Turgenjew über Gogol

Eine höchst aufschlussreiche biographische Skizze von Ivan Turgenev aus dem Jahre 1868.

Aus dem Russischen exklusiv übertragen von Frank Jankowski – Stand: 1990

Der verstorbene Michail Semjonovitsch Schtschepkin führte mich bei Gogol ein. Ich erinnere mich an den Tag unseres Besuchs: Es war der 20. Oktober 1851. Gogol lebte damals in Moskau, bei dem Grafen Tolstoj, in der Nikitskijstraße, im Hause Talyzins. Wir erschienen um ein Uhr nachmittags. Er empfing uns recht familiär. Nachdem wir eingetreten waren, erblickte ich Gogol, wie er mit einer Feder in der Hand vor seinem kleinen Kontor stand. Er trug einen dunklen Überrock, eine grüne Samtweste und braune Pantalons.
Eine Woche zuvor hatte ich ihn im Theater bei der Revizor-Aufführung gesehen. Er saß in einer Loge der Beletage direkt neben der Tür, und während er den Kopf zwischen den Schultern zweier korpulenter Damen herausstreckte, die ihm als Schutz vor der Neugier des Publikums dienten, verfolgte er mit nervöser Unruhe das Bühnengeschehen.
F., der unmittelbar neben mir saß, hatte mich auf ihn aufmerksam gemacht. Ich drehte mich schnell nach ihm um, um einen Blick auf ihn zu werfen; offenbar hatte er meine Bewegung jedoch bemerkt und wich zurück in die Ecke. Mich hatte die Veränderung verblüfft, die seit 1841 mit ihm vorgegangen war. Ich war ihm damals zwei, drei Male bei Avdotja Petrovna Je-na begegnet. Zu dieser Zeit war er untersetzt, kompakt und gedrungen. Nun erwies er sich als ein magerer und abgezehrter Mensch, der bereits auf seinen Lebensabend zusteuert. Irgendein bedrückender Schmerz, eine Sorge, eine Art trauriger Unruhe hatte sich des pausenlos beobachtenden Ausdrucks seines Gesichts bemächtigt.

***

Als er Schtschepkin und mich erblickte, kam er uns sogleich mit fröhlichem Blick entgegen, und während er mir die Hand schüttelte, sagte er: „Unsere Bekanntschaft war längst überfällig“.
Wir aßen. Ich hatte neben ihm auf dem breiten Divan platzgenommen; Michail Semjonovitsch saß direkt neben ihm in einem Sessel. Ich betrachtete seine Züge etwas eindringlicher. Sein hellblondes Haar, das wie bei den Kosacken gerade von den Schläfen herunterfiel, hatte noch die Farbe der Jugend bewahrt, doch es lichtete sich bereits merklich. Wie eh und je verströmte seine sanft fliehende, glatte, weiße Stirn Esprit. Um seine kleinen braunen Augen huschte von Zeit zu Zeit ein Anflug von Fröhlichkeit echte Fröhlichkeit, nicht etwa Spott; aber ansonsten machten sie einen müden Eindruck. Die lange, spitz zulaufende Nase verlieh Gogols Physiognomie etwas Spitzbübisches, Ausgefuchstes; in ihren unbestimmten Umrissen schlummerte so zumindest schien es mir die dunkle Seite seines Charakters: Während er redete verbogen sie sich auf unangenehme Weise und entblößtem eine Reihe schlechter Zähne; sein kleines Kinn ging in das breite Halstuch aus schwarzem Samt über. In Gogols Haltung und in seinem Gebaren lag weniger etwas Professorales, als vielmehr etwas Lehrerhaftes, etwas, daß an die Lehrkräfte an den Instituten und Gymnasien der Provinz erinnerte.
‚Was bist du nur für ein intelligentes und seltsames und krankes Wesen‘, dachte ich unwillkürlich, während ich ihn betrachtete. Ich entsinne mich, zusammen mit Michail Semjonovitsch zu ihm gefahren zu sein, wie zu einem außergewöhnlichen, genialen Mann, der nicht mehr ganz richtig im Kopf ist…
Ganz Moskau dachte so über ihn. Michail Semjonovitsch hatte mich gewarnt, ihn auf die Fortsetzung der <Toten Seelen> anzusprechen, auf jenen zweiten Teil, an dem er sich schon so lange und hartnäckig abgemüht hatte, und den er bekanntlich kurz vor seinem Tode verbrennen sollte; er möge diese Art von Gesprächen nicht.
Den <Briefwechsel mit Freunden> hätte ich schon von mir aus nicht zur Sprache gebracht, da ich über ihn nichts Gutes hätte sagen können. Im übrigen war ich auch gar nicht auf irgendeine Diskussion vorbereitet, sondern hatte lediglich Lust verspürt, mich mit einem Mann zu treffen, dessen Werk ich beinahe auswendig kannte. Für die jungen Leute von heute ist es schwierig, jenen Zauber nachzuvollziehen, der damals seinen Namen umgab. Heutzutage gibt es ja auch niemanden, auf den sich die allgemeine Aufmerksamkeit so massiv konzentriert.

***

Schtschepkin hatte mich schon im Vorfeld darüber in Kenntnis gesetzt, daß Gogol nicht gerade sehr redselig sei; in Wirklichkeit verhielt es sich anders. Gogol redete viel und lebhaft, wobei er jedes Wort gemessen ausstieß und betonte, was nicht nur nicht unnatürlich anmutete, sondern, im Gegenteil, seiner Sprechweise eine angenehme Gewichtigkeit und Eindrücklichkeit verlieh. Er sprach auf dem ‚o‘ – andere, für das russische Ohr weniger liebenswerte Eigenheiten das kleinrussischen Dialekts, waren mir nicht aufgefallen. Alle seine Worte wurden korrekt und sprachgewandt, geschmackvoll und treffsicher gesetzt. Der Eindruck der Müdigkeit, der kränkelnden, nervösen Unruhe, den er anfänglich auf mich erweckte, war verschwunden. Er sprach über die Bedeutung der Literatur, über die Berufung des Schriftstellers; ließ ein paar feine und wahre Bemerkungen über den eigentlichen Arbeitsprozeß fallen, über die, wenn man so sagen darf, Physiognomie des Schaffens an sich; und all dies mittels einer bildhaften, originellen Sprache – und das, so war mein Eindruck, ohne sich auch nur im Geringsten vorbereitet zu haben, wie es ja bei ‚Berühmtheiten‘ fast immer der Fall ist.
Erst als er auf die Zensur zu sprechen kam, indem er sie fast rühmte, beinahe als ein Mittel heiligte, das dem Schriftsteller eine Routine verschaffe, seine Fähigkeit, sein geistiges Kind zu verteidigen sowie Geduld und eine Menge anderer christlicher und weltlicher Tugenden zu fördern, erst da wurde mir klar, daß er aus einem stereotypen Arsenal schöpfte. Aber auf diese Art und Weise die Notwendigkeit der Zensur beweisen zu wollen, bedeutete das nicht auch, die Gerissenheit und Verschlagenheit der Sklaverei zu befürworten, um nicht zu sagen: zu loben?
Ich toleriere ja noch das italienische Gedicht «Wir sind Sklaven, ja aber Sklaven, die ewiglich entrüstet sind!»; aber eine scheinheilige Rechtfertigung und Verklärung der Sklaverei?.. nein! Besser gar nicht erst drüber reden. In ähnlichen Stellungnahmen und Beurteilungen Gogols schlug sich der Einfluß jenes brisanten Höhenflugs nieder, dem ein Großteil des <Briefwechsels> gewidmet war: Von dorther kam auch dieser modrige, fade Geruch. Und überhaupt wurde mir recht bald bewußt, daß zwischen Gogols und meiner Weltanschauung ganze Welten lagen. Wir haßten nicht das gleiche und liebten nicht das gleiche; trotzdem erschien mir das alles in jenen Augenblicken unwichtig. Ein großer Dichter, ein großer Künstler saß mir gegenüber und ich sah ihn an und hörte ihm andächtig zu, auch wenn ich nicht seiner Meinung war.

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Gogol wußte wahrscheinlich von meinen Beziehungen zu Bjelinskij und Iskiander. Über den ersten der beiden, über dessen Brief an ihn, verlor er kein Sterbenswörtchen: Mit diesem Namen hätte er sich die Zunge verbrannt. Allerdings war zu jener Zeit gerade Iskanders Artikel in einer ausländischen Ausgabe erschienen, in welchem er Gogol wegen des berüchtigten <Briefwechsels> Vorwürfe gemachte hatte, da dieser von seinen früheren Überzeugungen Abstand genommen habe. Gogol fing selbst an, über diesen Artikel zu reden. Aus den Briefen, die erst nach seinem Tode veröffentlicht wurden (Oh! Was für einen großen Dienst hätte ihm doch sein Verleger erweisen können, wenn er ganze zwei Drittel ausgenommen hätte, oder zumindest wenigstens diejenigen, die an jene weltlichen Damen gerichtet waren … ein widerlicheres Gemisch aus Stolz und Nachstellerei, Scheinheiligkeit und Eitelkeit, prophetischen und schmarotzerhaften Tons ist in der Literatur nicht zu finden!) Aus diesen Briefen also wissen wir, welch unheilbare Wunde dieses ganze Fiasko in Gogols Herz gerissen hatte dieses Fiasko, das man als eine der wenigen tröstlichen Erscheinungen der damaligen gesellschaftlichen Meinung begrüßen muß. Und ich und der verstorbene Schtschepkin wurden an jenem Tag unseres Besuchs Zeugen, wie sehr ihn seine Wunde noch schmerzte. Plötzlich sich verändernd, begann Gogol mit gehetzter Stimme, uns davon zu überzeugen, daß er nicht verstehen könne, warum manche Leute in seinen früheren Werken irgendeine Gegensätzlichkeit sahen, irgend etwas, das er später dann anders gemacht haben solle, und daß er sich schließlich stets an immer dieselben religiösen und behüteten Grundsätze gehalten habe; zum Beweis wollte er uns einige Stellen aus einem seiner schon vor langer Zeit erschienen Bücher vorlesen… Während Gogol diese Worte ausstieß, sprang er mit beinahe jugendlicher Lebhaftigkeit vom Divan auf und rannte ins Nebenzimmer. Michail Semjonytsch zog nur mitleidig die Augenbrauen hoch und erhob seinen Zeigefinger. „So habe ich ihn noch nie zuvor erlebt“, flüsterte er mir zu…

***

Gogol kam mit den <Arabesken> zurück und beeilte sich, uns aufs Geratewohl ein paar Stellen aus einem dieser kindisch aufgeblasenen und anstrengend leeren Aufsätze, von denen der ganze Sammelband voll war, vorzulesen.
Soweit ich mich erinnere, ging es um die Notwendigkeit einer strengen Ordnung, eines bedingungslosen Gehorsams gegenüber den Machthabern und dergleichen. „Bitte, da sehen sie es ja selbst“ bekräftigte Gogol, „ich habe auch früher schon genau das gleiche gedacht, genau dieselben Überzeugungen vertreten wie heute!.. In welchem Aufsatz soll ich denn einen Rückzieher gemacht haben? Weshalb tadelt man mich denn bloß?.. Mich!“ Und das sagte der Autor des <Revizors>, einer der kritischsten Komödien, die jemals auf die Bühne gebracht wurden. Schtschepkin und ich sagten kein Wort. Schließlich warf Gogol das Buch auf den Tisch und fuhr fort, über die Kunst zu sprechen, über das Theater; er erläuterte uns, daß er mit der schauspielerischen Darstellung unzufrieden geworden sei, daß die Schauspieler „den Ton verloren hatten“ und daß er bereit sei, ihnen das gesamte Stück vom Anfang bis zum Ende vorzutragen. Schtschepkin nahm ihn sofort beim Wort und verabredete Ort und Zeitpunkt der Lesung. Irgendeine alte Gutsbesitzerin kam zu Besuch; sie hatte ihm /spezielle/ Oblaten mitgebracht. Wir verabschiedeten uns.

***

Ein paar Tage später4 fand in einem Saal des Hauses, wo Gogol wohnte, die Lesung das <Revizors> statt. Ich hatte um Erlaubnis gebeten, an dieser Lesung teilnehmen zu dürfen. Der verstorbene Professor Schevyrjov befand sich ebenfalls unter den Zuhörern und, wenn ich mich nicht täusche, auch Pogodin. Zu meinem großen Erstaunen waren bei weitem nicht alle im <Revizor> mitspielenden Darsteller der Einladung Gogols gefolgt: Es war ihnen offenbar unangenehm gewesen, daß man ihnen Unterricht erteilen wollte! Von den Schauspielerinnen war keine einzige erschienen. Soweit ich es beurteilen konnte, war Gogol wegen dieser gleichgültigen und schwachen Resonanz auf seinen Vorschlag verbittert… Es ist ja allgemein bekannt, wie sehr er mit solchen Freundschaftsdiensten ansonsten zu geizen pflegte. Sein Gesicht nahm einen düsteren und kalten Ausdruck an; seine Augen spähten argwöhnisch in die Runde. An diesem Tag sah er wahrhaftig wie ein kranker Mann aus. Er hub an zu lesen und lebte wieder ein bißchen auf. Seine Wangen bedeckte ein leichtes Rot; seine Augen weiteten sich und hellten auf. Gogols Art vorzulegen war brillant…Ich hörte ihn damals zum ersten und zum letzten Mal. Dickens, ein ebenfalls vorzüglicher Leser, spielt, so könnte man sagen, seine Romane; seine Art vorzulegen ist dramatisch, beinahe theatralisch. Aus seiner einzelnen Person erwachsen mehrere erstklassige Schauspieler, die einen bald zum Lachen, bald zum Weinen bringen; im Gegensatz dazu beeindruckte mich Gogol mit seiner außergewöhnlichen Schlichtheit, mit seiner beherrschten Art, seiner wichtigen und zugleich naiven Aufrichtigkeit, der es sozusagen egal war, ob es Zuhörer gab und was diese dachten. Es hatte den Anschein, als sei es ihm einzig und allein darum zu tun gewesen, wie er in das Wesen der Sache eindringen konnte, die ja auch für ihn selbst neu war, und wie er seinen eigenen Eindruck am glaubhaftesten vermitteln konnte; und er erzielte damit einen unglaublichen Effekt, vor allem mit den komischen, humoristischen Passagen. Es war überhaupt unmöglich, nicht zu lachen allerdings war dies ein gutes, gesundes Lachen. Der Verursacher des ganzen Spaßes jedoch machte weiter, ohne sich von der allgemeinen Belustigung beirren zu lassen, und, indem er sich innerlich sogar darüber zu wundern schien, vertiefte er sich immer weiter in seine Sache. Nur ab und zu bemerkte man, wie auf den Lippen und um die Augen des Meisters herum ein verschmitztes Lächeln aufzuckte. Mit welchem Befremden, mit welcher äußersten Verblüffung intonierte Gogol den berühmten Satz des Stadthauptmanns über die zwei Ratten (gleich zu Beginn des Stückes). „Sie kamen an, schnüffelten ein bißchen herum und hauten wieder ab!“ Er musterte uns sogar ausgiebig, wie um eine Erklärung für diesen erstaunlichen Zwischenfall zu erbitten. Erst hier wurde mir klar, wie falsch und oberflächlich, mit welcher Gier, nur möglichst schnell Gelächter auszulösen, der <Revizor> im Grunde genommen normalerweise heruntergespielt wurde. In freudiger Verzückung versunken saß ich da: Für mich bedeutete dies ein lukullisches Gelage, ein Festschmaus. Leider dauerte es nicht lange an. Gogol hatte noch nicht einmal die Hälfte des ersten Aufzugs vorgetragen, als plötzlich geräuschvoll die Tür aufgestoßen wurde und, hektisch grinsend und mit nickendem Kopf, ein noch blutjunger aber ungewöhnlich aufdringlicher Literat durchs Zimmer sauste und, ohne irgend jemandem ein Wort zu sagen, eilig in der Ecke platz nahm. Gogol hielt inne, läutete mit aller Kraft die Glocke und bemerkte warmherzig zu seinem eintretenden Kammerdiener: „Ich hatte Dir doch aufgetragen, niemanden einzulassen?“ Der junge Literat rutschte ein wenig auf seinem Stuhl herum, zeigte sich jedoch ansonsten nicht im geringsten verlegen. Gogol nippte an seinem Wasserglas und setzte ein zweites Mal zu lesen an: Doch es war nun etwas völlig anderes. Er las jetzt viel schneller, fing an zu nuscheln, verschluckte die Endsilben; mitunter ließ er ganze Sätze aus und winkte bloß ab. Das plötzliche Erscheinen des Literaten hatte ihn aus der Fassung gebracht: Seine Nerven ertrugen offenbar nicht die geringste Belastung. Nur in der berühmten Szene, wo Chlestakov das Blaue vom Himmel lügt, faßte Gogol wieder Mut und erhob seine Stimme. Er wollte dem Darsteller der Rolle, Ivan Andrejevitsch demonstrieren, wie man diese wahrhaft schwierige Stelle vermitteln muß. Durch Gogols Interpretation erschien sie mir natürlich und glaubwürdig. Chlestakovs Rolle packt einen sowohl aufgrund der Seltsamkeit seiner Situation, als auch aufgrund der Menschen, die ihn umgeben und wegen seiner urtümlich leichtsinnigen Behendigkeit. Obgleich er weiß, daß er lügt, glaubt er das was.er sagt: es ist wie ein Rausch, wie eine Eingebung, wie ein schriftstellerisches Entzücken es ist vielmehr als bloß eine einfache Lüge oder einfache Angeberei. Und er wurde selbst davon ‚erfaßt‘. „Im Vorzimmer schwirren die ganzen Bittsteller herum, 35 Tausend Stafetten kommen angaloppiert und dann immer dieser Blödsinn, ich sei, nun, es hat sich ja herumgesprochen … was für ein aufgeweckter, lustiger und wohlerzogener junger Mann ich angeblich bin!“5 Was für eine Wirkung konnte doch Chlestakovs Monolog aus Gogols Munde erzeugen. Die Lesung des Revizors an jenem Tag war jedoch im Grunde genommen, wie Gogol sich selbst ausdrückte, nichts weiter als eine Andeutung, ein Schema; und alles wegen der Liebenswürdigkeit dieses ungebetenen Literaten, der seine Rücksichtslosigkeit noch so weit trieb, als letzter bei dem erblaßten, ermatteten Gogol zu bleiben und sich hinter ihm in dessen Arbeitszimmer hinein zu drängeln. Nachdem ich mich im Flur von Gogol verabschiedet hatte, sah ich ihn niemals mehr wieder; aber seine Persönlichkeit sollte noch einen bedeutenden Einfluß auf mein Leben ausüben.

***

In den letzten Tagen des Monats März, im darauffolgenden Jahr 1852, befand ich mich auf einer morgentlichen Sitzung des kurz danach aufgelösten Vereins für Armenbesuche im Saal der Höfischen Versammlung, als ich plötzlich I. I. Panajev bemerkte, der mit krampfhafter Eile vom einen zum nächsten rannte und anscheinend jedem eine unerwartete und ernste Nachricht mitzuteilen hatte, denn jedes Gesicht drückte sofort Erstaunen und Bedrückung aus. Endlich kam Panajev auch zu mir gerannt, verkündete sanft lächelnd und mit gleichmütiger Stimme: „Weißt du was, Gogol ist gestorben, in Moskau. Aber wie, aber wie!… Erst sämtliche Aufzeichnungen verbrannt – und tot“ und sauste weiter. Nein, es konnte zwar keinen Zweifel daran geben, daß sich Panajev ähnlich wie jener Literat innerlich über diesen Verlust grämte, aber auch wenn er ein gutes Herz hatte – das Vergnügen, der erste Mensch zu sein, der einem anderen die traurige Neuigkeit zuträgt (den gleichmütigen Ton hatte er zum größeren Nachdruck angeschlagen), dieses Vergnügen, diese Freude, erstickte in ihm jegliches andere Gefühl. Schon seit einigen Tagen war in Petersburg das düstere Gerücht von Gogols Krankheit kursiert; einen solchen Ausgang jedoch hatte niemand erwartet. Unter dem ersten Eindruck der mir übermittelten Nachricht, verfaßte ich folgenden Artikel:

Ein Brief aus Petersburg „Moskauer Nachrichten“, 1852, 13. März, Nr. 32, S. 328f.

Gogol ist tot! Welche russische Seele vermochten diese drei Worte nicht zu erschüttern? Er ist tot. Unser Verlust ist so grausam und so unvermittelt, daß wir es noch gar nicht wahr haben wollen. Zur selben Zeit, als wir alle noch hoffen konnten, daß er endlich sein langes Schweigen brechen möge, daß er unsere ungeduldigen Erwartungen erfüllen, sie übertreffen möge, da erreicht uns diese unselige Botschaft! Ja, er ist tot, dieser Mensch, den wir nunmehr das Recht haben, das bittere Recht, das uns durch seinen Tod verliehen wurde, einen großen Mann zu nennen. Ein Mann, der mit seinem Namen eine Epoche unserer Literaturgeschichte geprägt hat; ein Mann, auf den wir ebenso stolz sind, wie auf unseren Ruhm! Er ist tot, ausgelöscht in der Blüte seines Lebens, auf dem Höhepunkt seiner Kräfte, ohne sein begonnenes Werk abgeschlossen zu haben so, wie es seinen vortrefflichsten Vorgängern ergangen ist … Sein Verlust beschwört den Gram über all diese unvergeßlichen Verluste erneut herauf, wie eine neue Wunde die Schmerzen des alten Geschwürs aufpeitscht. Dies ist nicht die Zeit und nicht der Ort, um über seine Verdienste zu sprechen das ist Sache der zukünftigen Kritiker; man kann nur hoffen, daß sie ihrer Aufgabe gewachsen sind und ein zwar unvoreingenommenes, aber auch mit Verehrung und Liebe erfülltes Urteil fällen werden, mit dem auch die anderen Großen im Angesicht der nachfolgenden Generation bedacht werden. Allein, es ist nicht an uns. Wir wollen lediglich eines der Echos jener großen Trauer sein, die sich überall um uns herum spürbar ausbreitet; wir wollen ihn nicht bewerten, sondern beweinen; wir besitzen nicht die Kraft, jetzt ruhig über Gogol zu reden … sein liebes und vertrautes Bild verschwimmt vor unseren tränenbenetzten Augen… An dem Tag, da die Stadt Moskau ihn beisetzen wird, wollen wir ihr von hieraus unsere Hand entgegenstrecken und uns mit ihr in dem Gefühl der gemeinsamen Trauer vereinen. Es war uns nicht vergönnt, ein letztes Mal sein lebloses Antlitz zu betrachten; aber wir senden ihm von fern unseren Abschiedsgruß, und mit andächtigem Empfinden legen wir das Tribut unserer Trauer und unserer Liebe auf sein frisches Grab, in das wir nicht die Möglichkeit hatten, so wie die Moskowiter, eine Handvoll Heimaterde zu werfen! Der Gedanke, daß sein Leichnam in Moskau ruhen wird, erfüllt uns mit einer irgendwie kummervollen Befriedigung. Ja, soll er ruhig dort, im Herzen Rußlands, ruhen, das er so genau kannte und liebte, so innig liebte, daß die gleichgültigen oder kurzsichtigen Menschen die Existenz dieser flammenden Liebe in jedem einzelnen seiner an sie gerichteten Worte gar nicht bemerkten! Und wie unbeschreiblich schwer ist es für uns, sich klarzumachen, daß die letzten, reifsten Früchte seines Genies für uns unwiederbringlich vernichtet sind mit Schrecken lauschen wir den grauenerregenden Geräuschen ihrer Vernichtung… Es erübrigt sich wohl, über die wenigen Menschen zu sprechen, denen unsere Worte übertrieben oder gar unangebracht erscheinen … Der Tod besitzt eine reinigende und versöhnende Kraft; Verleumdung und Mißgunst, Unverständnis und Feindschaft all dies verstummt vor dem bescheidensten Grab! Sie werden auch an Gogols Grab nicht damit anfangen. Was es auch für ein Platz sein wird, den ihm die Geschichte auserkoren hat, wir sind davon überzeugt, daß sich niemand weigern wird, uns jetzt nachzusprechen: Friede seinem Leichnam, seinem Leben ewiges Gedenken und ewiger Ruhm seinem Namen!
Turgenev

Hinsichtlich dieses Artikels (über den man damals völlig zurecht die Ansicht vertrat, daß es keinen reichen Geschäftsmann gibt, auf dessen Tod die Zeitschriften nicht mit größerem Eifer reagieren würden) erinnere ich mich an folgende Begebenheit: Eine sehr hochgestellte Petersburger Dame vertrat die Ansicht, daß die Strafe, die ich wegen dieses Artikels abzubüßen hatte, unverdient gewesen sei und in jedem Fall zu streng, zu hart… Mit einem Wort, sie war leidenschaftlich für mich eingetreten. „Aber sie haben ja keine Ahnung!“ versicherte ihr jemand, „Er nennt Gogol in seinem Artikel einen großen Mann!“ „Nicht möglich!“ „Aber wenn ich es ihnen doch sage!“ „Ach so! Also in diesem Fall habe ich nichts gesagt: Je regrette, mais je comprends qu’on ait du sevir.“

Ich hatte den Artikel einer Petersburger Zeitschrift zugeschickt; aber ausgerechnet zu dieser Zeit wurde die Zensur gerade für einen unbestimmten Zeitraum massiv verschärft … solche crescendo /sic!/ fanden relativ häufig statt und muteten für den ständigen Beobachter ebenso grundlos an, wie etwa der Sterblichkeitsanstieg während der Epidemien. Mein Artikel ist nicht an einem der darauffolgenden Tage erschienen. Als ich auf der Straße meinen Verleger traf, erkundigte ich mich, was das zu bedeuten habe. „Sehen sie sich das Wetter an“, antwortete er bildhaft: „Es ist sinnlos, darüber nachzudenken.“ Ja, aber der Artikel ist vollkommen harmlos, bemerkte ich. „Harmlos?“ widersprach der Verleger: „Darum geht es doch gar nicht; es ist einfach nicht erwünscht, an Gogols Namen zu erinnern, das ist alles. Zakrevskij hat an der Beerdigung im Andrejevskaja Lenta teilgenommen: gegen so etwas ist man hier allergisch.“ Kurz darauf erhielt ich einen Brief von einem guten Bekannten aus Moskau, der vor lauter Vorwürfen nur so überquoll. „Was?!“ schrie er: „Gogol stirbt und nicht ein einziges Blatt bei Euch reagiert?! Dieses Schweigen ist erbärmlich!“ In meinem Antwortbrief erklärte ich meinem Bekannten selbstverständlich mit entsprechend scharfen Formulierungen den Grund dieses Schweigens und legte ihm als Dokument zum Beweis meinen verbotenen Artikel bei. Er reichte ihn unverzüglich an den damaligen Kurator des Moskauer Bezirks, General Nazimov, zur Prüfung weiter und erhielt von ihm die Genehmigung, ihn in den <Moskauer Nachrichten> abzudrucken. Das war Mitte März, und am 16. April wurde ich wegen Ungehorsams und Verletzung der Zensurbestimmungen für einen Monat im Untersuchungsgefängnis unter Arrest gestellt (die ersten 24 Stunden verbrachte ich in der ‚Sibirka‘ und unterhielt mich mit einem ausgesucht höflichen und gebildeten Polizeiunteroffizier, der mir von seinen Spaziergängen im Wintergarten und vom „Aroma der Vögel“ erzählte) und hernach wurde ich dann auf mein Landgut verbannt. Ich habe nicht die geringste Absicht, die damalige Regierung zu bezichtigen, dennoch: Der Kurator des Patersburger Bezirks, der mittlerweile verstorbene Musin-Puschkin stellte die Angelegenheit aus mir unersichtlichen Gründen als offenen Ungehorsam meinerseits dar; ohne mit der Wimper zu zucken, überzeugte er die Obrigkeit davon, daß er mich persönlich aufgefordert habe und mir persönlich das Verbot des Zensur-Kommitees ausgehändigt habe, demzufolge mein Artikel nicht veröffentlicht werden dürfe (das Verbot dieses Zensors hatte mich nicht beirren können. Kraft der bestehenden Verordnungen unterlag mein Artikel nämlich der Genehmigung eines anderen Zensors), dabei habe ich Herrn Musin-Puschkin niemals persönlich gegenübergestanden und auch keine Erklärung von ihm erhalten. Selbstverständlich war es der Regierung unmöglich, einem so hohen Beamten zu mißtrauen, einer Vertrauensperson in einem dermaßen wichtigen Wahrheitsfindungsprozeß! Allerdings hatte die ganze Sache auch ihr Gutes, denn der Arrest und der Aufenthalt auf dem Lande waren mir zweifellos nützlich: es hat mich jenen Seiten des russischen Alltags näher gebracht, die meiner Aufmerksamkeit unter normalen Umständen sicher entgangen wären.9 Während ich noch dabei war, den vorhergehenden Artikel abzuschließen, fiel mir ein, daß meine erste Begegnung mit Gogol sehr viel früher stattgefunden hatte, als ich eingangs behauptete. Und zwar war ich einer seiner Hörer im Jahre 1835, als er an der St. Petersburger Universität Geschichte ‚lehrte‘.
Dieses Lehren ging ehrlich gesagt auf eine recht eigenartige Weise vonstatten. Erstens ließ er von drei Vorlesungen garantiert zwei ausfallen; zweitens sprach er nicht, selbst wann er sich mal hinter dem Katheder blicken ließ, sondern flüsterte etwas ganz und gar Zusammenhangloses, zeigte uns kleine Stahlstiche mit Ansichten von Palästina und anderen orientalischen Ländern und war die ganze Zeit fürchterlich unsicher. Wir waren alle davon überzeugt (und werden uns wohl kaum allesamt geirrt haben), daß er überhaupt keine Ahnung von Geschichte hatte, und daß Herr Gogol-Janovskij, unser Professor (er bezeichnete sich im Vorlesungsverzeichnis so), nichts mit dem Schriftsteller Gogol gemein hatte, der uns bereits als Autor der <Abende auf dem Weiler bei Dikanka> bekannt war. Bei der Abschlußprüfung in seinem Fach hatte er sich angeblich wegen Zahnschmerzen ein Tuch um den Kopf gebunden und hockte da, wie ein Häufchen Elend, ohne auch nur ein einziges Mal den Mund aufzumachen. Er pflegte die Studenten nach seinem Professor I. P. Schulgin abzufragen. Ich sehe seine dürre, langnasige Gestalt mit den zwei wie Ohren weit abstehenden Enden des schwarzen Seidentuchs vor mir, als wäre es gestern gewesen. Zweifellos war sich seiner Komik und der ganzen Peinlichkeit seiner Lage selbst durchaus bewußt: im selben Jahr reichte er sein Rücktrittsgesuch ein. Das machte ihm weiter nichts aus, wenn er auch verlauten ließ. „Verkannt trat ich hinter das Katheder und verkannt trete ich von ihm zurück!“ Er war zum Erzieher seiner Zeitgenossen geboren aber eben nicht vom Katheder aus.


Anmerkungen des Übersetzers (Frank Jankowski)

Michail Semjonovitsch Schtschepkin (1788-1863); einer der damals berühmtesten Schauspieler; berichtete seinem Sohn zufolge: „…um drei Uhr /!/ besuchten Ivan Sergejevitsch und ich Gogol. Er begegnete uns vollends entgegenkommend; als dann Ivan Sergejevitsch auch noch berichtete, daß er einige seiner Werke ins Französische übersetzt habe und seine Lesungen in Paris großen Eindruck erweckt hätten, war Nikolaj Wassiljevitsch merklich erfreut und sagte Turgenev einige Liebenswürdigkeiten.“

Iskander: Hinter diesem Pseudonym verbirgt sich Alexander Ivanovitsch Herzen (eigtl. Jakovljev) (1812-1870), der den berühmten und einzigen Roman <Wer ist schuld?> (Kto vinovat) verfaßte. Aufschlußreich, daß Turgenev sich noch des Pseudonyms bedient, obwohl jener sich schon lange im Londoner Exil befand.

Belinskijs Brief vom 3. (15.) Juli 1847 wurde von Lenin „für eines der besten Werke der unzensierten demokratischen Presse“ gehalten. „Nur sein Tod“ heißt es in einer Anmerkung von Alfred Kurella von 1950, „rettete Belinskij vor strengster Bestrafung / … / Der Chef der III. Abteilung, L. W. Dubelt <bedauerte>, daß es ihm nicht gelungen war, den großen Kritiker <in einer Kasematte verfaulen zu lassen>. Bekanntlich wurde über F. M. Dostojevskij für die Vorlesung von Belinskijs Brief /… / die Todesstrafe verhängt, die dann in Zwangsarbeit in Sibirien umgewandelt wurde.

Beim Datum der Lesung handelt es sich – laut Akademie-Ausgabe – um den 5.November, also sehr viel später, als Turgenev selbst angibt.

Revizor-Zitat: Es handelt sich hierbei ganz offensichtlich um eine andere, frühere Fassung zumindest dieser Passage des <Revizors>. Alle mir zur Verfügung stehenden Fassungen sind bedeutend länger, beinhalten allerdings die Elemente des lautmalerischen Verbs, der heillos übertriebenen Zahl und des Eigenlobs. Entsprechende Anmerkungen fehlen in der Akademie-Gesamtausgabe… Vielleicht zitiert Turgenev aus dem Gedächtnis!?

Bei dem unbeliebten Literaten handelt es sich um Grigorij Petrovitsch Danilev- skij (1829-1890), den Turgenev auch als Schriftsteller nicht ausstehen konnte.

Der Brief des „Bekannten“ aus Moskau ist aller Wahrscheinlichkeit nach frei er- funden, da die in Frage kommenden Bekannten Feoktistov und Botkin keinen solchen Brief verfaßt haben.

Aus dem Tagebuch eines anderen Zensors, A. W.Nikitenko, wird ersichtlich, daß Turgenev die Wahrheit sagt.

Die Verbannung auf sein Familien-Landgut scheint Turgenev nicht sehr ernst genommen zu haben, da bekannt ist, daß er es im April 1853 heimlich verließ, um seine lebenslang unglücklich geliebte Sopranistin Pauline Viardot-Garcia (1821- 1910) zu besuchen, die zu dieser Zeit in Moskau gastierte. Von 1863 bis 1870 lebte er übrigens zusammen mit dem Viardot-Ehepaar in Baden-Baden und später lange Zeit in Frankreich.

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