Filmtagebuch: „Kroos“

Kroos, Kino-Dokumentarfilm 2019:
Bilder, die Gänsehäute auslösen, große Bilder, die machen, dass man sich winzig fühlt, Bilder von verblüffend nah, von einem aber doch ganz unnahbaren Gladiator-Weltsuperstar des erfolgreichsten Fußballclubs aller Zeiten; Bilder von einem typischen Deutschen, dem Legionär Kroos, abgemischt mit Bildern vom deutschen Kleinbürgertum, deutschem Fußballvereinsleben, Bilder, die durchaus auch Klöße im Hals backen, bei denen man eigentlich gerne schnell weiterblättern möchte. Faszinierend beinahe, wie diese roboterhafte Hauptperson einem doch immer unpersönlicher, immer fremder wird. –

Wie ist doch alles weit ins Bild gerückt. Und doch ist unsichtbar, was uns entzückt.

– Was er denkt, fühlt, etwa über den Reiz des Fußballsports an sich, über diese Maschine, Großindustrie, erfährt man nicht, während die eigentliche, wahre Legende immer lebendiger, wahrhaftiger wird: sein Trainer, der Algerier, für mich seit jeher der größte, souveränste, originellste Fußballer überhaupt. Welchen Humor, Feinsinn DESSEN Eltern gehabt haben müssen, mit dem Namen Zidane den Sohn Zinedine zu nennen! Vielleicht sind die Kommentare dieses Sohnes deshalb so tiefgründig und inspirierend (weil die Eltern Humor hatten, Esprit). Aber das Zuhören lohnt sich auch bei den weniger klugen Interviewgebern, den banalen, bedrückenden, bedrückend banalen, bei den erstaunlich wenigen “typisch fußballerischen” Kommentaren… Allein, welchem Sinn die Kommentare des Sänger-Clown-Superstars Williams dienen, der behauptet, sich klein zu fühlen, erschließt sich mir nicht. Warum ausgerechnet er? – Ständig fragt man sich, wie die Filmemacher, Hoesch und Oldenburg – wer sind die? – es geschafft haben, all diese Leute vor die Kamera zu kriegen, all diese Genehmigungen zu erwirken. Und man fragt sich, WESHALB eigentlich Kroos das alles mit sich machen ließ, der übrigens stets sehr lebhaft beweist, wie schwer es ist, an der Kamera vorbei zu blicken. Eitelkeit kann es doch nicht gewesen sein. Und Geld sicherlich auch nicht – für einen, der mit dem Learjet zur Arbeit fährt. Selbstlose Großzügigkeit? Oder gilt seine geniale Fußballerfähigkeit des übergeordneten Überblicks auch für das andere, weltliche Leben? Sieht er etwas, das wir nicht sehen, wissen?…

Diese selten erhabene Gabe, inmitten von zwanzig herumwuselnden Testosteron-Bomben den stets antizipierenden Überblick zu behalten, als stehe er darüber und sehe alles in Zeitlupe, dies, und diese beneidenswerte Ruhe, die ihn beseelt – DAS macht ihn zum Helden. Aber will man mit diesem Helden tauschen, mit seinem Leben inmitten dieser furchteinfößenden Sterilität?…

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