Kino als Charakterprüfung
Eindrücke aus dem Kino in der Kulturbrauerei – oder: Warum ich mir demnächst einfach ein Lagerfeuer anmache und Popcorn selbst röste.
Illustration:
ChatGPT (erstbestes Ergebnis zum minimalistischen Prompt:
„Erstelle mir eine Illustration, die zur folgenden Kritik passt:“)
Ich war mal wieder im Kino. Nicht, weil ich masochistisch veranlagt wäre, sondern weil ich – naiv wie ein frischgeschlüpfter Kulturmops – der Illusion anhing, Kino könne noch so etwas wie ein Erlebnis sein. Ein Ort der Versenkung, des Staunens, des gemeinschaftlichen Schweigens. Nun ja.
1. Der Einlass: Schlange stehen im kapitalistischen Wartehöllchen. Zunächst wartete ich gute 11 Minuten vor dem Tresen, weil ein einziges schicksalsergebenes Kind hinter der Theke versuchte, gleichzeitig Popcorn zu schaufeln, Cola zu zapfen, Nachos zu ertränken und den Untergang der westlichen Zivilisation aufzuhalten. Ich war geduldig. Bin ich ja immer. Bis ich sah, dass eine kleine Popcornschachtel 6,50 € kosten sollte. Sechs. Euro. Fünfzig. Ich wiederhole das, um die schiere Absurdität festzuhalten: Für gepufften Mais – ein Lebensmittel, das von Mutter Natur erdacht wurde, um den Hungertod von Hamstern zu verhindern – zahlt man inzwischen so viel wie für ein Tagesmenü beim Asiaten nebenan. Natürlich nicht bei dem auf dem Weihnachtsmarkt. Vielleicht ist ja der grotesk überteuerte Weihnachtsmarkt* Schuld. Vielleicht denken die Kinobetreiber, dass man, wenn man schon von diesem Weihnachtsmarkt-Konsumwahnsinn umzingelt wird, auch gleich mitmachen sollte…?!
2. Die Lichtorgie: Verhörraum deluxe. Endlich im Saal angekommen, stellte ich fest: Man will mich nicht in Ruhe lassen. Im Gegenteil – man beleuchtet mich. Direkt. In voller Intensität. Zwei Strahler von rechts und links, so präzise ausgerichtet, als hätten Stasi-Veteranen ihre Freizeitreaktivierung beschlossen, brannten mir ununterbrochen in die Netzhaut. 25 Minuten lang. Während der Vorschau. Ich nahm an, dass jemand gleich aus dem Dunkel treten und mir eine Akte auf den Schoß werfen würde: „Jankowski, wir wissen, dass Sie westliche Popkultur konsumieren. Brechen Sie jetzt zusammen oder erst nach dem Langnese-Spot?“
3. Die Eis-am-Stiel-Folter: Doch nein – das Verhör war lediglich das Vorspiel zu einer Betrachtungsübung, in der man minutenlang eine Werbetafel für Eis am Stiel anstarrt. Eine Tafel. Statisch. Reglos. Im Grunde die audiovisuell anspruchslose Version eines Totenmaskenkonzerts.
4. Die Werbung: Konsumterror. Intellektueller Genozid. Autos für Menschen, die nie Auto fahren sollten. Versicherungen, die alle Schäden abdecken – außer die an der Seele. Familien, die so lächeln, als seien sie für die Eröffnungsfeier einer USA-Sekte gecastet. Es ist eine spezielle Art der Entwürdigung, mit der man das Publikum konfrontiert: Man bietet ihm ein Ticket für eine Traumwelt und führt es vorher durch einen moralisch-ästhetischen Trümmerhaufen.
5. Der Film? Ach ja. Der Film! Der begann dann irgendwann auch. Etwa 37 Minuten nach offizieller Startzeit. Meine Hornhäute hatten zu diesem Zeitpunkt die Farbe gealterten Pergaments. Ich war erschöpft, hungrig, entnervt – ein schlechter Zustand für jede Form von Kunst, außer vielleicht für expressionistische.
Fazit: Das Kino ist nicht tot – es ist lediglich zu einem Erlebnispark des Absurden mutiert. Ein psychologisches Fitnessstudio, in dem getestet wird, wie viel Blendlicht, Popcornwucher und Volksverdummung ein Mensch ertragen kann, bevor er schreiend ins Heimkino flüchtet. Ich werde wieder hingehen. Natürlich. Weil ich dumm genug bin, an so etwas wie „Magie“ zu glauben. Aber nächstes Mal bringe ich mein eigenes Popcorn mit. Für 30 Cent. Das ist immer noch teurer, als es eigentlich sein sollte. Aber zumindest kein Schwerverbrechen gegen die Menschheit.
* Ursprünglich als Google-Rezension um Weihnachten herum erstellt,
deshalb der Bezug zum gleichnamigen Konsumterror-Markt.
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