Götterdämmerung im Schwitzfleck Afrikas

Nigeria, das 82. Reiseziel von Karol Wojtila Der kurze Aufstieg und lange Untergang eines Dritte-Welt-ÖlriesensEine Dokumentation von Frank Jankowski aus Anlaß des Papst-Besuches (21.-23. März 1998)

+++ veröffentlicht im Rheinischen Merkur und in der Jungen Freiheit  +++

Einleitung. Das Land der Superlative

Nigeria ist ein unpopulärer Staat. Das war schon immer so, denn es gab und gibt dort weder eine Apartheit noch eine Serengeti, weder Kriege nach außen noch Fremdenverkehr nach innen. Und wer weiß schon, daß die 300 Kilometer über dem Äquator liegende Federal Republic sich gewissermaßen als ‚Schwitzfleck Afrikas‘ auf unserem Globus abzeichnet? Geläufiger dürfte der Begriff Biafra sein und das nach dieser Region benannte Kind mit dem luftballongroßen Bauch-Ödem – jenem Symbol für das Elend der Dritten Welt… Dabei ist Nigeria ein Land der Superlative. Knapp ein Viertel der gesamten afrikanischen Bevölkerung lebt dort – 110 Millionen Menschen. Und das auf einer Fläche, die zwar weniger als ein Dreißigstel des Kontinents ausmacht, dafür jedoch dreimal so groß ist wie Deutschland. Daraus ergibt sich eine Bevölkerungsdichte von 100 Menschen pro Quadratkilometer – ein europäischer Mittelwert. Von sämtlichen Staaten Afrikas ist Nigeria derjenige mit den meisten Umstürzen und Regierungswechseln – was offenbar mit dem Klima zusammenhängt, denn alle Länder mit häufigen Staatsstreichen liegen in der tropischen und subtropischen Zone.
Als einziger afrikanischer Staat taucht Nigeria auf der Liste der zwanzig bedeutendsten Erdölländer auf – und zwar an elfter Stelle. Auf der jüngst erschienenen Hitliste der vierzig korruptesten Nationen der Welt, die von den beiden international renommierten Forschungsunternehmen Control Risks Group und Industrial Research Bureau erstellt wurde, rangiert Nigeria auf Platz zwei – gleich hinter Rußland. Hunderte von Geschäftsleuten, die mit sagenhaften Reibach-Versprechungen dorthin gelockt wurden, können ein Lied davon singen: Bakschischbeladen reisen sie aus aller Herren Länder an den Golf von Guinea, um den schnellen Dollar zu machen, und sind dann heilfroh, wenn sie – abgezockt bis aufs Unterhemd – wenigstens lebendig wieder heimkommen… Doch Nigeria ist nicht nur ein Land der Vielen, Reichen und Kriminellen, sondern – neben den zahlreichen zum Teil in der Diaspora lebenden Sportskanonen, wie dem Bundesliga-Fußballer Jonathan Akpoborie – auch ein Land der Dichter und Denker. Als erster Afrikaner wurde Wole Soyinka 1986 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet und 1994 erhielt der prominenteste nigerianische Regimekritiker, Ken Saro-Wiwa, den mit 375.000 Mark dotierten „Right Livelihood Award“, also den Alternativen Nobelpreis. Daß Saro-Wiwa gleich darauf von der Militärjunta gehängt und Soyinka zum Tode verurteilt wurde, sind zwei weitere, zugleich die traurigsten, Weltrekorde Nigerias, denn das hatte es bisher nirgendwo gegeben, nicht einmal in der Sowjetunion oder in Deutschland.

Ein Ölfaß und 350 Käsesorten unter einer Glocke

Nigeria besaß 1970 weit über drei Mrd. Tonnen Rohölreserven. Wenn man damals mit einer jährlichen Fördermenge von 100 Mio. Tonnen kalkuliert hätte – so der Höchststand 1993 -, wären die Quellen erst im zweiten Jahrtausend unserer Zeitrechnung versiegt. Selbst bei einem pessimistisch veranschlagten Absatzpreis von 10 Dollar pro Barrel flössen also jedes Jahr rund sechseinhalb Mrd. Petrodollars ins Land. Ein solch beträchtlicher Devisenzufluß sollte wohl ausreichen, möchte man meinen, um eine landwirtschaftlich so überaus potente Volkswirtschaft langsam zur höchsten Blüte zu treiben, zumal die Absatzpreise für Rohöl ständig angestiegen waren (in der Dekade 1971 bis 1981 immerhin von 4 auf 40 Dollar) – weit gefehlt…
Wie soll ich ein Land regieren, in dem es über 350 Käsesorten gibt?! rief Charles de Gaulle einst resigniert aus. Auf Nigeria bezogen ließe sich eine weit prekärere Frage formulieren, etwa: Wie soll man ein Land regieren, in dem 350 Volksgruppen beheimatet sind? Ein Dilemma, an dem die Engländer nicht ganz unschuldig sind, da sie im 15. Jh. anfingen, sich all diejenigen Gebiete für ihren Menschen- und Güterhandel zu erschließen, die 1917 unter der Bezeichnung Nigeria zusammengefaßt wurden und übrigens um ein Haar ‚Negretia‘ geheißen hätten, wäre die Journalistin Flora Shaw nicht auf die glorreiche Idee gekommen, das Gebiet nach dem imposanten, 4400 Kilometer langen Strom zu benennen, der alljährlich rund 200 Mrd. Kubikmeter Süßwasser in den Atlantik schüttet. Die vier größten ethnischen Gruppen dieser Region – Haussa, Yoruba, Ibo und Fulbe – liefern sich seit der Unabhängigkeit erbitterte Machtkämpfe.

Das Biafra-Kind

Am 1. Oktober 1960 wird Nigeria in die Unabhängigkeit entlassen. Damit ist es nach Ghana (1957) das zweite freie afrikanische Commonwealth-Land. Drei Jahre danach entdecken Erdöl-Explorateure in den Mangrovensümpfen des Nigerdeltas riesige Vorkommen eines sehr hochwertigen Erdöls – das sogenannte Bonny Island Crude, das sich mit der Qualität des europäischen Nordsee-Brent die Waage hält. Binnen weniger Monate hat dieser Fund ein krasses Nord-Süd-Gefälle zur Folge. Die schwelenden Animositäten zwischen den Volksgruppen entzünden sich daran und flammen im Januar 1966 zu einem Putsch auf. Dieser erste Staatsstreich, mit dem sich J.T.U. Ironsi, ein Ibo, zum neuen Herrscher aufschwingt, läutet eine Ära der Militärjuntas ein, die vorerst dreizehn Jahre andauern soll. Aber noch ehe die nigerianischen Schulkinder Ironsis Namen auswendig gelernt haben, fällt er einem Attentat zum Opfer und Yakubu Gowon übernimmt die Führung – seine Dynastie enthält das wohl schwärzeste Kapitel, das Nigerias Geschichtsbücher je werden zu verzeichnen haben – den Biafrakrieg, ein Rassenkrieg, ein Glaubenskrieg, ein Ölkrieg.
Die im Laufe der Kolonialgeschichte zum Christentum konvertierten Ibos machen sich bei den muslimischen Haussas, Yorubas und Fulbe von Anfang an unbeliebt – wohl nicht zuletzt deshalb, weil sie es schnell zu einem weit über dem Durchschnitt liegenden Lebensstandard bringen und als Händler, Juristen und Manager bald auch fast sämtliche Schlüsselpositionen im Staat besetzen. Plötzlich kocht das böse Blut auf, schreit nach Aderlaß, spritzt weit übers Ziel hinaus und mündet in einen Rassenpogrom. Überall im Lande werden Tausende von Ibos regelrecht abgeschlachtet – manche Insider beteuern, es seien Zehntausende gewesen. Die übrige Welt nimmt keine Notiz von den Greueltaten am Niger, denn noch werden sie von den nah- und fernöstlichen Konflikten am Jordan und am Mekong überschattet. Zu Hundertausenden flüchten die verfolgten Ibos in den Süden ihrer Heimat und rufen am 30. Mai 1967 die Freie Republik Biafra aus, wo ein Großteil des Erdöls gefördert und raffiniert wird. Eine Abspaltung Ibo-Biafras können die anderen Stämme also unmöglich dulden. Und so bricht zwei Monate später ein furchtbarer Bürgerkrieg aus, der drei Jahre lang das Land verwüsten und mindestens zwanzigmal mehr Menschenleben fordern wird als die Zahl sämtlicher im Vietnamkrieg gefallener Amerikaner – die Quellen schwanken zwischen ein und zwei Millionen.
Und inmitten dieses Hexenkessels hockt ein afrikanisches Kleinkind, ungefähr so alt wie Michael Jackson, den damals freilich noch kaum einer kennt. Das bestechend scharfe Portrait dieses Kindes erscheint wenig später in sämtlichen Massenmedien der zivilisierten Welt. Aufgrund von Hypoproteinämie (Eiweißmangel im Blut) ist in den Unterhautgewebsspalten seines Bauches ein Ödem von der Größe eines prall aufgepusteten Luftballons herangewuchert. Das Kind blickt den Fotografen erstaunlich wohlwollend, ja geradezu gütig an, aber sein Ausdruck ist spiegellos, es hat seinen inneren Frieden bereits gefunden. Der medizinische Befund: Prämortales Hungerstadium nach unzureichender exogener Nahrungszufuhr. Jetzt ist auch die restliche Welt hellhörig geworden, macht den Krieg zu ihrer ganz persönlichen Angelegenheit, schlägt sich auf die eine oder andere Seite und feuert sie tatkräftig an – mit schwerer, unbezahlbarer Tötungsmaschinerie, die man, als das Geld alle ist, gratis liefert.
Auf den einsamen Überlandpisten, die sich schnurgerade durch Nigerias tropische Urwälder ziehen, zeugen noch heute unzählige Bombenkrater von jenem Bürgerkrieg – sie sind mitunter so groß und so tief wie die türkisen Swimmingpools, die am Golf von Guinea auf keinem Millionärsgrundstück fehlen. Wenn man sich bei seinem unverzichtbaren Leibwächter nach den Menschenleichen erkundigt, die man dort zuweilen am Straßenrand erspäht, bekommt man zur Antwort, entweder sie hätten ein Schlagloch nicht gesehen oder sich geweigert, ihr Auto abzutreten. Geübte Fahrer jagen ihre Peugeots und Toyotas mit 190 Sachen über den Asphalt und weichen den Kratern geschickt aus. Ungeübte fahren genauso schnell, aus Angst vor Überfällen, und bleiben trotzdem auf der Strecke. Die Straßenkriminalität Nigerias ist eine der erschreckensten der Welt. Über die in den Gossen der Großstädte herumliegenden Leichen erfährt man von einer dritten Sterbeursache: Verhungert. Wenigstens sind deren Oberkörper zumeist mit alten Zeitungen oder Blechteilen bedeckt.

Der Siebziger-Jahre-Boom

Die siebziger Jahre stehen im Zeichen eines so immensen Booms, daß Nigerias neureiche Politiker vor lauter Geldscheffelei ihre so fruchtbare Landwirtschaft vollständig vergessen. Sie verjubeln ihre Petrodollars wie einen Lottogewinn. Der Handel blüht, man nimmt verschwenderisch Kredite auf und binnen weniger Jahre sprießen im Süden bombastische Industrieanlagen, Sägewerke, Zementfabriken, Druckereien und Kfz-Montagewerke aus dem Boden – alles auf Pump. Galten Agraprodukte wie Baumwolle, Erdnüsse, Kakao, Kautschuk, Palmprodukte und Holz bis Mitte der sechziger Jahre noch als Exportschlager, so muß der wachsende Bedarf ab Ende der Siebziger zunehmend durch Importe gedeckt werden, denn die eigenen Felder liegen mittlerweile brach. Wir haben ausgesorgt, denkt man sich, wertet stolz den Naira auf, und kann deshalb bald von sich behaupten, nach Kuwait das teuerste Land der Erde zu sein.

Schnell treiben Patronage und Protektionismus ihre Metastasen durch den staatlichen Organismus. Die unmittelbaren Folgen dieser törichten Politik sind Ämterhäufung, Korruption und infantiles Mißmanagement. Die mittelbaren: Soziale Ungerechtigkeit, Arbeitslosigkeit, Armut. Diejenigen, die als Wasserträger oder Autoscheibenputzer bislang einigermaßen über die Runden gekommen sind, können jetzt nicht einmal mehr ihre täglich Yam- oder Garriration finanzieren, denn die Nahrungsmittelpreise schießen durch die Notwendigkeit des Imports in astronomische Höhen. Wer nicht verhungern will, sieht sich gezwungen, zu stehlen. Aber auf den Freiluftmärkten, wo alles in Hülle und Fülle zu haben ist – angefangen von russischem Beluga-Kaviar bis hin zu deutschen Dr.-Best-Zahnbürsten -, weiß man sich schnell gegen die Diebe zu wehren: Wen man beim Klauen erwischt, sei es auch nur ein Päckchen Milchpulver, wird mit vereinten Kräften gejagt, gefangen, ans nächste Straßenschild gebunden, mit Benzin übergossen und angesteckt.
Alles in Allem der ideale Nährboden für einen Coup d’Etat. Und im Hochsommer 1975 geschieht er dann auch – nunmehr zum dritten Mal.

Metropolis und die Zweite Republik

Der nächste Staatschef und Oberkommandierende der Streitkräfte heißt Murtala Ramet Muhammed – ein Guter, der die Welt mit einem Akt der Vaterlandsliebe verblüfft: Zum 15. Jahrestag der Unabhängigkeit verkündet er die Machtübergabe an eine Zivilregierung. Doch sein ambitioniertestes Projekt entpuppt sich zugleich als das mißliebigste in den eigenen Reihen und so kommt es im darauffolgenden Jahr, 1976, zum vierten Putsch. Der Umsturzversuch scheitert zwar, aber er kostet nicht bloß das Leben der fünfzig zum Tode verurteilten Reaktionäre, sondern auch das des Reformers – Murtala Muhammed, heute ist einer der größten Flughäfen des Kontinents nach ihm benannt.
Seine Politik wird fortgesetzt – von Olusegun Obasanjo, später einer der einflußreichsten afrikanischen Diplomaten, der 1990 den in San Francisco ausgelobten Africa Prize for Leadership erhält und im Mai ’96 mit dem Menschenrechtspreis der Friedrich-Ebert-Stiftung geehrt wird, wo sein Freund, Helmut Schmidt, die Laudatio liest. Endlich kann man sich auch dem Bau der neuen Hauptstadt widmen, die in der Mitte des Landes als Drehweiche zwischen den Religionen fungieren und eine Fläche einnehmen soll, auf der man Berlin ganz bequem viermal unterbringen könnte: Abudja. Aus der ganzen Welt werden die renommiertesten Baufirmen zusammengetrommelt und wenig später wuchert auf der Savanne eine Baustelle, gegen die sich der Potsdamer Platz heute wie ein Maulwurfshügel ausnimmt. Abudja – das afrikanische Metropolis, das glorreiche Wahrzeichen des Anschlusses an die Erste Welt.
Doch die Weltwirtschaftskrise und die anschließende Ölschwemme machen den Bauherren einen gewaltigen Strich durch die Rechnung. Die Großabnehmer warten mit radikalen Energiesparmaßnahmen auf, allein in Deutschland geht der Ölverbrauch zwischen 1979 und ’81 von 144 auf 115 Millionen Tonnen zurück, Brasilien steckt 7,5 Mrd. Dollar in die Methanolgewinnung aus Zuckerrohr und der Exxon-Konzern rund 3,5 Mrd. in den Abbau des Colorado-Ölschiefers, in dem Geologen 272 Mrd. Tonnen Öl vermuten – mithin das Dreifache der damals bekannten Weltvorräte. Die Preise fallen ins Bodenlose und die Ölscheichs am Niger sehen sich nun außer Stande, ihre enormen Schuldenlasten zu tragen, geschweige denn, diejenigen Verbindlichkeiten weiterhin zu bedienen, die tagtäglich durch den Bau der größenwahnsinnigen Retortenstadt anfallen. Dem deutschen Bauunternehmen Strabag wird lediglich ein Siebtel der geleisteten Arbeit vergütet. Jede Firma, die noch etwa zu verlieren hat, läßt alles stehen und liegen und macht sich schleunigst davon. In Abudja leben heute genauso viele Menschen wie in Essen. Lagos dagegen, die alte Hauptstadt, wird nach UNO-Schätzungen bald der größte Slum der Erde sein – mit rund 25 Millionen Einwohnern.

„Ich wünschte, die Kolonialherren kämen zurück!“

Um die Importkosten von über zwei Milliarden Dollar zu drücken, besinnt man sich nun wieder auf den Agrarsektor und ruft mit bunten Plakaten zur Grünen Revolution auf, doch Pepsi-Cola-Plakate finden bei weitem mehr Resonanz. Also versucht man es mit einer Vervielfachung der Einfuhrzölle, doch anstatt die Rechnungen zu drücken, erblüht das Korruptions- und Schmuggelgeschäft. Verkehrsminister Umaro Dikko, ein Schwager des Präsidenten Shagari, geht dabei als zweifellos unverfrorenster Betrüger in die Analen der afrikanische Skandale ein: Innerhalb von nur zwei Jahren veruntreut er Staatsgelder in Höhe von vermutlich drei Mrd. Mark. Drei Milliarden – das ist der deutsche Jahresumsatz von McDonalds – ein einzelner könnte damit (ohne Zinsen) ein ganzes Jahrhundert lang jeden Tag hunderttausend Mark auf den Kopf hauen.

Dikkos Machenschaften gehen simpel vonstatten: Er kauft Reis mittels öffentlicher Gelder lagerhausweise ein, verhökert ihn zum doppelten und dreifachen Preis und schleust die Differenz… na, wohin wohl? Aufgedeckt wird der sagenhafte Verlust erst, als es zu spät ist, denn Dikko hat sich kurz vor dem längst überfälligen fünften Putsch ins Londoner Domizil abgesetzt. Dem neuen Machthaber fällt nichts Klügeres ein, als sofort dessen gewaltsame Heimholung zu inszenieren, und so gipfelt die wohl beispielloseste Frechheit der Veruntreuungsgeschichte in den vermutlich dilettantischsten Coup seit Erfindung des Kidnappings – Nigeria, eine Nation der Superlativen.
Verdiente Nigeria noch 1980 rund 22 Mrd. Dollar an seinem Öl, so sind es in Shagaris letztem Legislaturjahr gerade noch zehn – also nicht einmal ein Fünftel des Einkommens, den damals etwa die kolumbianische Mafia mit ihrem Drogenhandel erzielt. Die Brachialmethoden, mit denen der 41jährige ehemalige Ölminister und nun jüngste Juntachef, Mohammed Buhari, das Chaos zu beseitigen gedenkt, stehen denen der Mafia in nichts nach. WAI buchstabiert sich der neue Slogan, der dem Volk eingeimpft wird: War Against Indiscipline. Wer zu spät zur Arbeit kommt oder seinen Müll nicht entsorgt – Liegt eine Leiche in Ihrer Straße?, lautet die Überschrift eines Flugblattes -, wandert ins Gefängnis. Aber selbst die Wiedereinführung der Todesstrafe vermag das Übel nicht einzudämmen. Und als die Gefängnisse überquellen, zum Teil von Studenten, die zu fünf Jahren verdonnert werden, weil sie in Klausur auf des Nachbars Blattes gelinst haben, geht man zum Standrecht über. Provisorische Militärtribunale dürfen jetzt ohne weiteres Todesurteile verhängen und gleich auch nach Herzenslust vollstrecken. Ich wünschte, die Engländer kämen zurück und würden uns die nächsten fünfzig Jahre regieren, zaudert der Gouverneur des Bundesstaates Imo.

Der Slapstick-Coup vom 8. Juli 1984

Trotz dieser Zustände bittet Buhari den Internationalen Währungsfonds um eine Vitaminspritze von zweieinhalb Mrd. Dollar – ‚Peanuts‘ im Vergleich zu den 21 Mrd., die der IWF gerade erst den Südkoreanern gewährte, für damalige Verhältnisse allerdings ein ganzer Batzen. Drei Fünftel dieses Betrages hat Nigerias Staatsfeind Nummer eins veruntreut – Umaro Dikko, ein smarter Typ mit aalglatten Gesichtszügen, der im viktorianischen Exil ein Leben in Saus und Braus führt und sich den Papparazzi gerne in jenen schmucken Gewändern seines Stammes zeigt. Das schreit nach Vergeltung. Ein offizielles Auslieferungsbegehren jedoch ist von vornherein zum Scheitern verurteilt und so heuert Buhari zwei ehemalige Haudegen des israelischen Geheimdienstes an. Am hellichten Tag überfallen die Ex-Mossad-Agenten den Milliardär vor seiner Villa, lassen ihm von dem mitgebrachten Arzt soviel Pentathol in die Vene pumpen, daß selbst ein Nashornbulle in die Knie gehen würde, stecken ihn zusammen mit dem Anästhesisten in eine Kiste und geben Fersengeld. Dikkos Sekretärin schlägt unverzüglich Alarm. Binnen einer Stunde ist nicht nur die gesamte Londoner Polizei auf den Beinen, sondern auch jeder Skandal-Reporter, der was auf sich hält. Und nachdem alle Ausfallstraßen und nigerianischen Einrichtungen abgesperrt sind, trudeln in Stansted zwei mannsgroße, mit Luftlöchern versehene, Holzkisten ein, deren Frachtpapiere zu allem Überfluß formale Fehler aufweisen. Sie sind als Diplomatengepäck getarnt und möchten mit einer gähnend leeren Frachtmaschine der Nigerian Airways direkt nach Lagos geschafft werden… Unter lautstarkem Protest werden die Kisten aufgebrochen. Zum Vorschein kommen ein halbtoter Nigerianer, der wegen der Überdosis Betäubungsmittel bis heute teilweise gelähmt ist, sowie drei achselzuckende Israelis. Der ganze Coup, kommentiert die Schweizer Weltwoche, war jämmerlich dilettantisch vorbereitet. – das paßt zum jüngsten Versuch des Mossad, die iranische Vertretung in Bern zu verwanzen, aber keineswegs zu dem Profi-Werk, mit dem das Institut im Sommer 1989 den schiitischen Scheich Obeid kidnappte, oder damals Adolf Eichmann aus Buenos Aires – nicht etwa in einer phantasielosen Kiste, sondern filmreif, in der Verkleidung eines kranken El-Al-Stewards.

Vorbereitung zum Despotismus

Im Sommer 1985 putscht sich der Fulbe Ibrahim Babangida an die Spitze. Mit Hilfe des Mossad gründet er sogleich den berüchtigten SSS (State Security Service), der den Vergleich mit dem stalinistischen Tscheka nicht zu scheuen braucht und beweist vor allem dann großes Talent, wenn es darum geht, Andersdenkenden Furcht einzuflößen. Nachdem er großherzig die Pressefreiheit ausgerufen hat, wird ein kritischer Journalist von einer Bombe zerrissen. Am 2. August 1989 muß der bekannte Feuilletonist Dap Dorman für einen unvorsichtigen Artikel zu Kreuze kriechen: „No Offence meant!“. Als Babangida sich jedoch anschickt, mit dem damals prominentesten Menschenrechtler, Gani Fawehinmi, kurzen Prozeß zu machen, weil der Jura-Professor ein paar blutrünstige SSS-Schergen vor den Kadi zerren wollte, überschlagen sich die internationalen Proteste. Im Gegensatz zu seinem unerbittlichen Amtsnachfolger läßt Babangida sich noch davon beeindrucken – er schenkt dem Mann die Freiheit und obendrein 10.000 Naira – für dieses Geld kann man damals ein Mountainbike erwerben – immerhin.
Visiten englischer Politiker vermögen die junge Junta keineswegs zu beeindrucken. Als Margret Thatcher 1988 ihren Besuch ankündigt, zeigt man ihr die kalte Schulter. Und als die mächtige Potentatin dann doch da ist, wird sie als rassistisch und arrogant verunglimpft sowie als Mutter der Apartheid bezeichnet. Den letzten Affront kann man verstehen. Zwei Fünftel aller afrikanischen Staaten stehen damals unter der Fuchtel militaristisch-totalitärer Regimes, aber fast alle setzen sich konsequent für die Bekämpfung der Apartheid ein – Nigeria spielte hierbei von jeher eine energische Vorreiterrolle.

Den Bach runter

Nach vierzehn Jahren finden 1993 erstmals wieder demokratische Wahlen statt, doch General Sani Abacha (sein Name wird wie der seines Vorgängers auf dem zweiten a betont) anulliert das Ergebnis und schwingt sich kurzerhand selbst in den Sattel des hohen Rosses. Er reißt die Macht an sich, beißt sich wie ein Kampfhund in ihr fest und läßt sie nicht mehr los. Unter seiner Fuchtel geht nun auch das letzte bißchen Ansehen Nigerias den Bach runter. Nach Vorbild der Schreckgespenster des postkolonialen Afrikas – Amin, Bokassa, Mobuto – wirft auch Sani Abacha binnen kürzester Zeit sämtliche Rest-Werte über Bord – mit Ausnahme derjenigen natürlichen, die von einem der großen Mineralölkonzerne vorgeschrieben werden – was auf dasselbe Symbol hinausläuft, auf jenes längs durchgestrichene S.
Der ehemalige Verteidigungsminister mutiert zum schlimmsten Feind des eigenen Landes. All die bekannt gewordenen Ermordungen, die auf Abachas grüne Kappe gingen und nach wie vor gehen, all die namhaften und namenlosen Namen von Gefolterten und willkürlich Verhafteten aufzulisten, die dieser Pitbull auf dem Gewissen hat, würde den Rahmen dieses Artikels bei weitem sprengen, dennoch…

Leichen pflastern seine Herrschaft

Moshood Abiola, der rechtmäßige Wahlsieger vom Vorjahr, verschwindet 1994 im Gefängnis. 1995 wird zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte ein Nobelpreisträger offiziell hingerichtet – Ken Saro-Wiwa. Mit ihm sterben sechsundzwanzig weitere Regimegegner am Galgen. Die einzige Reaktion der übrigen Welt: Großbritannien suspendiert Nigerias Commonwealth-Mitgliedschaft. Im Sog einer ganzen Verhaftungswelle, angeordnet, um einem angeblichen Staatsstreich vorzubeugen, wird Ex-Regierungschef Olusegun Obasanjo, der „Vater der II. Republik“, das „Gewissen Nigerias“, der Freund Helmut Schmidts, festgenommen und eingesperrt – ohne Anklageerhebung, ohne offizielle Meldung. Abachas Marionetten verurteilen ihn zu lebenslanger Freiheitsstrafe. Anschließend kommen auch seine Anwälte, Tunji Abayomi und Abdul Oro hinter Gitter. Der Hauptbelastungszeuge gegen Obasanjo gibt später zu, unter Folter ausgesagt zu haben. Abacha bleibt weiter an der Spitze der Macht. Das Verlagsgebäude der regimekritischen Zeitungen Tempo und AM News brennt im Januar 1996 bis auf die Grundmauern nieder. Gleich darauf werden in Schauprozessen angeblich Verdächtige des Mordes am bekannten Oppositionspolitiker Rewane angeklagt, der zwei Monate zuvor erschossen worden war – vermutlich von Abachas Söldnern. Im Juni wird Kudirat Abiola ermordet – die Frau des inhaftierten Präsidenten. Eine Farce: Sani Abacha setzt eine Belohnung auf die Ergreifung der Täter aus – er dürfte sie in den Reihen der berüchtigten Kill-and-go-Truppe finden, die schon in Saro-Wiwas Heimatregion, dem Ogoni-Land, zahllose Morde im Auftrag der Diktatur begangen hatte. 1997 wird Wole Soyinka in Abwesenheit zum Tode verurteilt. Er fordert einen internationalen Wirtschaftsboykott gegen Nigeria, wie damals gegen Südafrika, sowie den endgültigen Ausschluß aus dem Commonwealth. Das Argument, die Apartheid sei schlimmer gewesen, weil programmatisch, läßt er nicht gelten: Nelson Mandela lebt, Ken Saro-Wiwa ist tot. Die USA sind mit 40% der weitaus größte Abnehmer nigerianischen Öls, das nach wie vor zu über 95% den Außenhandel dominiert. Spanien bezieht etwa zehn Prozent der Ölexporte, wir Deutschen dagegen, die wir hauptsächlich aus Rußland, Norwegen, England und Libyen importieren, lediglich vier. Obwohl Nigeria den Ölabsatz zwischen 1990 und 1996 von 91 auf 111 Mio. Tonnen pro Jahr steigert, verringern sich die Jahreseinnahmen um rund acht Prozent auf 10,6 Mrd. Dollar, da die Rohölpreise stetig sinken – von 22,3 auf 15 Dollar pro Barrel. Der Irak beispielsweise, der noch 1990 100 Mio. Tonnen zutage förderte, drosselte seine Produktion bis ’96 auf 30 Mio. Tonnen.
Kurz vor der Jahreswende 97/98 schneidet Abacha sich zweimal ins eigene Fleisch: Obasanjos früherer Vizepräsident, Shehu Musa Yar’Adua – ein Stammesgenosse des Diktators, was gerade in Nigeria viel bedeutet – kommt auf mysteriöse Weise im Kerker ums Leben. Dann läßt er seinen eigenen Stellvertreter, General Oladipo Diya, verhaften – spätestens jetzt wissen es auch Abachas Freunde: Keiner ist vor der Willkür dieses Wahnsinnigen mehr sicher. Und als ob der Dreck vor der eigenen Haustür nicht groß genug wäre, mischt sich der Despot nun auch noch in die Angelegenheiten Sierra Leones ein: Ein nigerianisches Kriegsschiff beschießt im Mai die Hauptstadt Freetown…

Götterdämmerung

Der deutsche PEN trat mehrmals für inhaftierte, mißhandelte nigerianische Autoren ein, im letzten Dezember für Akinwumi Adesokan. Ein weiterer, Ogaga Ifowodo, wurde diesen Januar sogar zum Ehrenmitglied ernannt – doch auf Sani Abacha macht ein deutscher Füller natürlich keinen Eindruck.
Aber etwa die Hälfte aller Nigerianer sind Christen. Und vom 21. bis zum 23. März wird Karol Wojtyla dem Schwitzfleck Afrikas, dem zweitkorruptesten Land der Erde einen päpstlichen Besuch abstatten – der zweite seit 1982. Der Papst komme damit in ein Land, für dessen Machthaber augenscheinlich die Götterdämmerung angebrochen sei, schreibt die Katholische Nachrichtenagentur. Als offizieller Anlaß dient die Seligsprechung eines der ersten afrikanischen Mönche, des Trappisten Cyprian Tansi (1903-64). Tansi hatte als junger Pfarrer den kleinen Francis Arinze getauft, der heute als einflußreichster afrikanischer Kardinal im Vatikan residiert – das eigentliche Motiv der strapaziösen Visite dürfte somit eine Levitenlesung während des Höflichkeitsbesuches beim Staatsoberhaupt im State House von Abudja sein, der gleich als erstes auf dem Programm steht. Für den Pilger im Petrusamt sei dies keine neue Erfahrung; sein kompromißloses Eintreten für die Menschenrechte habe bereits mehreren Regimen den Todesstoß versetzt. Weder Baby Doc Duvalier in Haiti, Stroessner in Paraquay, Marcos auf den Philippinen noch Pinochet in Chile hätten sich in ihren Sesseln halten können, nachdem der Papst ihren gepeinigten Untertanen den Rücken gestärkt hätte – so zumindest sieht es das apostolische Sprachrohr. Nun ja, man darf gespannt sein, was der mächtigste Christ jenem mehrfachen moslemischen Todsünder predigen wird, über den Erzbischof Tutu unlängst urteilte: Wir haben es mit einem boshaften Menschen zu tun. Ein Ölbykott würde auch in Abachas Dickkopf Wirkung zeigen. Nigerias Auslandsverschuldung beträgt 35 Mrd. Dollar, die durchschnittliche Inflationsrate der letzten zehn Jahre liegt bei 35%. Im Sommer soll eine demokratische Regierung gewählt werden – wer’s glaubt wird selig.

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