Böhmermann rehabilitiert Erdogan (mit Suppeneinlage aus gestocktem Ei)

Die Idee, törichten Social-Media-Nutzern ihre Arglosigkeiten vorzuführen, mag „neo“ sein, zumindest zeitgemäß. Intelligent aufbereitet, könnte sie interessant sein. Mit originellem Humor gewürzt, womöglich sogar unterhaltsam. Was das zweite deutsche Fernsehen daraus gemacht hat, ist jedoch weder intelligent noch originell.

Moderator Böhmermann, eine etwas zu laute, etwas zu unsouveräne, dennoch recht kecke kleine Rampensau, von der ich zum ersten Mal hörte, als sie kürzlich einen ziemlich gefährlichen Türken anpisste (was mir einen gewissen Respekt abnötigte), nutzt seine fragwürdige Popularität nun, um nette unbescholtene Bürger erst zu stalken, dann öffentlich zu mobben – weil sie aus guter alter Tradition im Schützenverein sind, bei der freiwilligen Feuerwehr, oder weil sie aus guter neuer Tradition ihre Klamotten bei eBay verkaufen.
Um denjenigen zuvor zu kommen, die meine Beschwerde über die gesetzliche Nötigung zur Duldung fahrlässiger Körperverletzung durch das Fernsehen gelesen haben: Ich war außer Haus, glotzte lediglich MIT, letzte Woche: „Neo Magazin Royale“ hieß das Spektakel. Royal war es jedoch mitnichten. Es sei denn, mit „Royale“ wäre die gleichnamige Suppeneinlage aus gestocktem Ei gemeint.
Eine Studentin hatte mit Böhmermanns Hilfe ein Praktikum bei einem öffentlichen Rundfunksender ergattert. Damit sie nachts irgendwo alleine Material aufnehme, händigte man ihr eine 5000-Euro-Kamera aus. Auf dem Rückweg kam das gute Stück abhanden. Schande genug. Böhmermann geht dieses Gespür für Sportlichkeit komplett ab, nimmt sich unendlich viel Zeit, um mit seinen klebrigen Fingern auf die junge Frau zu zeigen, die bereits auf dem Boden liegt, um noch einige Male herzhaft nachzutreten. Wieso hat man der Schutzbefohlenen, die mit einem solchen Auftrag ohnehin überfordert war, überhaupt solch teure Gerätschaften anvertraut? Ein 4K-Camcorder für 700 Euro hätte es doch auch getan! Ist es jetzt üblich, Praktikanten die Basics erledigen zu lassen?
Zwei junge Männer sollen nach zehn Schritten mit Paintballs auf einander schießen. Der eine schießt bereits nach vier Schritten, wird für sein unsportliches Verhalten mit 5000 Euro belohnt, weil der Moderator nicht schlagfertig genug ist, diese Rüpelhaftigkeit zu sanktionieren.
Mir reicht’s eigentlich längst, aber ich muss wissen, wie die Pointe ausfällt.
Ganz sicher wird es eine geben!
Die nächste Peinlichkeit gibt ein dickleibiger älterer Herr, der offenbar gerade einen Orthoepie- und einen Peepshow-Kursus absolviert hat. Aus irgendeinem absolut unersichtlichen Grund muss sich der arme Kerl, der unserem Bundeskanzler in spe ähnelt, minutenlang an einem Schönerwohnenambiente aufgeilen, rekelt sich mit beeindruckender Ungeniertheit sogar nackt vor der Kamera.
Mein Ekel setzt bereits Schimmel an, aber ich harre aus, muss unbedingt noch die Pointe mit der verschwundenen Kamera erfahren. Sicherlich wurde sie von einem ZDF-Mitarbeiter entwendet, um sie der untröstlichen Verliererin gleich unter großem Hallo zurückzugeben. Oder es ist der neue Praktikant, der diese ganze witzlose Aneinanderreihung posthalbstarker Geschmacklosigkeiten hier zu verantworten hat. Das wäre verzeihlich. Sicherlich wird es sogar noch viel origineller – verzeihlicher…!
Illusion auf ganzer Linie. Die Pointe bleibt aus. Was bleibt, ist ein schales Gefühl, kopfschüttelndes Bedauern… Und was noch bleibt, sind die beiden Schlüsse, die ich aus dem Erlebten ziehen muss: Erstens ist – aller Wahrscheinlichkeit nach – auch Erdogan in Wahrheit nur ein netter unbescholtener Mensch. Und dass jetzt auch das ZDF solche RTL-Schamlosigkeiten ausstrahlt, bestätigt – zweitens – meine Weigerung, pauschale TV-Gebühren zu bezahlen.
Armes Deutschland.

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