Drei Minuten später rempelt ihn ein Attentäter an und injiziert ihm dabei einen Nervenkampfstoff – Nawalny lässt grüßen.
Parallelhandlung 3: Zwei weitere Geheimagenten – ein weiteres Parfum-Model und der fürs deutsche Publikum offenbar unerlässliche Quoten-Immigrant, ein hünenhafter Araber ohne Text, überhaupt ohne erkennbare narrative Funktion – scheitern daran, innerhalb der vorgegebenen 15 Minuten das Altagenten-Trio zu exterminieren. Die Konsequenz: Sie werden nicht exekutiert, sondern gefeuert – vom geheimnisvollen Alpha-Altagenten (Samuel Finzi), zwischen (Auto-)Tür und Angel. Jene quittieren den Jobverlust mit einem lethargischen Achselzucken. Agententhriller als Personalgespräch.
Unfamiliar: Der Vorspann weist uns mit feinem Nachdruck auf die Endsilbe hin: liar. Genau das ist diese Serie: eine Lüge. Man soll nicht verstehen, sondern glauben. Nicht hinterfragen, sondern staunen. Kurz gesagt: Noch nie war ein englischer Titel so präzise im Verrat an seinem eigenen Inhalt. Am Ende bleibt der Eindruck, dass „unfamiliar“ genau das sagt, was man sonst mühsam in einer Verriss-Pointe unterbringen müsste: Der Titel ist das Beste an der Serie – weil er (ungewollt) ehrlich ist.

Was Unfamiliar fundamental missversteht, ist nicht Hollywood, sondern Menschlichkeit. Spionage ist hier kein psychologisches Verwirrspiel aus Loyalität, Paranoia und Identitätsverlust, sondern eine Abfolge von Versatzstücken aus dem Baukasten der Spionageklischees. Alles ist äußerlich perfekt und innerlich hohl. Es ist eine Serie über Geheimnisse, die nichts verbergen, und über Körper, die alles aushalten, außer Bedeutung. – Am Ende bleibt der Eindruck einer makellos polierten Maschine, die mit großem Ernst Unsinn produziert. Unfamiliar ist kein Scheitern an Hollywood – es ist ein Scheitern an der eigenen Fantasie.
(Sämtliche Illustrationen wurden per
minimalem Prompt durch ChatGPT erstellt.)
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