Gesetzliche Handymitführpflicht ab Mai 2025 oder: Wie viel Smartphone ist gut für uns?

Unter dem Motto „Creating a Better Future“ startet am 26. Februar 2018 die wichtigste Smartphonemesse der Welt. Schlägt man deren Homepage auf, starren da fünf Kinder in der diffusen Weite einer nebeligen Steppe gemeinsam auf ein mobiles Display. Das gibt zu denken…

Einstimmung auf den World Mobile Congress in Barcelona von Frank Jankowski


„Mist! Eine Sekunde schneller, und ich hätte das Anfangslevel geschafft!“
Neben mir sitzen zwei artig gescheitelte Elf- bis Zwölfjährige einander gegenüber. Dicht vor ihren hochkonzentrierten Gesichtern wiegen beide seit einer Stunde Smartphones hin und her. „Ja“, antwortet der andere erst eine ganze Minute später, „Motorräder sind auch viel schneller, Alter!“ Nur selten beugt sich einer mal zum anderen rüber, etwa um zu erklären, wie viele Helme man braucht, um das Finale zu erreichen, oder dass „dieses Level jetzt auf Zeit geht: das musst du in einer Minute schaffen!“
Ihre Handhelds wurden per Fingerwisch zu Lenkrädern real existierender Boliden umfunktioniert, und die winzigen Mattscheiben sind jetzt Windschutzscheiben kühner Männerträume. Dahinter spielen sich Unfallszenen ab, die trotz ihrer tragischen Schwere nicht einmal einen Kratzer hinterlassen – allenfalls im Image des minorennen Spielers. In diesem Fall fährt der eine Steppke Audi, der andere Tesla, denn „Tesla ist geiler als Audi!“ – „Ich weiß, aber das Nitro ist cooler!“ – „Ich weiß“, murmelt der andere, schon wieder ins virtuelle Rennen versunken, „aber als nächstes nehme ich den 2015er Mustang, der ist richtig geil.“

Fotomontage von Frank Jankowski (Copyright!):
Originalgröße bei einer Auflösung von ca. 150 dpi: ca. 250 x 210 cm => 14.700 x 12.500 Pixel


Das Spiel, das die beiden während der gesamten Reisezeit von Hamburg nach Berlin in den Bann zieht, heißt „Asphalt 8“ und ist eines von ziemlich vielen erfolgreichen Autorennspielen, wie sie seit Anfang der 90er Jahre (ursprünglich für Spielkonsolen wie Playstation und Xbox) kontinuierlich weiterentwickelt werden. Bestimmt ganz schön teuer, denke ich, will es auch selbst ausprobieren, stelle jedoch zunächst einmal erstaunt fest, dass es gar nichts kostet, dann, dass mein eigenes Smartphone, eben erst gekauft, viel zu schwach auf der Brust ist. („eben erst“ bedeutet hier 2014).
Als Need for Speed-Nachahmer-Produkt des US-Riesen Electronic Arts (EA) wird die Asphalt-Serie seit 2004 vom französischen Videospielhersteller Gameloft entwickelt. Im Gegensatz zum Vorbild kostet Asphalt zunächst einmal nichts. Kritiker bemängeln jedoch die vielen trotz der Werbung anfallenden unübersichtlichen Folgekosten.
Ob Mütter und Väter es wollen oder nicht: Smartphones sind die Legosteine von einst. Diesen beiden Knaben ersetzen die neuen handlichen Minicomputer momentan gerade drei faszinierende Spielzeuge meiner eigenen Kindheit, nämlich Fallerbahn, Matchboxautos und Autoquartett (für eine echte Carrera-Rennbahn, seufz, hat mein Taschengeld nie gereicht). Applikationen ersetzen mittlerweile auch alle erdenklichen anderen Spielzeuge – von Geschicklichkeits-, Kreativitäts- und Konzentrationsspielen bis hin zu rein konsumtiver Kurzunterhaltung, wofür damals Comichefte zuständig waren. Alles per Fingertipp sofort online verfügbar. Sofern man „ein Netz hat“. Viele der neuen digitalen Spielzeuge lassen sich auch kollaborativ spielen, erfüllen somit faktisch einen sozialen Nutzen. Koop-Modus lautet hierfür die entsprechende Fachbezeichnung. Zu meiner Zeit hätte dieser Modus bedeutet, dass ich mit meiner Oma einkaufen gehe.
Die Elektromobilität hat ein neues altes Gesicht. Heute wissen nur noch wenige, dass hinter dem Namen Tesla der Erfinder des Zweiphasenwechselstroms steht, der in Serbien (bzw. Jugoslawien) ein Superstar war und mit Vornamen Nikola hieß.

Deshalb gilt es nun zu erforschen, wie viel davon eigentlich gut ist – für unsere Kinder. Aber auch für uns selbst, denn es dürfte ja bloß eine Frage der Zeit sein, bis eine gesetzliche Mitführpflicht für unsere mobilen Supercomputer erlassen wird. Wann könnte das sein? In sieben Jahren schon? Wohl kaum, denn – entgegen landläufiger Meinung – existiert bis dato nicht einmal eine Mitführpflicht für Personalausweise. Absehbar ist zumindest, dass bereits in kurzer Zeit kein Angehöriger der Zivilisation mehr daran vorbei kommt, eines jener technischen Wunderwerke bei sich zu tragen, für die es heute noch viele Bezeichnungen gibt, was die Unwägbarkeit dieser technischen Revolution ausdrückt. Die einen nennen es nach wie vor Handy, die anderen Smartphone, Handheld oder mobiles Endgerät. Manche sagen auch Ultra Mobile PC dazu oder MID (Mobile Internet Device). Es war ja auch nur eine Frage der Zeit, bis das Handy mit dem Internet verquickt wird – also die Geburtsstunde des Smartphones schlug. Den Personalausweis jedoch könnte das Handy dieser doch recht nahen Zukunft durchaus ersetzen.

»Das iPhone ist ein ernstzunehmendes Konkurrenzprodukt. Aber ich bin mir sicher, dass wir der Marktführer bleiben. «

Nokia-Sprecher Kari Tuuti, 2007

Wie das Portemonnaie vielen anderen Zwecken als bloß der Geldaufbewahrung dient, so stellt das Telefonieren längst nicht mehr die am meisten genutzte Funktion unserer Handys dar. Im Gegenteil: durch die Technik, kurze Textmitteilungen (meist sogar mit der Möglichkeit einer Empfangs und Lesebestätigung) in Echtzeit auszutauschen, empfinden wir spontanes Anrufen zunehmend als ungewöhnlich, oft sogar als unpassend. Insofern ist eigentlich auch die Bezeichnung Smartphone schon wieder obsolet.

» Ich habe Gott sei Dank Leute, die für mich das Internet bedienen. «

Michael Glos, Bundesminister für Wirtschaft und Technologie, 2007

Handys ersetzen uns heute bereits Flug- und Bahntickets, Eintrittskarten, Armbanduhren, Wecker, Diktiergerät, Terminkalender, Organizer, Notizblock, Reiselektüre, sie dienen uns als Wörterbuch, ja sogar als Simultandolmetscher, als Spielkonsole, Hifi-Anlage, Musikinstrument, Kofferradio, als Filmprojektor inklusive Kinoleinwand, Fernseher, Personal Computer inklusive Bildschirm, Tastatur und Maus, als MP3- bzw. Mediaplayer, Fotoapparat, Fotoalbum, Videokamera, Datenspeicher, Enzyklopädie, als Fernbedienung bzw. Steuerzentrale für diverse technische Geräte, als Landkarte und Navigator, Brief- und Postkasten, als Tonstudio, Taschenrechner, Taschenlampe, Wasserwaage, Bar-und QR-Code-Scanner und vieles mehr. Wir reservieren und entsperren unsere Car-Sharing-Vehikel damit. Und ganz bald wird es sicherlich auch die lästigen Schlüsselfummeleien ad acta legen. Mit dem Smartphone passt das Internet als das mit Abstand größte Warenhaus der Welt quasi in jede Hosentasche. Als globales Massenphänomen spielt es eine herausragende Rolle in allen Bereichen des menschlichen Lebens. Schon heute ersetzt es auch das klassische Schaufenster des Geschäftes vor Ort. Die „allgegenwärtige Verfügbarkeit“ wird dadurch in der Konsumgüterwelt zum Schlüsselbegriff. Die (gerade aufkommende) „digitale Geldbörse“ (aktuell bspw. durch „paydirekt“ vermarktet) wird unseren Bargeldverkehr womöglich schon in absehbarer Zeit signifikant reduzieren. Ebenso die von vielen Tausenden Verbrauchern schon lange herbeigesehnte Abschaffung althergebrachter Kassiertätigkeiten: machbar sind jetzt schon Abbuchungen durch Scannen digitaler Informationen (mittels RFID-Transponder) auf den Artikeln, und zwar automatisch beim Verlassen des Geschäfts mit der entsprechenden App. Und in nicht allzu ferner Zukunft wird es auch Bank-, Kreditkarten und Ausweisdokumente ersetzen.

» Ich denke, dass es weltweit einen Markt für vielleicht fünf Computer gibt. «

Thomas Watson, Chairman von IBM, 1943

Mobile Sensortechniken und die daraus resultierenden Möglichkeiten des Activity trackings (Smartphone als Wearable) oder Lifeloggings dienen zur Aufzeichnung und Versendung fitness- und gesundheitsrelevanter Daten wie etwa Laufstrecken, Energieumsatz, Herzschlagfrequenz oder Schlafqualität. Durchaus denkbar also, dass die besagte Mitführpflicht nicht von Seiten des Einwohnermeldeamts kommt, sondern von Seiten der Krankenkassen. Oder sie kommt von Seiten der Verkehrsplaner bzw. Verkehrsüberwacher, denn im alltäglichen Straßenverkehr wird die Digitale Transformation neben dem Gesundheitswesen ihre deutlichsten Ausprägungen zeitigen: Die zunehmende Nutzung von Big-Data-Informationen (wie schnell bewegen sich Autos wann und wie oft in welche Richtungen?), etwa durch „intelligente Lichtmasten“ gesammelt (die zugleich Data Mining bzgl. Wetter, Lärm- und Schadstoffbelastung, seismische Aktivitäten etc. betreiben) erlaubt eine völlig neue Verkehrsplanung. Bedarfsorientierte Ampelschaltungen lassen den Verkehr schneller fließen; GPS-Sender und Blackbox-Systeme werden mit großer Wahrscheinlichkeit zur Pflicht wie seinerzeit der Sicherheitsgurt. Und falls diese Technologien Bestandteile unserer Handys werden …

Egal, welche Zeitung man aufschlägt, welchen Newsletter man herunterscrollt oder welchen Blog man durchklickt: Unter den Schlagwörtern „Globalisierung“, „Digitalisierung“, Digitale Transformation“, sowie allen erdenklichen „4.0–“, „cyber–“ und „smart–“ Wortkompositionen bzw. einem schlichten „e“ vor altbekannten Begriffen, werden wir täglich mit neuen Technologien, neuen Apps, neuen Prozessen konfrontiert. Das Smartphone ist zugleich Symbol und Grundlage dieses Wandels. Quasi über Nacht revolutionierte die handliche Superrechner-Universalmaschine unser aller Leben. Smartphones wälzen ganze Industriezweige um und neutralisieren ganze Branchen. Per Smartphone vernetzt sich das Individuum mit der gesamten Menschheit und erschafft somit eine Art globale Intelligenz, ein überdimensionales Gehirn.
So kann man es sehen.
Fest steht: der multifunktionale brusttaschenkleine Kommunikationsroboter ist Dreh- und Angelpunkt einer neuen Ära der Menschheitsgeschichte, die vor allem eine Geschichte der Mobilität und der Kommunikation ist. Das internetaffine Smartphone verquickt beides zu ungeahnten Möglichkeiten: Mobilität und Kommunikation.
StatCounter ermittelte im Oktober 2016 erstmals einen weltweiten Vorsprung von mobilen Endgeräten gegenüber herkömmlichen Computern. Verglichen wurden die Datenverkehrsvolumina durch die Nutzung von Smartphones und Tablets (51,3 %) mit denen von Desktop-Geräten und Laptops (48,7 %).
Mitte 2015 erwirtschaftete die globale App-Economy einen Umsatz von über 100 Milliarden $. Damit überholte sie die seit 100 Jahren existierende Filmindustrie.
Die Zeit, da man sich über Passanten wunderte, die anscheinend Selbstgespräche führten, ist längst passé. Und wenn wir heute in der U-Bahn zur Arbeit fahren, empfinden wir es bereits als ganz normal, dass sämtliche Fahrgäste in ihre kleinen flach leuchtenden Elektrogeräte vertieft sind, anstatt Zeitung zu lesen oder sich mit ihren Sitznachbarn zu unterhalten. Eigentlich nehmen wir das nicht einmal mehr wahr, da wir selbst viel zu konzentriert damit beschäftigt sind, schnell noch ein paar letzte private Handwischer zu erledigen, ehe wir unseren wackeren Begleiter für Stunden aus der Hand legen, womöglich sogar ausschalten müssen.
Inwiefern werden sich unserer Gebräuche ändern, etwa unser Sprachgebrauch? „Wie schön, von Dir zu hören kann man heute eigentlich kaum noch sagen, da man sich mit dem Ausdruck dieses Gefühls in der Regel auf eine Kurztextnachricht bezieht – sei sie per Short Message Service (sms) angekommen oder per Instant Messaging-Dienst, wie das 2009 gegründete, 2014 von facebook übernommene US-amerikanische „WhatsApp“ oder das sehr viel kleinere, dafür angeblich diskretere schweizerische „Threema“. Oder über die diversen Kanäle anderer Chat- und Mikroblogging-Anbieter (Instagram, Twitter, Skype etc.). Werden wir ein neues Verb brauchen? Wird es ein Anglizismus sein? Oder wird sich im Laufe der kommenden Jahre die Semantik des Verbs „hören“ entsprechend ausdehnen, wie bspw. die Bedeutung des englischen Morphems „chat“. Wird es geschlechts- Pardon genderspezifische Wörter für bislang maskulin dominierte Begrifflichkeiten (z.B. der User) geben: die Userin?
Wo geht die Reise hin? Welche Rolle werden die Handys der Zukunft in unserem Leben spielen? Wie werden sie aussehen? Wie groß werden sie sein? Werden wir sie noch in den Händen halten müssen? Welche zusätzlichen Funktionen werden sie erfüllen? Wie lange werden die Akkus in zehn Jahren halten? Wird sich Korund als quasi unverwüstliches Displaymaterial durchsetzen? Werden sich organische LEDs etablieren? Mit welchen Innovationen wird man das meiste Geld verdienen?…
Einige Antworten auf solche Fragen werden wir sicherlich schon Ende Februar auf dem diesjährigen World Mobile Congress erhalten, der bereits seit über 30 Jahren von der in London und Zürich ansässigen GSM-Association veranstaltet wird, und von der gesamten Branche selten mit größerer Spannung erwartet wurde.

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